Timothy Snyders Anti-Populismus-Buch 20 Thesen gegen Tyrannen

Der Welt droht ein Rückfall in düstere Zeiten, davon ist Timothy Snyder überzeugt. In "Über Tyrannei" erteilt der renommierte Historiker nun Anti-Populismus-Lektionen - seinerseits mit populistischem Einschlag.

DPA

Von


Das letzte Kapitel trägt den Titel "Sei so mutig wie möglich", es besteht aus einem einzigen Satz. "Wenn niemand von uns bereit ist, für die Freiheit zu sterben", heißt es da, "dann werden wir alle unter der Tyrannei umkommen."

Willkommen in Timothy Snyders neuestem Buch, oder besser gesagt: in seiner neuesten Provokation. Der renommierte Geschichtsprofessor aus Yale hat schon in seinen vorherigen Werken streitbare Thesen in markige Sätze gehüllt. Mit seinem jüngsten Werk aber entfernt er sich so weit vom Genre der wissenschaftlichen Abhandlung wie nie zuvor: Snyder hat eine hochpolitische Brandschrift verfasst, die sich wie eine letzte Warnung vor der drohenden Apokalypse liest.

"On Tyranny" (Über Tyrannei) hat Snyder den 120-Seiten-Band genannt, in dessen deutscher Übersetzung er seine Leser durchgängig duzt und ihnen "20 Lektionen für den Widerstand" erteilt - gegen Demagogen, Wahrheitsverdreher, Demokratieverächter. An keiner Stelle fallen die Namen von Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan oder Marine Le Pen. Aber sie sind auf jeder Seite mitgedacht. Darf ein seriöser Wissenschaftler das?

Zur Person
  • picture alliance / dpa
    Timothy Snyder, Jahrgang 1969, ist ein US-amerikanischer Zeithistoriker und Professor an der Yale University. Er beschäftigt sich vor allem mit dem Holocaust, Totalitarismus und der Geschichte Osteuropas. In Deutschland erregte er vor allem mit seinen Büchern "Bloodlands" und "Black Earth" Aufsehen.

Für Snyder stellt sich diese Frage gar nicht, dafür ist die Lage in seinen Augen viel zu ernst. "Die schlechte Nachricht ist, dass die Geschichte der modernen Demokratie eine des Verfalls und des Untergangs ist", schreibt er - und verweist auf die vielen aufblühenden Demokratien der vergangenen Jahrzehnte, die schon nach kurzer Zeit wieder verwelkten. Deutschland in den Zwanzigern, die Tschechoslowakei in den Vierzigern, Russland in den Neunzigern.

Und die Liste wird immer länger. In den vergangenen Jahren verloren etwa Ägypten und die Türkei ihre demokratische Rechtsstaatlichkeit, Ungarn und der komplette Westbalkan stehen auf der Kippe, Prototypdemokratien wie die USA oder Frankreich könnten als nächstes dran sein. Hier setzt Snyder an, seine Hoffnung lautet: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können aus ihr lernen."

Wie Snyder das meint, macht er mit Dutzenden Verweisen auf das 20. Jahrhundert deutlich. Zum Beispiel: "Die Faschisten lehnten die Vernunft im Namen des Willens ab und sie leugneten die objektive Wahrheit zugunsten eines glorreichen Mythos." Soll heißen: Das Konzept der Fake News, mit denen etwa die AfD Stimmung macht, gab es in anderer Form schon unter Hitler, Mussolini, Franco.

Dabei lag es freilich nicht an den Diktatoren allein, dass sie damit durchkamen. "Weil sich", so Snyder, "genügend Menschen freiwillig in den Dienst der neuen Führung stellten, merkten Nazis und Kommunisten gleichermaßen, dass sie rasch einen vollständigen Regimewechsel in Angriff nehmen konnten." Das droht derzeit etwa Russland unter Wladimir Putin, Snyder hat bei seinen Ausführungen aber stets Donald Trump im Sinn.

Und er fürchtet Fürchterliches: "Die plötzliche Katastrophe, die das Ende der Gewaltenteilung, die Auflösung von Oppositionsparteien, die Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Rechtsstaatlichkeit und so weiter fordert, ist der älteste Trick im Lehrbuch Hitlers." Snyder nennt den Reichstagsbrand von 1933 als Beispiel, es gibt solche vermeintlichen Katastrophen aber auch in der Gegenwart - zum Beispiel der Putschversuch in der Türkei, die sich seitdem in beängstigender Geschwindigkeit zur Autokratie entwickelt.

Gewöhnliche Menschen an Todesgruben

Seine Thesen klingen apokalyptisch und mitunter platt, im schlimmsten Fall klingen sie in der Rückschau irgendwann prophetisch. Snyder schreibt: "Der Fehler liegt in der Annahme, Machthaber, die durch Institutionen an die Macht kamen, könnten genau diese Institutionen nicht verändern oder zerstören." Wer sich anschaut, wie die Regierungen in EU-Staaten wie Polen und Ungarn den Rechtsstaat zurechtstutzen,bekommt eine Ahnung davon, was damit gemeint ist.

Snyders Kernthese ließe sich so zuspitzen: alles schon mal dagewesen. Bereits in den Dreißigerjahren sei die gewaltige Zustimmung für Alleinherrscher primär eine Reaktion auf die Globalisierung gewesen, damals wie heute begleitet von schweren Wirtschaftskrisen. Wenige Jahre später standen "ganz gewöhnliche Menschen plötzlich mit einer Schusswaffe in der Hand an Todesgruben", schreibt Snyder, und: "Es wäre für uns Heutige ganz gut, wenn wir verstehen würden, warum das so war."

Um dieses Ziel zu erreichen, verzichtet Snyder auf all das, was dem Verständnis seines Textes im Weg stehen könnte: auf Fremdwörter und Schachtelsätze, auf Kapitel von mehr als fünf Seiten Umfang, auf Fußnoten und Forschungsdebatten. Lediglich 14 Quellenangaben sind pflichtbewusst am Ende des Bändchens aufgereiht, sie sollen nicht vom Wesentlichen ablenken.

ANZEIGE
Timothy Snyder:
Über Tyrannei

Zwanzig Lektionen für den Widerstand

Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthenson

C.H. Beck, Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand. München 2017

An Wissenschaftlichkeit mangelt es dem Büchlein deshalb nicht. Snyder ist Experte auf seinem Gebiet, er flicht gekonnt die Erkenntnisse großer Denker wie Hannah Arendt oder Victor Klemperer ein und stützt sich auf wegweisende Studien wie das erst kürzlich wiederholte Folterexperiment des Psychologen Stanley Milgram.

Wer einen eloquent formulierten und vielschichtig durchdachten Forschungsbeitrag erwartet, dürfte trotzdem enttäuscht werden. Snyders Anti-Populismus-Anleitung liest sich, als wäre sie eigens für Populisten geschrieben. Ein Beipackzettel für den korrekten Gebrauch von freiheitlicher Demokratie, ein Handbuch für Menschenwürde und Rechtstaatlichkeit. Als Reaktion auf Donald Trump entstanden, aber global anwendbar: "Über Tyrannei" ist auch ein Anti-AfD-Buch für AfD-Wähler.

Sprachlich und intellektuell sind Snyders Lektionen bemerkenswert schlicht, inhaltlich ebenso überschaubar wie streitbar (eine Kurzkritik aller Thesen finden Sie hier). "Über Tyrannei" ist das Gegenteil jener Forschungsliteratur, die tagtäglich für auserwählte Akademikerkreise entsteht und viel zu selten gesellschaftliche Debatten anstößt. Es ist stattdessen voller simpler Appelle wie jenem, den Snyder jüngst in einem Interview formulierte: "Früher haben die Deutschen die Verantwortung für die Geschichte getragen, nun tragen sie die Verantwortung für die Zukunft."

Damit bedient sich Snyder gewissermaßen selbst populistischer Techniken - vielleicht aus Eitelkeit, ganz sicher aus Überzeugung und mit gutem Recht. Denn solange wir unser Wissen noch frei teilen und diskutieren können, müssen wir es teilen und diskutieren. Oder, in seinen Worten: "Nach der Wahrheit ist vor dem Faschismus."

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sumerer 02.04.2017
1.
Leider erklärt dieser Beitrag nicht, was genau inhaltlich Populismus sein soll. Zu dem vermeintlichen Phänomen gibt es keine klare Definition. So dass ich zumindest nicht klar behaupten könnte, die CDU oder SPD seien keine populistischen Parteien - nur weil sie sich zum Beispiel "nicht" um Mehrheiten bemühen würden, was sie aber konkret machen. Was genau ist also Populismus?
haltetdendieb 02.04.2017
2. Das hätten auch Gymnasiasten, Klasse 8 bis 13 genau so schreiben können
Was wirklich die Welt bedroht, mit Frauenrechten und Gleichheit absolut nichts am Hut hat, wird nur oberflächlich erwähnt. Ich würde sagen, nicht der Rede wert. Was soll daran lesenswert sein!? Das hat sich mir auch nach tiefgehender Lektüre leider nicht erschlossen!
Sumerer 02.04.2017
3.
Zitat von haltetdendiebWas wirklich die Welt bedroht, mit Frauenrechten und Gleichheit absolut nichts am Hut hat, wird nur oberflächlich erwähnt. Ich würde sagen, nicht der Rede wert. Was soll daran lesenswert sein!? Das hat sich mir auch nach tiefgehender Lektüre leider nicht erschlossen!
Ja. Es wird nur mit der Begrifflichkeit des Populismus hantiert - was auch immer dies sein mag - und dann vermeintliche Populismus-Lektionen erteilt. Das hatte man schon mit der Wortschöpfung der Begrifflichkeit des "Nationalsozialismus", die nur in Verbindung mit dem III. Reich negativ konnotiert ist, anstatt Ross und Reiter als Massenmörder zu benennen. Vermutlich wollte das aber nach dem Untergang keiner mehr sein. Insofern finde ich die Verwendung der Begrifflichkeit "Populismus" eigentlich der deutschen Sprache nach als ziemlich irritierend und zugleich beschämend.
hdwinkel 02.04.2017
4. Anti-Populismus
Die Idee ist gut, unsere freiheitliche Demokratie auch mit plakativen Sätzen zu verteidigen, so daß sie klar verstanden werden. Es gibt einfach eine Grenze, hinter der wir nicht zurückweichen dürfen. Im Detail gibt es einiges Diskussionswürdiges. Z.B. würde ich viel stärker einen _friedlichen_ Widerstand hervorheben. In den 'Revolutionen' der letzten Zeit wurde von den 'Revolutionären' nicht nur deren eigenes Leben riskiert, sondern das Leben abertausender Menschen zerstört, anmaßenderweise in deren Namen. Auch der tatsächlich schädliche vorauseilende Gehorsam sollte ab und an mal von denen reflektiert werden, die sich als unabhängig und als Kämpfer für die gute Sache wähnen wie z.B. die gefühlte Mehrheit der Journalisten. Zuguterletzt muß auch unsere unsere Demokratie selbst immer wieder hinterfragt werden. Selbst in ach so demokratischen Zeiten wurden verheerende Kriege geführt.
kunibertus 02.04.2017
5. Da ich das Buch - noch -
nicht gelesen habe, kann ich auch nicht einschätzen, ob bei den Quellen auch Machiavellis "Il Principe" aufgeführt ist. Aber nach dem Lesen der 20 Thesen kommt mir doch einiges bekannt vor. Z. B. empfiehlt er im 3. Kapitel, wie das Volk zu behandeln ist, damit es sich nicht gegen den Fürsten - oder auch die vermischte Fürstenherrschaft - auflehnt. Auch an anderen Stellen habe ich einige Ähnlichkeiten gefunden. Interessant dürfte auch eine Gegenüberstellung mit dem "Antimachiavell" von Friedrich II. sein. Das kann ich mir dann ja für meinen nächsten Urlaub vornehmen-
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.