Neuer Roman von Timur Vermes Und plötzlich reden alle vom Schießbefehl

In "Er ist wieder da" ließ Timur Vermes Hitler auferstehen - in seinem neuen Werk wandern Hunderttausende Menschen nach Deutschland. Was macht das mit der Gesellschaft? Und wann hört der Spaß beim Schreiben auf?

Timur Vermes
Cristopher Civitillo

Timur Vermes

Ein Interview von


Zum Autor
  • Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels. Sein 2012 veröffentlichter satirischer Roman "Er ist wieder da" ist eines der erfolgreichsten deutschen Debüts der vergangenen Jahrzehnte. Nun erscheint sein zweites Buch: "Die Hungrigen und die Satten".

SPIEGEL ONLINE: Herr Vermes, nach ihrem erfolgreichen Debüt "Er ist wieder da" haben Sie nun einen sehr politischen Roman vorgelegt.

Vermes: Hab ich das? So ein Mist aber auch .…

SPIEGEL ONLINE: Doch. Das hätten Sie sich mal früher überlegen können.

Vermes: Literatur stellt halt Geschichten zur Verfügung. Das Publikum wählt aus, welche Geschichten es lesen will. Wenn politische Geschichten zünden, dann werden auch mehr geschrieben. Wenn sie aber nur im Regal liegen, kann man höchstens sagen: Die Literatur hat ihre Aufgabe erfüllt, nur leider der Leser nicht. Böser Leser! Pfui!

SPIEGEL ONLINE: In "Die Hungrigen und die Satten" machen sich 300.000 afrikanische Flüchtlinge auf den Weg nach Deutschland, angeführt von der TV-Moderatorin Nadeche Hackenbusch und ihrem Liebhaber Lionel. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?

Vermes: Ich hatte Lust, das mal durchzuspielen - und dabei möglichst nicht zu schummeln. Ich wusste anfangs nicht, ob ich immer Lösungen finden würde, nicht nur für das Ende, schon unterwegs. Etwa, wie so viele Menschen versorgt werden. Das muss ja glaubwürdig bleiben, sonst kann man's gleich lassen. Ich war selbst überrascht, wie man mit einfachen Mitteln so weit kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest bis zum Zaun an der Grenze bei Salzburg. Da wird es dann hart. Ist Ihnen beim Schreiben der Spaß irgendwann vergangen?

Vermes: Bloß weil der Autor da keine Lacher will, heißt das nicht, dass er beim Schreiben dauernd gähnt oder heult. Das Ziel ist eben anders, hier sollen die Leser auch mal schlucken. Solche Situationen gibt es aber auch in "Er ist wieder da", etwa wenn die jüdische Großmutter von Hitlers Sekretärin ins Spiel kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie das Genre beschreiben? Ein als Satire verkleideter Zuwanderungsthriller?

Vermes: Es ist Love and Landscape meets Roadmovie meets Roland Emmerich.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt einen ganzen Schwung neuer Dystopien in der deutschen Literatur, von Christian Torklers "Der Platz an der Sonne" über Julia von Lucadous "Die Hochhausspringerin" bis zu "Die Fahne der Wünsche" von Tijan Sila. Sind das fiktive Reaktionen auf reale Gesellschaftsbeben?

Vermes: Schwer zu sagen, ich lese ja mehr Comics. Aber bei mir war es die Reaktion auf die Forderung, die Grenzen zu schließen. Was dann geschieht, kann sich eigentlich jeder an drei Fingern abzählen. Und trotzdem tun immer alle so, als wüssten sie es nicht. "Okay", habe ich mir gesagt: "Dann gehen wir jetzt mal gemeinsam da hin und schauen, was passiert."

SPIEGEL ONLINE: Im Grunde formulieren Sie aus, was der Schießbefehl bedeuten würde, der aus den Reihen der AfD immer mal wieder ins Spiel gebracht wird.

Vermes: Das ist aber kein exklusiver Gedanke von mir. Wenn Sie auf Partys diskutieren, sagen da garantiert welche: "Wir müssen diese Grenzen dichtmachen!" Und jeder ahnt, dass es da nicht um 200 Leute geht wie bei dieser Scharfmacher-Show in Österreich. Einige denken oder sagen dann schon: "Ja, Gewehre gegen so viele Leute gibt's doch gar nicht!" Ob Zaunfan oder Zaungegner, viele sind also in ihrer Ratlosigkeit schon am Schießbefehl vorbei und bei der Technik. Da können wir's auch gleich durchspielen, aber dann richtig!

SPIEGEL ONLINE: Unklar bleibt, wer am Ende schießt.

Vermes: Da profitiert der Autor von den neuen Gepflogenheiten in der Außenpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Sie deuten an, dass die israelische Luftwaffe ein Massaker anrichtet.

Vermes: Nö, das ist das, was Sie herauslesen. Diese Andeutung kommt von den bekannt zuverlässigen Russen, und die USA sind genauso in der Lostüte. Tatsächlich geht's um zwei Knackpunkte: Erstens ist klar, dass, wenn Flüchtlinge im großen Schwung nach Deutschland kommen, unvorbereitet und ohne Plan, dieses Land nach rechts kippt. Wird die Welt da zuschauen? Nachdem sie in zwei Weltkriegen gegen ein autoritäres Deutschland gesehen hat, wie schwer wir wieder einzufangen sind? Punkt zwei: Wenn wer was unternimmt, wird er's Ihnen nicht sagen. So ist das eben mit der hybriden Kriegsführung. Wie in der Ukraine, in Syrien, im Jemen. Es wird sogar Trolle geben, die sagen, das sei alles für die Kameras erfunden worden. Das ist dann "Die Salzburger Grenzlüge" oder so. Das sind Optionen, die man einigermaßen fassungslos zur Kenntnis nimmt, die mir als Autor aber ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie "Das Heerlager der Heiligen" von Jean Raspail gelesen? Darin führt ein ganz ähnliches Szenario, von keiner Satire abgefedert, unter der Masse der Zuwanderer zum Untergang des Abendlandes.

Vermes: Ich habe im Juni davon erfahren und bin dann zur Stadtbibliothek. Weil, so was kauft man nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Vermes: Nach fünf Seiten weiß man: Da will einer von der ersten Seite an den Schießbefehl rechtfertigen. Haben Sie's gelesen?

SPIEGEL ONLINE: Ja.

Vermes: Dann wissen Sie ja, dass hier niemand ein Problem verhandelt. Der will, dass wir uns die passenden Flinten zulegen, das ist die einzige Option von Anfang an. Und dann geht's weiter mit "Guck dir die Leute doch an! Das sind überhaupt keine Menschen! Wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, dass man nicht auf sie schießt?" Wer das veröffentlicht, veranstaltet keine literarischen Salons, der baut literarische Gaskammern.

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Timur Vermes:
Die Hungrigen und die Satten

Eichborn, 509 Seiten, 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Die Hungrigen und die Satten" betritt am Ende kein Flüchtling den deutschen Boden. Und doch verändert dieser Marsch die Gesellschaft.

Vermes: Das ist halt der Trugschluss einer radikalen Grenzschließung: Dann bleibt nicht alles, wie es ist - das verändert das Land ebenfalls. Wenn sich das Land aber in jedem Fall ändert, stellt sich die Frage: Was für ein Land wollen wir? Der Innenminister Leubl im Buch denkt da pragmatisch: Reich bleiben, oder? Wovon hängt also dieser Wohlstand ab? Seine Konsequenzen muss man nicht mögen, aber mit einem wie dem Leubl können Sie wenigstens sinnvoll reden, egal wo Sie stehen. Das ist ein optimistischer Ausblick in die Zukunft, ausgelöst aber von der Katastrophe. Es ist aber auch so weit gar nicht weg.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Einwanderungsprogrammen für qualifizierte Arbeitskräfte aus armen Ländern?

Vermes: Im Fußball gibt es heute schon Profi-Vereine, die in Afrika ausbilden - und importieren. Weil da Geld drinsteckt. Erst neulich hat Ralf Rangnick von RB Leipzig erklärt, wie das geht. Die Spieler werden getrimmt, unterrichtet, gefördert, und die Faustregel ist dann auch: Ab Weihnachten wird bei uns Deutsch gesprochen. So ungefähr muss man's machen. Mit kleinerem Aufwand und nicht für Millionenspieler, aber genau so. Und anschließend arbeiten diese Menschen und zahlen Steuern wie jeder andere hier.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden einer Leitkultur das Wort?

Vermes: Leitkultur, das ist ein belasteter Begriff. Sagen wir: Was sind die Grundlagen unseres Wohlstands? Kurz: Weil wir nach dem Krieg dem Westen zugeschlagen wurden. Man muss diese Hausordnung nicht lieben, aber sie ist der Grund, warum so viele Menschen heute zu uns wollen und nicht sonstwohin. Wer mitmachen will, muss sich also an die Spielregeln halten. Entscheidend ist: Was hält diesen Laden am Laufen? Die Zwangsehe ist's eher nicht, aber genausowenig, dass einer in Deutschland geboren wurde. Das hat die DDR nachhaltig widerlegt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Sympathieträger in Ihrem Roman ist ein Innenminister von der CSU.

Vermes: Einige sagen, das sei das fantastischste Element im ganzen Buch. Weil, so einen gibt's wirklich nicht: Ein Innenminister, der bei der CSU hockt und pragmatisch ist!

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Figur ein Seehofer?

Vermes: Sehen Sie da irgendeine Ähnlichkeit? Dann hätten Sie die exklusiv. Kennen Sie diese Szene in "Alien", wo der Android, schon halb lädiert, quietschend blindlings um sich schlägt? So ist derzeit der Seehofer, und mit ihm auch ein bisschen die ganze CSU - was kein schöner Anblick ist. Ich habe 49 Jahre als Nicht-CSU-Wähler in Bayern verbracht, bisher konnte ich in diesem Land recht ordentlich leben. Ich stimme da meinem Leubl zu: Es hat seine Berechtigung, wenn die CSU Nazi-Elemente mit konservativer Politik gesellschaftlich verträglich runterverdünnt - aber nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Warum fehlen in Ihrem Buch die echten Rechtspopulisten?

Vermes: Das stimmt so nicht: AfD und Pegida sind ja als Hintergrundrauschen ständig präsent. Die kriegen bloß keinen Dialog. Wozu auch? Was die sagen, ist bekannt.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Lankoron 27.08.2018
1. Erinnert irgendwie an
"The March" , den BBC-Film von `90.,...
dahier 27.08.2018
2.
Na toll, danke dafür, dass alle möglichen Details des Romans im Interview schon verraten werden...
Brachtalsmörtel 28.08.2018
3. Schmat'sch'ß (nô gl)aû (nærr'sch) scho' so?
Schmat'sch'ß (nô gl)aû (nærr'sch) scho' so? "Vermes: Literatur stellt halt Geschichten zur Verfügung. Das Publikum wählt aus, welche Geschichten es lesen will. Wenn politische Geschichten zünden, dann werden auch mehr geschrieben. Wenn sie aber nur im Regal liegen, kann man höchstens sagen: Die Literatur hat ihre Aufgabe erfüllt, nur leider der Leser nicht. Böser Leser! Pfui!" Könnt ich grad eb(b)e/n[o.] küsse/n (laû), den . Rauch wohl kaum (ei'n[ Drum) ein] Gruß , {d'r (soz[um]sage)} Fisch Fasch; i. A. [fîer d'{gàa (id z')}] d'Rüb{\}e, ônnd gûed auf d'Nàachd, aellewîl
axelf123 28.08.2018
4. Sehr hellsichtig, danke dafür!
Das ist der Knackpunkt, wenn jemand pauschal über Merkels Entscheidungen 2015 lamentiert: Was wären denn die möglichen Alternativen gewesen? Schießen? Auf Kriegsflüchtlinge? Oder Jagtszenen wie in Ceuta und anderen Enklaven? Ich möchte nicht das so etwas in meinem Namen geschieht, das MUSS anders gehen. Humaner, gerechter und auf europäischer Ebene (naja zumindest mit den Ländern die nicht nur wegen der Subventionen dabei sind) Stellt Euch mal vor, ein Typ wie Salvini wäre 2015 deutscher Innenminister gewesen. Und sage keiner dass das nie passieren kann... so wie die AFD gewählt wird. Wer wollte in solch einem Land noch leben?
gekreuzigt 28.08.2018
5. Wie immer danke.
Für dieses Abraten vom Kauf.
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