Neuer Roman von Paul Harding Der Totenwächter

Der Pulitzer-Preisträger Paul Harding schreibt die Geschichte seines Erfolgsromans "Tinkers" fort. Er erzählt von einem Mann, der sich nach dem Tod der Tochter in eine Tablettensucht flüchtet. Und in einen Rausch der Erinnerungen.

Autor Harding: Pathos und offene Liebe zum Kitsch
Jens Oellermann

Autor Harding: Pathos und offene Liebe zum Kitsch

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Er hat das alles noch im Kopf. Die Szene, in der er der Achtjährigen das Kartenspiel Cribbage beibringt und jene, in der die Zehnjährige ihn zum ersten Mal schlägt. Die Szene auf dem Flohmarkt, in der sie eine bernsteinfarbe Bowling-Kugel entdeckt, in der eine Ratte eingeschlossen ist. In seinem Kopf lebt noch die Szene, in der er die Dreizehnjährige fragt, ob sie ihn nicht mal wieder ins Naturschutzgebiet begleiten will, und in der sie antwortet, dass sie schon mit einer Freundin für den Strand verabredet ist.

Die Szene kurz danach, in der er alleine losfährt, und jene auf dem Heimweg, in der er plant, noch Lachs und Spargel und ihre rosa Lieblingslimonade zu kaufen, weil sie die Freundin sicher zum Abendessen mit nach Hause bringen wird.

Die Szene, in der er im Auto auf sein Handy schaut, eine Mailboxnachricht entdeckt - und in der er die Mailboxnachricht abhört: Kate ist tot, sagt seine Frau, überfahren von einem Auto.

Harding schreibt die Familiengeschichte fort

Der US-Schriftsteller Paul Harding erzählt in seinem neuen Roman "Verlust" von einem Mann, der sich an der Vergangenheit festhält, weil ihm die Zukunft abhanden gekommen ist.

Charlie Crosby heißt er, und er ist der Enkel von George Washington Crosby, der Hauptfigur in Hardings international erfolgreichem Vorgängerroman "Tinkers".

2010 bekam Harding den Pulitzer-Preis für die Lebensgeschichte des Mannes, dem auf dem Sterbebett die Nieren versagen: Er wird von innen heraus vergiftet und verfällt zunehmend in Halluzinationen, hüpft in ungeordneten Gedanken durch seine Erinnerungen.

"Verlust" spielt erneut in der fiktiven Kleinstadt Enon in Maine. Harding schreibt die Familiengeschichte der Crosbys fort, arbeitet mit ähnlichen Motiven und stilistischen Mitteln: delirierenden Erinnerungen, detailversessenen Naturschilderungen.

Süchtig nach Schmerztabletten und Whiskey

Die trauernde Mutter verfällt in Aktionismus, der trauernde Vater in Schockstarre. Erst fünf Tage nach der Beerdigung brechen Wut, Schmerz und Trauer kurz aus Charlie heraus: Er schlägt mit der Hand ein Loch in die Wand, bricht sich acht Knochen, und starrt dann weiter vor sich hin.

Als die Familie seiner Frau sie einlädt, damit sie mal rauskommen aus dem Elend zu Hause, schickt er seine Frau alleine los, stöpselt das Telefon aus, nimmt die Speicherkarte aus dem Handy und verkriecht sich in sich selbst.

Charlie duscht und rasiert sich wochenlang nicht, weil ihn die Schmutzschicht irgendwie schützt; er hängt einen Kopfkissenbezug vor den Spiegel, um sich nicht ansehen zu müssen. Unter Menschen geht er erst wieder, als ihm die Schmerztabletten und der Whiskey ausgehen, von denen er sich ernährt.

Er haut einen Drogendealer an, und als der ihm eines Tages mal nicht helfen kann, bricht er in ein Nachbarhaus ein und klaut allerlei Medikamente: Valium, ein Muskelrelaxans, Hustensaft mit Kodein.

Umringt von Gespenstern

Im Rausch erinnert Charlie sich an Kates Kindheit und an seine eigene, bis sich Gegenwart und Vergangenheit völlig durchdringen: Er halluziniert, verfällt Wahnvorstellungen, fühlt sich umringt von Gespenstern.

Stundenlang streunt er nachts durch die Stadt, stromert wieder und wieder auch über den Friedhof, weil er hofft, er könne dort seiner Tochter begegnen. Und so macht er den Leser nach und nach mit ziemlich vielen Toten bekannt, die seine kleine Heimatstadt Enon mal zu beklagen hatte. Ein Totenwächter, so graugesichtig wie die steinernen Engelsstatuen auf den Grabsteinen.

Charlies Großvater, so erfahren wir, war Uhrmacher, so wie im Übrigen auch der Großvater des Autors Paul Harding. Wenn Charlie sich ausführlich auch an ihn und seine Kindheit mit ihm erinnert, dann liegt darin ein dezenter autobiografischer Link begraben, vor allem aber tritt hier ein ziemlich aufdringliches Vanitas-Symbol zutage.

Subtilität ist Hardings Stärke nicht. Er schreibt mit Pathos und offener Liebe zum Kitsch, erzählt ausschweifend vom Erinnerungsrausch eines Mannes, der sich gegen die schnelle Vergänglichkeit alles Irdischen stemmt. Die Lesezeit kann einem darüber ganz schön lang werden.

Paul Harding: "Verlust". Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz. Luchterhand; 272 Seiten; 19,99 Euro (bei Amazon erhältlich).

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