In (fast) eigener Sache: Sonneborn lässt sich "Titanic"-Jahre vergolden

Nur die Guten sterben jung - ein Todesalter von 15 Jahren deutet daher auf "ganz gut gewesen" hin. So wie bei der Rubrik "Partner Titanic", in der Martin Sonneborn und Benjamin Schiffner allerhand Kalauer in Kleinanzeigen pressten. Jetzt wollen die Ex-"Titanic"-Männer damit abkassieren.

Witzige Kleinanzeigen: Sonneborns "Quatsch und mehr" Fotos
Martin Sonneborn/ Kiwi

"Nie gedruckte Nachrufe", "Unterschätzte Politiker" und Bastelvorlagen für verregnete Herbsttage waren wiederkehrende Bestandteile der Rubrik "Partner Titanic", in der Ex-Redakteur Benjamin Schiffner und Ex-Chefredakteur Martin Sonneborn, heute Leiter des SPIEGEL-ONLINE-Satire-Ressorts SPAM, ihren Humor in Form von Kleinanzeigen an die Leser brachten.

Seit diesem Jahr verzichtet das Frankfurter Satiremagazin nun auf den Nonsens. Was den Verlag Kiepenheuer und Witsch dazu bewogen hat, eine Retrospektive vorzulegen - "Das Gesammeltste aus 15 Jahren". Diese Werkschau beweist: Für verspielt smarten Klamauk fand die "Titanic" stets ein Plätzchen im Heft. Schon in den achtziger Jahren wurde dieser Zweck von der Heftbeilage "KoLiBri" erfüllt, aus der später das Humorblatt "Kowalski" entstand.

Dass bei "Partner Titanic" alles möglich war, verdeutlicht folgende Anekdote: Unter eine Annonce von "Rolf, dem blinden Rollstuhlstripper", setzte Sonneborn einmal die Geheimnummer Marcel Reich-Ranickis. Eine Enttäuschung für die Leser: An Stelle des behinderten Rolf ging ein geifernder Greis mit exotischer Artikulation an die Strippe. Zu allem Übel verstrickte er die Anrufer in einen ethischen Disput, ob es angebracht sei, einen blinden Rollstuhlfahrer strippen zu lassen.

Das freie Format erlaubte außerdem hübsch selbstbezügliche Witzeleien - wer wollte sich nicht vom Karikaturisten-Duo Greser und Lenz tätowieren lassen? Weitere Beispiele gefällig? Verfeindete Rockerbanden führen einen Inserate-Krieg: "Die Mütter von Bandidos kommentieren bei YouTube! - Karl-Heinz (Hells Angels Baden-Baden)", eine Hotline wirbt für "Gratisbumzen für Blöde" und Tortendiagramme beantworten die Frage nach der Existenz Gottes. Der beliebte Rattelschneck-Cartoon "Stulli, das Pausenbrot" fehlt leider.

"Quatsch und mehr" überzeugt dagegen als Multifunktions-Researchtool in der angewandten Humorforschung: Wer etwa das Hotelpersonal studieren will, schneidet sich ein Schild für den Zimmerservice aus - und hängt entweder "Bin in der Minibar" oder "Bin verreist, bitte Blumen gießen" an die Türklinke. Und wer sich keinen Christbaum leisten kann, aber auf Weihnachtsatmo nicht verzichten mag, findet zwei Seiten voller Tannennadeln, die er nach einigen Scherengriffen leise in der Stube niederrieseln lassen kann.

Eine kleine Kostprobe gefällig? Klicken Sie hier...

ajz

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insgesamt 8 Beiträge
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1. For Heaven's Sack!
jot-we 21.11.2012
SPON und Humor - das war nun wirklich immer schon eine heikle Beziehungskiste. Vorliegender Artikel wäre also als Beweis eigentlich gar nicht nötig gewesen ... Denn es ist in Wirklichkeit doch so: das ehedem recht satirische und ziemlich witzige Humormagazin TITANIC hat sich über die Jahre (na, so ab Ära Sonneborn) in ein ironisierendes Krawallblatt gewandelt, tjaja, mit entsprechendem Ableger: SPAM, eigentlich logisch, denn schon schliesst sich der Kreis und alle Lehrer, festangestellten ÖRTV-Kulturträger und Feuilletonisten der unteren Gehaltsstufen dürfen nun über mich herfallen. Ja, genau - und der hier natürlich auch noch, sorry Mario Barth, du sitzest ja schliesslich auf demselben Baum der Erkenntnis! Fazit: Satire in Deutschland ist wie das Kaninchen im Zylinder, das sich weigert, zu erscheinen ...
2.
h.hass 21.11.2012
Seltsamer Artikel... was soll das jetzt gewesen sein? Vermutlich der Versuch, Werbung für das Sonneborn-Buch als eine Art Glosse zu tarnen. Das ist dann gründlich schiefgegangen. Auch die SPAM-Witze sind zunehmend öde und unoriginell. Aber vielleicht habe ich mich an diesem Humor auch bloß sattgelesen.
3. Schmalspurhumor
joschitura 21.11.2012
Schon die Häufung solch verkrampft komisch gemeinter Platitüden nervt einfach. Erinnert an den Dauer-Witzeerzähler, den es auf fast jeder Party leider gibt. Im übrigen ist die Realität immer noch witziger als alle Sonneborns. Man muß nur den Deutschlandfunk anschalten: Etwa den Bericht einer Korrespondentin aus Tokio am 13.Oktober zur IWF-Tagung der Finanzminister. "...und dann trat Wolfgang Schäuble vor die Presse." (Wörtliches Zitat!)
4. Hommage
Schäfer 21.11.2012
Sonneborn finde ich nett. Der geht auf die Menschen zu, ohne Vorbehalte und Ressentiments. Auch die Zonenbewohner haben gemerkt, er ist ein Witzbold mit menschlichen Zügen. Die letzte Umfrage nach dem besten Komiker aller Zeiten hat ihn sogar mitaufgelistet. An Stelle 6881005 hinter Javier Jimenez aus Mexiko, der besonders mit seinen verschrumpelten Ohren Erfolge verzeichnet. Von den ersten Unzen der Vergoldung seines Lebenswerks sollte er seiner Frau mal ein paar Blumen kaufen. Vielleicht ist die dann gar nicht mehr "so".
5. Hommage II
albert schulz 21.11.2012
Zitat von SchäferSonneborn finde ich nett. Der geht auf die Menschen zu, ohne Vorbehalte und Ressentiments. Auch die Zonenbewohner haben gemerkt, er ist ein Witzbold mit menschlichen Zügen. Die letzte Umfrage nach dem besten Komiker aller Zeiten hat ihn sogar mitaufgelistet. An Stelle 6881005 hinter Javier Jimenez aus Mexiko, der besonders mit seinen verschrumpelten Ohren Erfolge verzeichnet. Von den ersten Unzen der Vergoldung seines Lebenswerks sollte er seiner Frau mal ein paar Blumen kaufen. Vielleicht ist die dann gar nicht mehr "so".
Vollkommen richtig. Die Titanic hat zuweilen Probleme mit dem guten Geschmack, Sonneborn eher nicht. Und SPAM ist die mit Anstand beste und vor allem seriöseste Rubrik bei SPON, und gemahnt an alte Pardon - Zeiten. Wer ohne SPAM leben zu können meint setzt auf das falsche Pferd. Die Situation ist im Grunde recht belustigend. Der Spiegel hat nämlich noch nie Humor gehabt, auch im Forum ist Ironie höchst unerwünscht. Wenn mir irgendwelche hirnrissigen Phantasien wegzensiert werden, lese ich sie am nächsten Tag in SPAM, weit besser formuliert. Das beruhigt irgendwie.
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