Kultur

Pop-Lyrik aus Berlin

Wenn einem der Kotzkragen platzt

Tobias Bamborschke ist eigentlich Sänger der gefeierten Indie-Band Isolation Berlin. Mit einem Gedichtband zeigt der junge Musiker jetzt sein Talent als präziser Depressionslyriker mit Anarcho-Humor.

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imago/ Votos-Roland Owsnitzki

Sänger und Dichter Bamborschke

Freitag, 06.10.2017   09:03 Uhr

Die holzgetäfelten Wände in der alten Berliner Kneipe in Prenzlauer Berg erzittern, als Tobias Bamborschke kurz Luft holt und dann bis ins Mark erschütternd ins Mikrofon brüllt: "AM AAAAAAAAARSCH!". Was bis dahin eine kuschelige Lesung und Buchvorstellung bei Wein und Bier im kleinen Kreis aus Freunden und Medienleuten war, wird plötzlich ungemütlich. So ungemütlich, wie sich Bamborschke wahrscheinlich immer fühlt, mit sich selbst, mit der Welt, mit anderen Menschen, mit Berlin, seiner Heimatstadt.

Der 29-Jährige ist in den vergangenen zwei Jahren einem Szenepublikum als Sänger der Indie-Rockband Isolation Berlin bekannt geworden. Bamborschkes Songtexte und die mal brüchige, mal stählerne Proklamationsweise seines Gesangs riefen Vergleiche mit Rio Reiser hervor. In Köln geboren, wuchs der schlanke, hochgewachsene Ex-Schauspielstudent in Berlin auf und verlor sich. Er sei an der Stadt zerbrochen, sagt er in Interviews gerne, aber das sei gut gewesen für seine künstlerische Entwicklung.

"Die Isolation und Anonymität einer Großstadt wie Berlin kann sehr zermürbend sein, gleichzeitig aber auch berauschend und unglaublich inspirierend", erzählte er dem Onlinemagazin "kaput-mag", als 2016 das Debütalbum seiner Band erschien. Auf dem Pop-Kultur-Festival im vergangenen Jahr sprach er erstmals öffentlich über seine Depressionen.

Jetzt hat Bamborschke, dessen schüchterne Zurückhaltung im persönlichen Umgang man als Arroganz missdeuten könnte, im kleinen Berliner Wohlrab Verlag einen ungleich expressiveren Lyrikband veröffentlicht. Unter dem Titel "Mir platzt der Kotzkragen" versammelt der Sänger mit dem Bohemien-Käppi auf knapp 80 Seiten schwarz-weiß-grobe Illustrationen, Aphorismen, Mini-Kurzgeschichten und Gedichte, die von der alltäglichen Qual zeugen, mit der sich ein Misanthrop durch die Brutalität Berlins schleppt - und offenbart damit Abgründiges, aber auch anarchisch Humoriges aus dem Tagebuch eines Wut-Dichters.

Abgebrüht, aber nicht bitterkalt

Das unflätige Gebrüll aus der Kneipenlesung stammt zum Beispiel aus einem Gedicht namens "S-Bahn", und das geht so: "Leckt mich/ doch alle/ Am Arsch!/ AM/ ARSCH!", gefolgt von einer langen, willkürlich mit Punkten unterbrochenen Reihe Ausrufezeichen, die Facebook-Wüterich Til Schweiger alle Ehre macht.

Solche Eruptionen, die in Berlin jeder BVG-Kunde versteht, sind beim Dichter Bamborschke allerdings die Ausnahme. Der Hass ist nur eine Facette seiner gnadenlosen, nie larmoyanten Selbstauslotung: Die entwaffnende Verletzlichkeit von Langgedichten wie "Fünf Jahre Mobbing (und ein endloser Sonntag)" oder der Dönerbuden-Tristesse "Sie müsste gleich da sein" kontrastiert er mit launigen Einwürfen, die wie Punkrock-Kalenderweisheiten wirken ("Freitag") oder purem Größenwahn: "Um meinem Leben/ Einen Sinn/ Zu geben/ Habe ich beschlossen/ - Genie -/ Zu werden./ Und dabei bleibe ich jetzt."

An mancher Stelle, wie im titelgebenden Gedicht, schöpft Bamborschke etwas zu grob im Sturm und Drang seiner Vorgänger von Hesse bis Rimbaud, wenn er Zeilen wie "Schwarz ist die Kehle meines Selbsthasses" schmerzromantisch gurgeln lässt. Solcher Pathos verbrämt sich besser, wenn er singend vorgetragen wird. Und manches, zum Beispiel die Science-Fiction-Story "WICHTIG!!!! EILT!!!!!!!!" ist einfach nur amüsanter Blödsinn.

Es ist daher vor allem die Härte, der abgebrühte, aber eben nicht bitterkalte Sound des Großstadt-Lebensmüden, der Bamborschkes ungeschminkte Lyrik stark und wahrhaftig macht. Das zähe Dahintropfen der Tage, das endlos-sinnlose Herumhängen in Bars und Bahnen, das ewige Zerrissensein zwischen Euphorie und Selbstmitleid, Menschenhass und Selbstekel, hellen, kreativen Glücksmomenten und der stumpfen Schwärze der Einfallslosigkeit.

In den besten Momenten erinnert Bamborschke, nie um einen Kraftausdruck oder Fäkalbegriff verlegen, an Präzisionslakoniker wie Bukowski oder Brautigan, gepaart mit der Berliner Schnauzenweisheit eines Heinrich Zille. "Hier bin ich nun", schreibt er in "Monolog im Freien", "Gekrümmt schlurfe ich durch die Straßen/ Und führe Selbstgespräche./ Was/ Für ein Elend".

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