Pop-Lyrik aus Berlin Wenn einem der Kotzkragen platzt

Tobias Bamborschke ist eigentlich Sänger der gefeierten Indie-Band Isolation Berlin. Mit einem Gedichtband zeigt der junge Musiker jetzt sein Talent als präziser Depressionslyriker mit Anarcho-Humor.

Sänger und Dichter Bamborschke
imago/ Votos-Roland Owsnitzki

Sänger und Dichter Bamborschke

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Die holzgetäfelten Wände in der alten Berliner Kneipe in Prenzlauer Berg erzittern, als Tobias Bamborschke kurz Luft holt und dann bis ins Mark erschütternd ins Mikrofon brüllt: "AM AAAAAAAAARSCH!". Was bis dahin eine kuschelige Lesung und Buchvorstellung bei Wein und Bier im kleinen Kreis aus Freunden und Medienleuten war, wird plötzlich ungemütlich. So ungemütlich, wie sich Bamborschke wahrscheinlich immer fühlt, mit sich selbst, mit der Welt, mit anderen Menschen, mit Berlin, seiner Heimatstadt.

Der 29-Jährige ist in den vergangenen zwei Jahren einem Szenepublikum als Sänger der Indie-Rockband Isolation Berlin bekannt geworden. Bamborschkes Songtexte und die mal brüchige, mal stählerne Proklamationsweise seines Gesangs riefen Vergleiche mit Rio Reiser hervor. In Köln geboren, wuchs der schlanke, hochgewachsene Ex-Schauspielstudent in Berlin auf und verlor sich. Er sei an der Stadt zerbrochen, sagt er in Interviews gerne, aber das sei gut gewesen für seine künstlerische Entwicklung.

"Die Isolation und Anonymität einer Großstadt wie Berlin kann sehr zermürbend sein, gleichzeitig aber auch berauschend und unglaublich inspirierend", erzählte er dem Onlinemagazin "kaput-mag", als 2016 das Debütalbum seiner Band erschien. Auf dem Pop-Kultur-Festival im vergangenen Jahr sprach er erstmals öffentlich über seine Depressionen.

Jetzt hat Bamborschke, dessen schüchterne Zurückhaltung im persönlichen Umgang man als Arroganz missdeuten könnte, im kleinen Berliner Wohlrab Verlag einen ungleich expressiveren Lyrikband veröffentlicht. Unter dem Titel "Mir platzt der Kotzkragen" versammelt der Sänger mit dem Bohemien-Käppi auf knapp 80 Seiten schwarz-weiß-grobe Illustrationen, Aphorismen, Mini-Kurzgeschichten und Gedichte, die von der alltäglichen Qual zeugen, mit der sich ein Misanthrop durch die Brutalität Berlins schleppt - und offenbart damit Abgründiges, aber auch anarchisch Humoriges aus dem Tagebuch eines Wut-Dichters.

Abgebrüht, aber nicht bitterkalt

Das unflätige Gebrüll aus der Kneipenlesung stammt zum Beispiel aus einem Gedicht namens "S-Bahn", und das geht so: "Leckt mich/ doch alle/ Am Arsch!/ AM/ ARSCH!", gefolgt von einer langen, willkürlich mit Punkten unterbrochenen Reihe Ausrufezeichen, die Facebook-Wüterich Til Schweiger alle Ehre macht.

Solche Eruptionen, die in Berlin jeder BVG-Kunde versteht, sind beim Dichter Bamborschke allerdings die Ausnahme. Der Hass ist nur eine Facette seiner gnadenlosen, nie larmoyanten Selbstauslotung: Die entwaffnende Verletzlichkeit von Langgedichten wie "Fünf Jahre Mobbing (und ein endloser Sonntag)" oder der Dönerbuden-Tristesse "Sie müsste gleich da sein" kontrastiert er mit launigen Einwürfen, die wie Punkrock-Kalenderweisheiten wirken ("Freitag") oder purem Größenwahn: "Um meinem Leben/ Einen Sinn/ Zu geben/ Habe ich beschlossen/ - Genie -/ Zu werden./ Und dabei bleibe ich jetzt."

An mancher Stelle, wie im titelgebenden Gedicht, schöpft Bamborschke etwas zu grob im Sturm und Drang seiner Vorgänger von Hesse bis Rimbaud, wenn er Zeilen wie "Schwarz ist die Kehle meines Selbsthasses" schmerzromantisch gurgeln lässt. Solcher Pathos verbrämt sich besser, wenn er singend vorgetragen wird. Und manches, zum Beispiel die Science-Fiction-Story "WICHTIG!!!! EILT!!!!!!!!" ist einfach nur amüsanter Blödsinn.

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Tobias Bamborschke:
Mir platzt der Kotzkragen

Gedichte, Gedanken und Spelunken

Verlag Lutz Wohlrab; 80 Seiten; 12 Euro

Es ist daher vor allem die Härte, der abgebrühte, aber eben nicht bitterkalte Sound des Großstadt-Lebensmüden, der Bamborschkes ungeschminkte Lyrik stark und wahrhaftig macht. Das zähe Dahintropfen der Tage, das endlos-sinnlose Herumhängen in Bars und Bahnen, das ewige Zerrissensein zwischen Euphorie und Selbstmitleid, Menschenhass und Selbstekel, hellen, kreativen Glücksmomenten und der stumpfen Schwärze der Einfallslosigkeit.

In den besten Momenten erinnert Bamborschke, nie um einen Kraftausdruck oder Fäkalbegriff verlegen, an Präzisionslakoniker wie Bukowski oder Brautigan, gepaart mit der Berliner Schnauzenweisheit eines Heinrich Zille. "Hier bin ich nun", schreibt er in "Monolog im Freien", "Gekrümmt schlurfe ich durch die Straßen/ Und führe Selbstgespräche./ Was/ Für ein Elend".

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
T Müller 06.10.2017
1. Überbewertet
Hauptsache laut, kaputt und no future. Unterirdische Texte & noch schlimmerer "Gesang". Die Plakette Bohemian kann leider nicht über die Mittelmäßigkeit hinwegtäuschen. Solche "Lyrik" findet sich in jedem Tagebuch von Großstadtadoleszenten mit Hang zu Selbstmitleid und Alkohol. Sorry, aber Pete Doherty kann das besser.
dr.eldontyrell 06.10.2017
2. Zustimmung
Zitat von T MüllerHauptsache laut, kaputt und no future. Unterirdische Texte & noch schlimmerer "Gesang". Die Plakette Bohemian kann leider nicht über die Mittelmäßigkeit hinwegtäuschen. Solche "Lyrik" findet sich in jedem Tagebuch von Großstadtadoleszenten mit Hang zu Selbstmitleid und Alkohol. Sorry, aber Pete Doherty kann das besser.
Meine alten Schulbücher sind voll von Kritzeleien, Wutausbrüchen, Verzweiflung, Gedichten, Texten und Zeichnungen. Die Kunst liegt letzten Endes darin, jemanden zu finden, der die adoleszenten Schmierereien verlegt. Und dieser Phase zu entwachsen. "Ah, making teenagers depressed is like shooting fish in a barrel." Bart Simpson
lutz_wohlrab 07.10.2017
3. Stimme nicht zu
Als Verleger mische ich mich sonst nicht in Leserdiskussionen ein, hier werde ich aber direkt angesprochen. Ich bekomme oft unaufgefordert Manuskripte, obwohl ich kein Verlag-sucht-Autoren-Verlag bin. Hier war es umgekehrt, die Lieder von ISOLATION BERLIN und besonders ihre Texte haben mir so gefallen, dass ich den Autor kontaktierte. Und ihm haben eben meine Bücher von Martin Bernhardt (http://wohlrab-verlag.de/buecher_bernhardt.php) und Ruth Wolf-Rehfeldt (http://wohlrab-verlag.de/buecher_rwrehfeldt_schriftstuecke.php) so gut gefallen, dass er einer Zusammenarbeit zugestimmt hat. Ich finde, dass es sich gelohnt hat. Das Feedback, das ich erhalte, bestätigt dies eindrucksvoll. Lutz Wohlrab P.S. Über das Robert-Rehfeldt-Buch habe ich auf spiegel.einestages (http://www.spiegel.de/einestages/mail-art-kuenstler-robert-rehfeldt-a-949902.html) geschrieben, dort finden sich auch zwei Artikel über die Mail Art, siehe auch hier: https://mailartists.wordpress.com
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