Tod im DDR-Knast "Ihr sollt in unseren Tränen ersaufen"

Während die Stasi mit der RAF unter einer Decke steckte, waren Sympathisanten westlicher linker Organisationen in der DDR hoch verdächtig. 1981 bezahlte ein junger Mann seine vermeintliche Sympathie für die Roten Brigaden Italiens mit dem Leben. Der Fall gibt bis heute Rätsel auf.

Von Claus Christian Malzahn


Am 10. April 1981 fährt der 23jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk mit seinem Freund Peter Rösch, den alle "Blase" nennen, mit dem Zug von Jena nach Berlin. Die Freunde wollen zu einer Party nach Berlin, Hauptstadt der DDR. Sie kommen nur bis Jüterbog bei Wittenberg. Dort werden sie von Transportpolizisten aus dem Zug geholt. Rösch, der 1982 von Jena nach Berlin-Kreuzberg übersiedelte: "Wir hatten keinen Schimmer, was da los war."

Ohne es zu ahnen, sind Blase und Matz ins Fadenkreuz der Staatssicherheit geraten. Ein Spitzel hat Domaschk im März schwer belastet: Er sei ein Sympathisant der italienischen Terroristen von den Roten Brigaden und träume von Terroraktionen gegen das SED-Regime. Peter Rösch, stadtbekannter Dissident, ist der Stasi sowieso verdächtig. Die Stasi-Maschinerie in Jena kommt in Fahrt. Am Freitagnachmittag
erwischt sie Blase und Matz. Am Sonntag, dem 12. April, um 14.15 Uhr hängt Matthias Domaschk in Zelle 121 der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera tot am Heizungsrohr. Kurz zuvor hat er eine Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi unterschrieben.

Was genau zwischen dem 10. und 12. April im Untersuchungsgefängnis in Gera geschah, habe ich 1993 zu recherchieren versucht. Ich machte mich zunächst auf die Suche
nach dem Mann, der Domaschk bei der Stasi angeschwärzt hatte. IM "Klaus Steiner" lebte nach der Wende in einem kleinen Dorf bei Erfurt und meißelte die Namen von Toten in Granitblöcke. Sein Steinmetzbetrieb lief ganz gut, denn gestorben wird immer. "Steiner" war 33, als ich ihn traf. Ich klingelte an der Tür seiner Werkstatt und sagte: "Ich würde gerne über Matthias Domaschk mit Ihnen reden."

Ein Spitzel als Opfer

Er nickte stumm und ließ mich in die Wohnung – als
hätte er schon lange darauf gewartet, dass jemand mit dieser
Frage vor seinem Haus steht. "Steiner" war als Sohn eines
schwarzen GIs und einer Deutschen im Westen geboren worden.
Die Beziehung hielt nicht lange, seine Mutter kehrte nach
der Geburt mit dem Sohn 1960 in die DDR zurück. Das Kind
hat es in der thüringischen Provinz nicht leicht. "Steiner" wird
gehänselt, verprügelt und seiner dunklen Hautfarbe wegen
ausgegrenzt. Er wächst vaterlos auf. Die Stasi wittert ihre
Chance.Als "Steiner" 17 Jahre alt ist, dient sich ein Mitarbeiter
des Ministeriums für Staatssicherheit dem jungen Mann
als Freund an. "Steiner" ist zu dieser Zeit in Schwierigkeiten,
weil rechte Jugendliche ihm Prügel angedroht haben. Seither
kümmert sich die "Firma" um den Jungen. "Steiner" berichtet
regelmäßig aus der Dissidentenszene in Jena.

Das alles erzählte mir "Steiner" freimütig in der Küche seiner Werkstatt. Dass er es war, der die Stasi-Maschinerie in Gang gesetzt hat, die letztlich zum Tode von Matthias Domaschk
führte, belastete ihn schwer. Es war niemand da, der ihm vergeben konnte oder wollte. Der Bericht des IM "Klaus Steiner" vom 10. März 1981 an seinen Führungsoffizier Roland
M. ist der Anfang vom tödlichen Ende des Matthias Domaschk. "Steiner" hat Matz zufällig bei einem gemeinsamen Freund kennen gelernt, dessen Jenaer Wohnung renoviert werden musste, einem Pfarrer, der selbst zur Dissidentenszene gehört. In dem Bericht behauptet Steiner, Domaschk sei ein Sympathisant der italienischen Terroristen von den Roten Brigaden. Wörtlich habe Matz zu ihm gesagt: "Wenn ich die Möglichkeit hätte, eine solche Gruppe aufzumachen, würde ich es tun." Als Steiners Führungsoffizier das hört, klingeln bei ihm "alle Alarmglocken", denn Anfang der 80er Jahre ist Jena das Zentrum der Opposition. Mehr als 500 meist junge Menschen gehören zur "Szene", der von der Stasi staatsfeindliche Umtriebe unterstellt werden. Matz ist hier sehr beliebt. Nach dem Abitur hat er eine Schlosserlehre gemacht.

Studieren darf er nicht, weil er ein Anhänger Wolf Biermanns ist. Dass Matz ein Sympathisant der Roten Brigaden gewesen sein soll, daran konnte sich später keiner in seinem Freundeskreis erinnern. Möglicherweise war der Satz, der die tödliche Stasi-Maschine in Gang setzte, einfach nur eine flapsige Bemerkung. Domaschk sei unter den Dissidenten sowieso "eher eine Randfigur" gewesen, sagt der evangelische Pfarrer Walter Schilling, der damals in Thüringen den Widerstand gegen das Regime maßgeblich mitorganisiert hat.

Kokosmatten und Janis Joplin

Aus der Oppositionsszene, hat Domaschk seinem Freund
Peter Rösch im Frühjahr 1981 anvertraut, wolle er sich zurückziehen, sobald er und seine Freundin Kerstin verheiratet
seien. Seine Zwei-Raum-Wohnung in der Jenaer Altstadt hat er liebevoll renoviert; sogar Kokosmatten für den Fußboden konnte er auftreiben. Das Paar will privatisieren: mit ein paar Platten von Janis Joplin und Büchern von Jerome D. Salinger, Tom Wolfe und Aldous Huxley. Domaschks Lebensgefährtin hat eine Freundin in einer Buchhandlung, die derlei Raritäten beschaffen kann. Matz träumt in den letzten Monaten seines Lebens eher vom stillen Glück, nicht mehr von der Revolte. Doch Mitte der 70er Jahre hat er Pläne geschmiedet gegen das Regime. Mit seiner damaligen Freundin Renate Groß ist er nach Prag gefahren, hat dort Kontakt zu Leuten von der "Charta 77" aufgenommen. Nach DDR-Rechtsprechung war das ein schweres Vergehen.

Matz kennt die Methoden der Stasi, weiß, wozu Vernehmer fähig sind.1976,kurz nach der Ausbürgerung des Liedermachers Biermann, wurden Domaschk und seine hochschwangere Freundin abgeholt und getrennt verhört. Matz hielt durch – bis aus dem Nebenzimmer plötzlich Frauenschreie kamen. "Er dachte, das wäre ich. Dabei war es ein Tonband", berichtet Renate. Die Demütigungen der Stasi, die Angst vor Verhören, vor Prügeln in der U-Haft und vor Schikanen zu Hause hielten viele nicht aus. "Es gab eine Zeit in Jena", erinnert sich ein Dissident, "da war Selbstmord so eine Art letzter politischer Protest." Auch Domaschk ist von melancholischen Anfällen nicht frei. "Manchmal haben wir nächtelang geheult", hat mir Kerstin später erzählt, "einfach so, ohne konkreten Grund. Wir haben geheult, weil alles irgendwie ziemlich beschissen war.



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