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Umberto Ecos Werke: Unendliche Lesarten

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Umberto Eco: 1932 bis 2016 Fotos
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Als Romancier wurde Umberto Eco mit Verschwörungstheorien und spekulativen Erzählungen weltberühmt. Sein Bestseller "Der Name der Rose" ließ so viele Deutungen zu, dass sich Lesezirkel um den Roman bildeten.

Wenn er sich an einen Roman setzte, dann hielt er sich beim Schreiben an ein einziges Prinzip: "Vergnüge dich selbst, dann wirst du auch andere vergnügen." Wobei Themen, die ein Professor für Semiotik für vergnüglich hält, dem breiten Publikum nicht notwendigerweise viel Freude bereiten. Zu den größeren Rätseln im Schaffen des Umberto Eco gehört, dass er aus seiner akademischen Gelehrsamkeit belletristische Funken zu schlagen verstand - und dabei niemals die eine Welt zugunsten der anderen verriet.

Geboren wird Eco am 5. Januar 1932 im piemontesischen Alessandria. Zwar legen ihm seine Eltern, beide in der Buchhaltung einer Stahlfirma beschäftigt, ein Studium der Rechtswissenschaften nahe. Da hat sich der Knirps aber längst mit Literatur angesteckt. Im Bücherkeller seines Großvaters verschlang er Jules Vernes, Charles Darwin, Marco Polo und Comic-Hefte.

Nach dem Krieg studiert der streng katholisch erzogene Eco in Turin mittelalterliche Philosophie und Literatur. Als er sein Studium 1954 mit einer Arbeit über die Ästhetik des Thomas von Aquin beendet, hat er mit der Kirche schon gebrochen: "Sie hält uns in Angst vor der natürlichsten Sache der Welt, dem Tod, und lehrt uns Hass auf die schönste Sache, die das Schicksal für uns bereithält, das Leben."

Das offene Kunstwerk

In den folgenden Jahren arbeitet er als Kulturredakteur für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, unterrichtet an der Universität und wechselt dann als Lektor zu seinem späteren Hausverlag Bompiani, wo er seine Frau kennenlernt, die deutsche Grafikerin Renate Ramge. Mit seinen theoretischen Schriften "Das offene Kunstwerk" (1962), in dem er jedem Werk beinahe unendliche Lesarten zuschreibt, und einer "Einführung in die Semiotik" (1968) bringt er eine akademische Karriere auf den Weg, die schließlich mit einen Lehrstuhl an der Universität von Bologna gipfelt.

Daneben schließt sich der Verehrer von Jorge Luis Borges und James Joyce der elitären "Gruppo 63" an, die den italienischen Neorealismus ebenso ablehnte wie die Idee der Postmoderne. Erst gegen Ende der Siebzigerjahre wagt er sich an sein eigenes Debüt, eine komplexe Geschichte über rätselhafte Morde in einer mittelalterlichen Abtei: "Der Name der Rose".

Darin setzt er nicht nur seinen Vorbildern Jorge Luis Borges (der Bösewicht heißt Jorge von Burgos) und Arthur Conan Doyle (der Held heißt William von Baskerville nach einer Sherlock-Holmes-Geschichte) ein Denkmal. Er bleibt auch seinen theoretischen Positionen treu. In Italien bilden sich um den unwahrscheinlichen Bestseller bald Lesezirkel, und jeder Leser glaubt, ein anderes Buch gelesen zu haben. Ist es ein religiöses Traktat? Eine Abhandlung scholastischer Probleme? Schauerroman, Schlüsselroman oder einfach ein Thriller?

"Der Name der Rose" ist als "offenes Kunstwerk" alles zusammen. Der Vatikan verurteilt das Buch als ein "erzählerisches Ärgernis, das die Bedeutung des Glaubens entstellt, entweiht und beleidigt". Kritiker langweilen sich bei endlosen Dialogen über Aristoteles, sehen Stereotype am Werk und bemängeln die schlichte Konstruktion nach Vorgaben von Agatha Christie. Eco selbst hält sein Werk für "überambitioniert". Es verkaufte sich bis heute weltweit mehr als zehn Millionen Mal, ist in 30 Sprachen übersetzt und 1986 mit Sean Connery verfilmt worden.

Semiotik von Pornos und Plastikbesteck

Neben einer ganzen Reihe populärwissenschaftlicher Essays und Artikel verfasst er weiter erfolgreiche Romane, von "Das Foucault'sche Pendel" über "Die Insel des vorigen Tages" bis zu "Baudolino", einer Rückkehr ins Mittelalter. Ob es um Verschwörungstheorien geht, jüdische Zahlenmystik, Kaiser Barbarossa, die "Protokolle" der Weisen von Zion oder barocke Expeditionen in die Südsee - stets bleibt der Meister der Kolportage eng an seinen Quellen, die er mit fiktionalen Mitteln zu spekulativen Erzählungen ausbaut.

Längst hat er als Gelehrter seine "Freiheit" verloren, "keine Meinung zu haben". Eco avanciert zum Allzweck-Intellektuellen, der sich auch für Phänomene des Alltags nicht zu fein ist. Mit den Werkzeugen der Semiotik zerlegt er alles in unterhaltsame Einzelteile, von Pornodarstellern bis zu Plastikbesteck. Mickey Mouse könne perfekt sein "wie ein japanisches Haiku", und die unterschiedlichen Betriebssysteme von Apple und Microsoft vergleicht er mit Katholizismus und Protestantismus. Fremd bleibt ihm nur Sport, Kochen, Botanik sowie "alles, was an Unterhaltungsmusik nach den Beatles kam".

Zugleich bleibt er als Linker und Kind des Zweiten Weltkriegs zeitlebens ein erklärter Gegner neofaschistischer Tendenzen und damit auch von Silvio Berlusconi, den er nicht nur in politischen Kommentaren angreift. Er ist auch unschwer in der Figur des Commendatore Vimercate in "Nullnummer" (2015) zu entdecken, einem satirischen Roman über die Wirkung von Korruption und Medien auf die moderne Gesellschaft.

Es sollte Umberto Ecos letztes Buch bleiben. Am 19. Februar erlag er mit 84 Jahren in seinem Haus in Mailand der natürlichsten Sache der Welt.

Im Video - Zur Bedeutung Umberto Ecos:

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Der Welterzähler
ed_tom_bell 20.02.2016
Großartiger Mann, der für mich persönlich einer der wichtigsten Schriftsteller überhaupt war. Was ich an ihm, neben seiner unglaublichen Gelehrtheit, besonders schätzte war seine Uneitelkeit, die es ihm ermöglichte auch in vermeintlich trivialen Kulturerzeugnissen tiefe Bedeutung zu erkennen, was bei manch anderem klugen Denker leider nicht durch die Schablone passt. Vielleicht hat er mich mit "Das Foucaultsche Pendel" sogar davor bewahrt mich allzu sehr dem Reiz kruder Verschwörungstheorien zu ergeben. Vielleicht würde ich heute sonst mit einer Aluhaube auf dem Kopf Kondensstreifen beargwöhnen. Wer weiß? Auch "Die Insel des vorigen Tages" ist mir unauslöschlich im Gedächtnis, als ebenso leichtfüßige wie überbordend weitschweifige und nicht zuletzt kuriose und humorige Reflexion über das Zeitalter der Aufklärung. Besonders der Schluss hat es mir angetan. Sein Meisterwerk ist aber sicherlich "Der Name der Rose". Die Geburt der Aufklärung als religiös motivierter Mordfall für einen Meisterdetektiv auf gefährlich dünnem Eis. Ein Geniestreich. Seinen jüngsten Roman muss ich erst noch entdecken. Darauf freue ich mich schon. Schade, dass es keine weiteren geben wird!
2. und wieder einer der ganz Großen
franz von list 20.02.2016
die gegenwärtig die Welt verlassen.Manchmal fragt man sich was bleibt. In den letzten 2 Jahren starben soviele an grossen Denkern und Erschaffern aus Kunst, Schauspiel, Politik und Literatur das man Angst bekommt. Ist die Dekade des mehrseitigen Denkens und Erschaffens vorbei? Kommt jetzt die Zeit des antiinterlektuellen Molchs? Die Hoffung bleibt, das auch unter den Jüngeren weiter feinsinnige Geister das Grosse Wirken weiterführen. Somit , ruhe in Frieden.
3. Wer ihn liest,...
thoreaukrates 20.02.2016
der weiß, was Literatur mit einem machen kann. Ich habe ihn immer wieder mit großem Genuss gelesen. Das Foucault'sche Pendel wohl dreimal und trotz Sekundärliteratur immer noch nicht ganz verstanden - herrlich!
4. Selbst wenn ...
LondoMollari 20.02.2016
... ich nie verstanden habe wie man sich am Ende von "Im Namen der Rose" gegen das Mädel entscheiden konnte ... RIP - wieder ein Mensch weniger den wir dringend gebraucht haben auf diesem Planeten.
5. Für einen Augenblick voller Seligkeit...
ed_tom_bell 20.02.2016
Zitat von LondoMollari... ich nie verstanden habe wie man sich am Ende von "Im Namen der Rose" gegen das Mädel entscheiden konnte ... RIP - wieder ein Mensch weniger den wir dringend gebraucht haben auf diesem Planeten.
Sie sind ein Romantiker. Man muss sich klar machen was es für Adson bedeutet hätte sich für das Mädchen zu entscheiden - in dieser Epoche. Er wäre dann zweifellos exkommuniziert worden. Auch seine Familie hätte es sicher nicht akzeptiert, dass er sich mit einem armen, ungebildeten Bauernmädchen - weit unter seinem Stand - eingelassen hat. Vermutlich wäre diese Liebesentscheidung für ihn ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Absturz ohnegleichen gewesen. Ich erinnere mich gar nicht ob diese Romanze im Buch tatsächlich auch eine so große Rolle spielt wie im Film. - Oder dort überhaupt vorkommt. Muss es wohl mal wieder lesen. Es heißt übrigens "Der Name der Rose", nicht "Im Namen der Rose".
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