Vater-Sohn-Konflikt Dieser Künstler vernichtet Träume wie missglückte Bilder

Mal wieder die Geschichte vom unterdrückten Künstlerspross? Nicht nur: Der britische Bestsellerautor Tom Rachman schenkt dem Helden seines Romans "Die Gesichter" eine späte wie ungewöhnliche Emanzipation vom Übervater.

Nick Nolte als Action-Painting-Maler im Film "New York Stories"(1989)
picture alliance/ Everett Colle

Nick Nolte als Action-Painting-Maler im Film "New York Stories"(1989)


Künstlerroman? Ach, Gott! So durchfährt es einen beim ersten Blick auf den Klappentext von Tom Rachmans neuem Roman "Die Gesichter". Noch dazu erzählt aus der Sicht eines erfolglos um die Gunst seines malenden Übervaters ringenden Wichts, dem der Alte frühzeitig alle Illusionen in Richtung eigener Künstlerexistenz raubt, indem er diesem unmissverständlich klarmacht: "Ich halte große Stücke auf dich mein Sohn, das weißt du, aber ich muss dir sagen, ein Maler bist du nicht, und du wirst auch nie einer werden."

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Tom Rachman:
Die Gesichter

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

dtv, 416 Seiten, 22 Euro

Ein Schlag, von dem sich Charles Bavinsky eigentlich nie mehr erholt. Obgleich in dem Kerl, den seine sich erfolglos als Keramikerin versuchende Mutter Natalie liebevoll "Pinch" ruft, sehr wohl ein Leinwandkünstler steckt, wie sich später im Buch zeigen wird.

Doch bis es so weit ist, dreht sich in Rachmans im Rom der frühen Fünfzigerjahre beginnenden Roman alles um den Vater, um Bear Bavinsky, einen genialen Berserker - unschwer erkennbar dem 1956 verstorbenen Action-Painter Jackson Pollock nachempfunden. Er zeugt 17 Kinder - und vernichtet die ihn umgebenden Menschen samt ihren Träume ebenso skrupellos wie die eigenen Bilder, die seinen Ansprüchen nicht genügen.

Bear Bavinsky sei der Action-Maler von morgen, heißt es im Buch in einem fiktiven Artikel des "Life"-Magazins aus dem Jahr 1953. Und so führt der Mann sich dann auch auf: als bindungsunfähiger, pausenlos um sich selbst kreisender Kraftmeier, der seine Farben auf die großflächig auf dem Atelierboden ausgebreitete Leinwand tropft, um anschließend grimmig drauf herumzutrampeln. Denn für Bear steht fest: "Nicht jeder kann ein Künstler sein. Aber für jene von uns, die Künstler sind, ist es ein Krieg. Ein totaler Krieg."

So zieht er fest entschlossen immer neu ins Gefecht gegen all die Ahnungslosen, von denen er sich umstellt sieht. Dabei macht er gegen die in seinen Augen ahnungslosen Kritiker und den allgemeinen Zeitgeist ebenso wüst mobil wie gegen jene, die ihn trotz allem lieben. Seine Frau Natalie etwa, die sich irgendwann resigniert umbringt.

Und auch Pinch, inzwischen erwachsen und Italienischlehrer in London, begräbt seine einstigen eigenen Malerambitionen zwischen aufgeschlagenen Sprachfibeln. Denn "mit schrecklicher Klarheit sieht Pinch sich selbst: ein aufgeblasener Langweiler, ein Mann, den er nicht mögen würde. Und er sieht die Einsamkeit, die ihn erwartet, sieht, wie sie ihn umschließt."

Pinchs diabolische Rache

Aber genau hier, da der Roman endgültig zum Porträt des verhinderten Künstlers als mittelalter Melancholiker erstarrt scheint, reißt Rachman seinen Plot erfolgreich herum. Wie? Indem er Pinchs verschüttgegangene Maler-Ambitionen in eine Richtung lenkt, die aus dem Roman einer gezielten künstlerischen Verhinderung den einer ebenso perfiden wie genialen Rache mit Pinsel und Farben macht.

Denn als Pinch beginnt, Arbeiten seines Vaters zu kopieren und diese später - nach Bears Tod - überaus erfolgreich als eine "Die Gesichter" betitelte Serie nachgelassener Arbeiten des Alten unters Volk zu bringen, bekommt Rachmans Roman einen faszinierenden Spin - und der Held glänzt als diabolischer Rächer. "Pinchs langsame Herausgabe der Fälschungen hat unerwartete Folgen: Der Kunstmarkt reagiert wie angefixt. Jeder Verkauf eines Bavinsky setzt einen neuen Rekord. Pinch ist fassungslos, als das letzte Aktgemälde für 2,4 Millionen über den Tisch geht."

Autor Tom Rachman
Alessandra Rizzo

Autor Tom Rachman

Tom Rachman erzählt die Legende des unter die Räder des alles und jeden überfahrenden Künstlervaters kommenden Sprosses neu, indem er vorführt, wie weit einer zu gehen bereit ist, um seine nie wirklich losgewordene Liebe auch über den Tod des trotz allem grenzenlos verehrten Unterdrückers hinaus diesem nachzutragen. Dass er dabei gelegentlich allzu dick aufträgt, um uns auszumalen, wie es in seinem leidenden Helden aussieht, lenkt oft vom Eigentlichen ab.

Dass dieser Tom Rachman, der als Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press in Rom und als Redakteur der "International Herald Tribune" in Paris arbeitete, ehe er anfing Bücher zu schreiben, straff und konzis erzählen kann, das hat er bereits bewiesen. Die erleuchtungsreiche Schönheit seines genialen Erstlings "Die Unperfekten" aber erreicht er in "Die Gesichter" nicht.

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