Historiker Tom Segev: "Grass denkt an sein SS-Schweigen"

Er verteidigte Günter Grass gegen den Vorwurf, den Holocaust zu relativieren. Doch jetzt zerpflückt der Historiker Tom Segev die Israel-Kritik des Nobelpreisträgers: Er verdrehe die Tatsachen, sei getrieben von seiner Waffen-SS-Vergangenheit - und solle seine "letzte Tinte" lieber aufsparen.

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Nobelpreisträger Günter Grass: "Keine Ahnung von Iran, Atomkraft und Strategie"

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Gedicht von Günter Grass gelesen haben?

Tom Segev: Dass es Günter Grass mehr um sein eigenes Schweigen geht als, wie er darin behauptet, um die Zukunft der Menschheit. Er tut so, als ob er etwas sagt, das noch niemand gesagt hat. Ich fand das etwas pathetisch: mein Schweigen. Ich glaube, er denkt noch immer an sein SS-Schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Tatsache, dass Grass erst in seinem autobiografischen Roman "Beim Häuten der Zwiebel" verraten hat, dass er in der Waffen-SS war. Gemeint war diesmal aber ein anderes Schweigen - das über die israelische Nuklearpolitik.

Segev: Aber dieses Schweigen gibt es nicht. Die ganze Welt diskutiert darüber. Auch in Israel. Deshalb war meine zweite Reaktion auf das Gedicht dann auch, dass Günter Grass keine Ahnung hat von Iran, von Atomkraft und Strategie. Es sei denn, er hat sich gestern mit dem iranischen Staatspräsidenten Ahmadinedschad unterhalten oder dem israelischen Premierminister Netanjahu - oder mit beiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie diskutiert man in Israel über einen möglichen Angriff auf Iran?

Segev: Der frühere Mossadchef Meïr Dagan zum Beispiel ist genau der gleichen Auffassung wie Günter Grass. Er ist auch gegen einen israelischen Angriff auf Iran. Er spricht fast jeden Tag davon. Es gibt in Israel eine sehr rege Diskussion über diese Frage.

SPIEGEL ONLINE: Grass nennt einen Grund für sein Schweigen: das drohende Verdikt des Antisemitismus.

Segev: Meïr Dagan ist in Israel noch von niemandem beschuldigt worden, Antisemit zu sein. Und es ist schon lange nicht mehr so, dass man in Deutschland Israel nicht kritisieren könnte - auch wenn das in der israelischen Regierung manche bedauern mögen. Grass' Argumentation ist sehr unpolitisch. Wenn Dagan ein Gedicht veröffentlichen würde, wäre ich ebenso peinlich berührt, wie wenn Grass eine Atomanalyse publiziert. Ich finde das nicht ganz ernstzunehmend. Ich würde mir wünschen, dass er seine "letzte Tinte" für einen schönen Roman aufspart.

SPIEGEL ONLINE: Grass schreibt, es drohe die Gefahr der Auslöschung des iranischen Volkes durch einen Atomschlag.

Segev: Ich verstehe gar nicht, wie er auf die Idee kommt. Er stellt ja Israel und Iran auf eine Stufe. Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will. Was soll das mit der Auslöschung des iranischen Volkes?

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, Grass verdreht die Tatsachen?

Segev: Bislang war die Rede doch nur von gezielten israelischen Angriffen auf iranische Atomanlagen, nicht von einem Atomangriff auf das ganze Land.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Grass selbst vor nicht allzu langer Zeit interviewt - und danach verteidigt, als ihm vorgeworfen wurde, er setze Opfer auf der Seite der deutschen Wehrmacht und Holocaust-Tote gleich.

Segev: Der ganze Skandal beruhte auf einem Missverständnis. Aber Grass hat niemals die Nazi-Verbrechen mit deutschen Leiden verglichen. Er ist wirklich ein großer Schriftsteller, aber wenn jemand ein großer Schriftsteller ist, bedeutet das nicht, dass er auch von nuklearer Strategie etwas versteht. Wobei sich die Problematik nicht auf Israel beschränken lässt: Ein nuklearer Iran ist für die ganze Welt gefährlich. Ich persönlich glaube übrigens, die meisten Israelis wünschten sich, dass Amerika gegen den Iran vorgeht und nicht Israel. Und es ist auch nicht so, dass in Israel gegen Iran gehetzt wird. Es gibt sogar eine Friedenskampagne via Facebook. Und der israelische Staatspräsident Peres hat das iranische Volk begrüßt im Fernsehen anlässlich des persischen Neujahres. Es handelt sich auf keinen Fall um eine Feindschaft gegen das iranische Volk. Trotzdem spürt man in Israel eine gewisse Art von Holocaust-Furcht. Das alles ist viel ernster als die Frage, ob Günter Grass schweigt oder nicht schweigt.

Das Interview führte Sebastian Hammelehle

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  • dapd
    Tom Segev, 67, ist einer der namhaftesten Journalisten Israels.

    Der Historiker findet mit seinen Publikationen weltweit Beachtung. Deutschen Lesern ist er durch sein Buch »Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung« aus dem Jahr 1995 bekannt. Segev lebt in Jerusalem.

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