Schriftsteller und Journalist Tom Wolfe ist tot

In seinen Romanen hielt er der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vor: Tom Wolfe, einer der prägendsten Autoren der Gegenwartsliteratur, ist tot.

AP/ Little, Brown and Company, Mark Seliger

Wenn man Glück hatte, konnte man ihn nachmittags in Manhattan die Madison Avenue herunterschlendern sehen: Ein großgewachsener, aufrecht gehender Mann im vanilleweißen Anzug mit Hut, ein extravaganter Dandy, der sich seiner Ausnahmestellung im Literaturbetrieb bewusst war. Jetzt ist Tom Wolfe, einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren der USA, gestorben. Das bestätigte seine Agentin Lynn Nesbit. Offenbar litt er an einer Infektion.

Neben Truman Capote, Norman Mailer, Hunter S. Thompson und Gay Talese begründete Wolfe in den Sechzigerjahren den New Journalism, einen Reportagestil, der literarische Elemente in nichtfiktionale Texte einfließen ließ. Sein Bericht aus der Hippie-Gegenkultur, "The Electric Kool-Aid Acid Test", der die Reisen von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters im bunten Bus durch die USA nachzeichnete, gilt als eines der wichtigsten Dokumente dieser Zeit. Wolfes Debütroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" über die Gier der "Masters of the Universe" an der Wall Street, erschien 1987 und wurde zum weltweiten Bestseller.

Wolfe umgab sich immer mit etwas Mystischem. Auch aus seinem Alter hatte er immer gerne ein Geheimnis gemacht. Auch deshalb ist jetzt unklar, ob Wolfe im Alter von 87 oder 88 Jahren starb. Während sein deutscher Verlag 1931 als Geburtsjahr angab, sprachen andere Quellen von 1930, beispielsweise die New Yorker Stadtbibliothek, die 2015 für mehr als zwei Millionen Dollar das aus 190 Kisten bestehende Archiv des Schriftstellers kaufte.

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Tom Wolfe: Der erste Pop-Journalist

Wolfe hatte sich in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zwischendurch hatte er sich mit Pressetexten und Essays immer mal wieder zurückgemeldet, immer pointiert, immer streitlustig. 2016 griff er in "Das Königreich der Sprache" beispielsweise Charles Darwins Evolutionstheorie und den Sprachwissenschaftler Noam Chomsky an. 2012 legte er sich in seinem Buch "Back to Blood" mit den Eliten der Südstaaten-Metropole Miami an. Wolfes Gespür für gesellschaftliche Trends und Strömungen war unbestechlich, er prägte Begriffe wie "Radical Chic", die in den amerikanischen Sprachgebrauch übergingen.

Aber Wolfe polarisierte auch. "Massenunterhaltung" sahen Größen der amerikanischen Literatur wie Norman Mailer und John Updike in seinen Werken, die sich massenhaft verkauften und erfolgreich verfilmt wurden, wie seine Astronauten-Saga "Der Stoff aus dem die Helden sind" (1979) oder eben "Fegefeuer der Eitelkeiten". John Irving lästerte über die "Geschwätzigkeit" Wolfes und erklärte sich unfähig, dessen voluminösen ersten Roman zu Ende zu lesen.

"Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber"

Auch Literaturkritiker zeigten sich gespalten. An seinem Status als "erster Popjournalist" ("Guardian") und zumindest Miterfinder des "New Journalism" wurde jedoch nicht gerüttelt. Wolfe galt als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde lieferte. Aber der Autor galt auch als eitler Selbstdarsteller, als "Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber" ("Guardian"), der genüsslich die Schwächen anderer Menschen beschrieb. Wolfe leugnete das nie. "Wenn die meisten Schriftsteller ehrlich mit sich selbst wären, würden sie zugeben, dass sie nur das erreichen wollen: Vorher nahm sie niemand wahr, jetzt schon."

Geboren wurde Wolfe in Richmond (US-Bundesstaat Virginia) in eine wohlhabende Professoren- und Plantagenbesitzer-Familie. Seine Mutter ließ ihn in Ballett- und Stepptanz ausbilden, zeichnete und las Literatur mit ihm. Schon als Kind, geht die Legende, soll er versucht haben, eine Biografie über Napoleon sowie einen illustrierten Band über Mozarts Leben zu schreiben. Wolfe studierte an der Elite-Universität Yale und bewarb sich dann als Journalist. "Ich habe mehr als hundert Bewerbungen an Zeitungen geschrieben", erzählte er einst der "Paris Review". "Drei Antworten habe ich bekommen. Zwei Absagen." Die "Springfield Union" in Massachusetts stellte ihn an.

Über andere Zeitungsjobs landete Wolfe 1962 schließlich in New York, zunächst bei der "Herald Tribune" und dann auch bald bei der Belletristik und seiner ureigenen Form der Pop-Literatur. Neun fiktionalisierte Reportagebücher erschienen zwischen 1965 und 1981, bis sich Wolfe an einen Roman traute.

"Acht Monate lang saß ich jeden Tag an meiner Schreibmaschine und wollte das `Fegefeuer der Eitelkeiten' anfangen, und nichts passierte. Mir wurde klar, dass ich es nur schaffen kann, wenn ich mir eine Abgabefrist setze." Das Werk erschien Mitte der Achtzigerjahre zunächst als Fortsetzungsroman im "Rolling Stone"-Magazin und wurde später mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt. Später folgten Romane wie "Ein ganzer Kerl" und "Ich bin Charlotte Simmons" sowie immer wieder Reportagen und Artikel.

Trotz seines selbstsicheren Auftretens in der Öffentlichkeit seien die Selbstzweifel ihm stets geblieben, sagte der zweifache Vater, der mit seiner Frau im 14. Stock eines eleganten Appartementhauses direkt am Central Park wohnte, einmal. "Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr." Trotzdem sei ihm die Lust an seinem Job nie vergangen: "Der größte Spaß am Schreiben ist das Entdecken."

bor/dpa



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