Tom Wolfes "Back to Blood": Fehlerteufel mit Eitelkeiten

Von

Miami-Roman von Tom Wolfe: Sonniges Miami, düsteres Miami Fotos
AP

Haitianer gegen Kubaner, Kubaner gegen Afroamerikaner, alle zusammen gegen die Americanos: In "Back to Blood" nimmt Tom Wolfe die ethnischen Verteilerkämpfe Miamis ins Visier - ohne Gespür für die Gegenwart. Der Meister liefert bloß eine selbstgefällige Stilübung auf 768 Seiten.

Americanos? Für Nestor Camacho, Sohn kubanischer Einwanderer in Miami, sind das bemitleidenswerte Kreaturen. Mag der eine oder andere auch einen 80.000-Dollar-Wagen besitzen, wie er ihn selbst gerne fahren würde - im Großen und Ganzen sind die weißen Mitbürger für den Latino-Cop Nestor Ziel seines Spottes. Tragen ihre Klamotten immer eine Nummer zu groß, da sie kein Körperbewusstsein haben. Trinken immer ein Glas zu viel, da sie über kein Selbstbewusstsein verfügen.

Bald kann sich der stolze kubanische Polizist trotzdem nicht mehr vor weißen Freunden und Bewunderern retten. Bei einem Einsatz auf der Biscayne Bay holt Nestor einen kubanischen Flüchtling aus der Takelage eines Schiffs; von der englischsprachigen Presse wird der junge Polizist mit dem im Fitnessstudio so ansehnlich durchtrainierten Körper als Retter gefeiert. Ohne seine Hilfe wäre der Flüchtling wahrscheinlich in den Tod gestürzt.

Richtig glücklich wird dieser Nestor, mit dem Tom Wolfe sein neues Gesellschaftspanorama eröffnet, dann aber bei aller Anerkennung doch nicht: Für die kubanische Gemeinde ist der Polizist ein Verräter, schließlich wird der von ihm festgesetzte Kubaner direkt wieder abgeschoben. Nestors Eltern versinken vor Scham im Boden, die Nachbarschaft zeigt ihm die kalte Schulter. Hat der Junge denn vergessen, wo er herkommt?

Keiner entkommt seiner Herkunft

Als ob das irgendeiner der vielen Charaktere in Tom Wolfes ziegelsteinschwerem und in seiner Stoßrichtung wenig subtilem Miami-Roman je vergessen könnte! "Back to Blood" ist der Titel des Originals, den man korrekterweise für die am Montag erscheinende deutsche Übersetzung beibehalten hat. Zurück zum Blut also. Die Figuren in dem 768 Seiten umspannenden Panorama stammen aus Kuba, Haiti, Honduras oder Nicaragua, sie sprechen Englisch, Spanisch, Französisch, Kreolisch. Seiner ethnischen Herkunft entkommt keiner von ihnen.

Für Tom Wolfe, den großen alten amerikanischen Gesellschaftschronisten und Propagandisten des journalistischen Romans, ist nicht länger seine Wahlheimat New York der "Melting Pot" der Gegenwart, sondern Miami. Obwohl er selbst diesen Begriff wahrscheinlich nicht verwenden würde, denn ein "Schmelztigel", in dem sich die Menschen unabhängig ihrer Herkunft miteinander vermischen, ist Wolfes Miami eben nicht. Egal, ob seine Figuren den gesellschaftlichen Aufstieg üben, indem sie versuchen ihre Wurzeln zu verleugnen, egal, ob sie stolz ihre ethnische Zugehörigkeit herausstellen - am Ende sind sie Geiseln ihrer Herkunft.

Eine ironische Wendung ist es, dass Tom Wolfes in Amerika bereits im Oktober veröffentlichtes Buch hier nun kurz nach Barack Obamas Vereidigung für die zweite Amtszeit erscheint. Denn all die von Obama befeuerten Hoffnungen auf eine post racial society, auf eine Gesellschaft also, in der es keine Rassenschranken gibt, in der die Herkunft des Menschen eine zweitrangige Frage ist, werden von Wolfe mit großartigem bis grobem Witz zunichtegemacht. Bei Obamas Amtseinführung vor einer Woche trug der kubanischstämmige Dichter Richard Blanco ein Inaugurationspoem für Obama vor. Ein Akt von unerhörter symbolischer Strahlkraft: Der Latino geleitet den schwarzen Präsidenten in eine weitere Amtsperiode.

Und alle zusammen gegen die Americanos

Und wie sieht das Verhältnis von Kubanern und Afroamerikanern in Wolfes "Back to Blood" aus? Da nehmen die Hispanic-Cops die Schwarzen allenfalls als potentielle Crackdealer ins Visier, die ihnen schon aus ästhetischen Gründen suspekt erscheinen: Wo sie keine Tattoos haben, so das abfällige Urteil von Polizist Nestor bei einer Beschattungssaktion, da lassen sie sich mit Brillanten besetzte Piercings stechen. Vollkommen unmännlich, findet der Latino. Ethnischer Konflikt, das heißt bei Wolfe: Haitianer gegen Kubaner, Kubaner gegen Afroamerikaner, und alle zusammen gegen die weißen Americanos. Und das oft eben nur aus Stilempfinden.

Eingebettet ist dieser streckenweise arg plakativ gezeichnete ethnische und ästhetische Vielfrontenkrieg in ein Miami, das von russischen Oligarchen und pornosüchtigen Investoren regiert wird. Bei der Beschreibung der Kunstmesse "Art Basel" in Miami, wo milliardenschwere Kunden mit Objekten geködert werden, die ihrer sexuellen Bedürftigkeit entgegenkommen, läuft "Fegefeuer der Eitelkeiten"-Autor Wolfe dann allerdings noch mal zu satirischer Hochform auf. Großes Kino ist das über das Wechselspiel von Amok laufenden Egos und unkontrollierbaren Hormonschüben auf einem explodierenden Kunstmarkt. Da ist der ewig Dandy Wolfe, der mit sardonischem Blick das ästhetische Unvermögen der anderen ins Visier nimmt, voll in seinem Metier.

Bei den Beschreibungen der kubanischen und haitianischen Milieus aber funkelt seine Sprache - trotz eines Aufgebots an rhetorischen und lautmalerischen Tricks - dann eben wieder weniger. Kann der 81-jährige New Yorker Romanicer aus seinem teurem Eastside-Apartment wirklich die Abgrenzungskämpfe im Miami der Jetztzeit beurteilen? Verhindert der Wolkenblick nicht die Sicht auf die Niederungen der amerikanischen Gesellschaft? Bei seiner betont modernen Beschreibung der sozialen Zusammenstöße wirkt Wolfe, man kann es nicht anders sagen, oft geradezu gegenwartsvergessen.

Die Bezüge, die er herstellt, erscheinen in ihrer Detail- und Klangversessenheit gekünstelt bis gestrig. Etwa wenn ein Psychotherapeut, der sich auf die Behandlung von Pornosüchtigen spezialisiert hat, ausgerechnet durch das inzwischen in die Jahre gekommenen Investigativ-Format "60 Minutes" bei den Kids in Miami zum Star geworden sein soll. Oder wenn sich eine 20-Jährige in Minirock nach dem Vorbild von Posh Spice aufsext - als ob die Spice Girls in dieser Alterskategorie noch irgendeine Bedeutung hätten.

In solchen Momenten wirkt "Back to Blood" - mutmaßlich Wolfes letzter großer Roman - nicht wie die gnadenlose Abrechnung eines Gesellschaftsanalysten mit der Illusion einer post racial society. Sondern wie die Phantasmagorie eines alten Herren, der es nicht mehr vor die Tür seines teuren New Yorker Eastside-Apartments schafft. Die Wirklichkeit? Nun ja, die ist einem Ästheten wie Wolfe wahrscheinlich eh zu schnöde.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wo wohnt Wolfe?
chuckal 28.01.2013
Zitat von sysopHaitianer gegen Kubaner, Kubaner gegen Afro-Amerikaner, alle zusammen gegen die Americanos: In "Back to Blood" nimmt Tom Wolfe die ethnischen Verteilerkämpfe Miamis ins Visier - ohne Gespür für die Gegenwart. Der Meister liefert bloß eine selbstgefällige Stilübung auf 768 Seiten. Tom Wolfes Miami-Roman "Back to Blood" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/tom-wolfes-miami-roman-back-to-blood-a-879076.html)
Ah ja, in einem "teuren New Yorker Eastside Appartement".... dann wissen wir ja alle Bescheid - wie wäre es denn mit einer post social society, in der soziale Herkunft nicht die literarische Ausdruckskraft bestimmt?
2. Anmaßend
spon-facebook-10000363349 28.01.2013
Die Frage ist, wer hier der Eitelkeit nicht widerstehen konnte. Tom Wolfe dürfte wohl die amerikanische Gesellschaft aus seiner Perspektive noch immer viel direkter und genauer betrachten können, als der Spiegel-Autor von seinem Sessel in der Online-Redaktion. Es steht wohl außer Frage, dass die Probleme der unterschiedlichen Ethnien in der Großstadt Miami auch unterschwelligen und offenen Rassismus hervorbringen, der nach wie vor die amerikanische Gesellschaft prägt.
3. so what?
lindejung 28.01.2013
Zitat von sysopHaitianer gegen Kubaner, Kubaner gegen Afro-Amerikaner, alle zusammen gegen die Americanos: In "Back to Blood" nimmt Tom Wolfe die ethnischen Verteilerkämpfe Miamis ins Visier - ohne Gespür für die Gegenwart. Der Meister liefert bloß eine selbstgefällige Stilübung auf 768 Seiten. Tom Wolfes Miami-Roman "Back to Blood" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/tom-wolfes-miami-roman-back-to-blood-a-879076.html)
who kehrs was in einem immer zivilisationsferneren Land so vor sich geht?
4. So so ...
peinbe 28.01.2013
Im Gegensatz zu Mr. Wolfe kennt der SPON-Redakteur die Situation vor Ort natürlich bestens (von seinem Büro in Hamburg aus) Ich frage mich von welchem Neidfaktor Sie sich zu solch einem Blödsinn hinreissen lassen. Darf man dann bitte erfahren wie alt Sie eigentlich sind, und wie oft Sie bereits Miami in Augenschein genommen haben, dass Sie meinen in solch anmassender Weise über Buch und Autor zu schreiben? Tom Wolfe ist seit Jahrzehnten für seine intensiven Recherchen, sowie für sehr realistischen Beschreibungen bekannt; was man im Übrigen genauso gut (vermutlich sogar besser) von einem Eastside-Appartement aus machen kann, wie aus einem Spiegel-Büro in Hamburg. Was mich zudem bei Spiegel-Artikeln regelmässig nervt, sind die Beschreibungen von Nebensächlichkeiten die für die Substanz total unwichtig sind. Was bitte schön hat denn Wohnsituation des Autors, Kleidungsstil, Alter(!) etc. mit seinem Buch zu tun?!.. Vielleicht sollten die Redakteure sich auch mal öffentlich präsentieren, dann kann ja die Welt ihre Artikel demnächst auch nach der Automarke oder der Haarfarbe beurteilen. Und zu unterstellen, dass das `mutmasslich der letzte Roman` des Autors sein soll ist anmassend hoch zehn! Also bitte, bleiben Sie bitte sachlich! (falls Sie dazu überhaupt qualifiziert sind)
5. Realität
captain2309 28.01.2013
Die Realitäten einer amerikanischen Schreiberikone mögen für zukunftsresistente europäische Kritiker banal und gestrig erscheinen. Nichtsdestoweniger spiegeln diese Tatsachen und Gegebenheiten wider, wie sie im Brüsseler Neu-Europa nicht denk- und lebbar sind. Die gesellschaftlichen Veränderungen an der Südostküste der USA in den letzten 50 Jahren, gingen im Vergleich zu den auf Europa zukommenden Verwerfungen, relativ glimpflich ab. Ein in vierzig Jahren ähnlich thematisiertes Buch wird aus heutiger Sicht apokalyptische Züge tragen. Wenn es denn dann überhaupt publiziert werden dürfte. Erfreuen wir uns daher der durchaus farbenfrohen Darstellungen des Autors. Kritiker mögen den Blick zurück beherrschen, nach vorne behindern die ideologischen Scheuklappen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Tom Wolfe
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
  • Zur Startseite