"Boxhagener Platz"-Nachfolger: Wärste mal beim Schnaps geblieben

Von Oskar Piegsa

DDR-Freizeitkultur: Beengtes Soziotop Zur Großansicht

DDR-Freizeitkultur: Beengtes Soziotop

Sein erfolgreiches Debüt "Boxhagener Platz" liegt zehn Jahre zurück, jetzt veröffentlicht Torsten Schulz seinen zweiten Roman. "Nilowsky" spielt in einem Ost-Berliner Niemandsland mit Kneipen, Malochern und Schwefelabgasen. Ein reizvolles Milieu. Warum also dann der Ausflug in die weite Welt?

Reiner Nilowsky predigt die Verwandlung. Und genau das braucht Markus Bäcker jetzt. Denn nach seiner Kindheit in Prenzlauer Berg findet der 14-jährige Markus sich im Herbst 1976 am Stadtrand von Ost-Berlin wieder. In einer Wohnung nahe dem Chemiewerk, in dem seine Eltern nun arbeiten. Die Luft stinkt nach Schwefel. Die Güterzüge rattern so dicht am Haus vorbei, dass drinnen die Gläser klirren. Und die einzige Ablenkung von der allgemeinen Trostlosigkeit sind Pils, Korn und Kartenspiele in der Kneipe ums Eck.

Reiner, der 17-jährige Sohn des Kneipenwirts, wohnt schon länger hier und hat sich mit der menschenfeindlichen Umgebung arrangiert. Um sich das Überleben erträglich zu machen, hat er eine eigenwillige Theorie entwickelt: Bevor die Güterzüge kommen, legt er Groschen auf die Schienen. Die werden plattgewalzt, wenn ein Zug drüberrollt. Ein bisschen Aluminium von der Münze färbt ab, glaubt Reiner. So trügen die Züge indirekt auch seine Spuren durch die DDR und vielleicht sogar darüber hinaus.

Und immer wenn eine Schwefelwolke vom Chemiewerk herüberzieht, atmet Reiner tief ein und erklärt Markus: "Du musst diesen Gestank, den nach faulen Eiern, richtig einsaugen musst du den, und deine ganze Körperwärme, die ganze, musst du zum Einsatz bringen, und dem Schwefelwasserstoff, dem bleibt nichts anderes übrig, als zu Wasser und zu Schwefeldioxid zu verbrennen. Das ist gesund und gibt dir Kraft." Reiner ist emotional und intellektuell verwirrt, aber ein Charismatiker. Markus verfällt ihm, ohne von den Abgründen seines neuen Freundes zu ahnen.

"Nilowsky" ist der zweite Roman von Torsten Schulz, fast zehn Jahre nach seinem Debüt "Boxhagener Platz", das verfilmt und mehrfach übersetzt worden ist. Wieder erzählt Schulz eine Coming-of-Age-Geschichte aus Ost-Berlin. Wieder erinnert sich mit Markus Bäcker ein Ich-Erzähler an seine Jugend in einem Land, das es nicht mehr gibt. Und wieder machen skurrile Alltagsfiguren und Dialoge mit starker Berliner Färbung den Witz des Buches aus. Doch in "Nilowsky" ist die Stadt lange Zeit nur in ihrer Abwesenheit präsent und die Grundstimmung lakonisch.

Rapide Beschleunigung

"Nilowsky" spielt im Niemandsland, mit einem beklemmend kleinen Bewegungsradius: Da ist das Haus, in dem Markus und Reiner wohnen und Reiners Vater seine Kneipe hat. Da sind die Bahngleise. Da ist das Chemiewerk. Und da ist die Baracke der Männer aus Mosambik, die für einige Jahre und ohne ihre Familien in die DDR geholt wurden, um Hilfsarbeiten im Chemiewerk zu übernehmen. Das heißt "internationale Solidarität", denn offiziell gibt es keine ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in der DDR. Doch Schulz lässt keinen Zweifel am Rassismus dieser Praxis. Die Männer in seinem Roman sprechen von "faulen Negern" und auch die Frauen verfallen dem Stereotyp des "virilen Afrikaners", wenn sie sich abends in die Baracke schleichen, während ihre Ehemänner noch bei Pils und Korn in der Eckkneipe sitzen. Die Sehnsucht nach der Verzauberung ihres Alltags teilen sie mit Reiner Nilowsky.

Eine Milieustudie am Stadtrand, eine Meditation über die Fremdheit und eine Offenlegung der Widersprüche der DDR - das ist "Nilowsky" auf gut zwei Dritteln seiner Länge, in denen Torsten Schulz behutsam von einer seltsamen Freundschaft in einer noch seltsameren Umgebung erzählt.

Doch dann verschiebt sich plötzlich der Fokus von Markus, dem Erzähler. Der enge Aktionsradius des Romans erweitert sich auf ganz Ost-Berlin und reicht sogar darüber hinaus. Neue Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, alte scheinen vergessen. Die erzählte Zeit beschleunigt sich rapide. Wo sich eben noch die Wochen hinzogen, fliegen jetzt Jahrzehnte vorbei. Der Reiz von "Nilowsky", der mit der Beziehung zwischen Markus und Reiner und dem beengenden Soziotop um das Chemiewerk verbunden ist, geht damit verloren.

Markus und Reiner sind sich erst fremd, dann werden sie Freunde. Dann kommen sie sich näher, als es für beste Freunde vorgesehen ist. Dann verlieben sie sich in dieselbe Frau. Und dann fällt alles auseinander, auch dieser Roman.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Mo Yans "Frösche", Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende", Lisa Kränzlers "Nachhinein", Amy Waldmans "Der amerikanische Architekt", Anja Röhls "Die Frau meines Vaters", Marie Darrieussecqs "Prinzessinnen", David Wagners "Leben", Dave Eggers' "Ein Hologramm für den König", Linus Reichlins "Das Leuchten in der Ferne", Alexandre Lacroix' "Kleiner Versuch über das Küssen" und Georges Simenon, Ausgewählte Romane in 50 Bänden.

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1. stark überpointiert
arvin 19.03.2013
ich komme aus der gegend, die der autor beschreibt, bin dort gross geworden. ich denke er hat ein buch geschrieben speziell für wessis. trostlos? unsere kindheit mit wasser und waldnähe und ja auch fabriken war beleibe nicht trostlos. wir hatten alles, vorallem freiräume. und was die afrikanischen arbeiter betrifft ,man hat wie heute nebenher gelebt und sie geduldet- leider hat sich bis heute nicht viel gändert.
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