Erzählband: Das Schweigen der Schnacksler

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Sie schlafen zwischen Kakerlaken und vögeln sich die Körper wund: Die jungen Japaner in Toshiki Okadas Erzählungen sind entfremdet von sich selbst. Und von der Welt, in der sie vegetieren. "Die Zeit, die uns bleibt" bietet Performances in Prosaform.

Schriftsteller und Theatermacher Toshiki Okada: In seinem Prosadebüt geht es dem Japaner um Sinnlichkeit statt Sinn Zur Großansicht
Nobutaka Sato/ Fischer

Schriftsteller und Theatermacher Toshiki Okada: In seinem Prosadebüt geht es dem Japaner um Sinnlichkeit statt Sinn

Sie sieht ungepflegt aus, "einfach unerträglich", findet er, das Gesicht "eine Zumutung", der Körper "schlaff wie bei jemandem, der nur aus lauter Gewohnheit aß". Und doch hört der junge Mann der jungen Frau, der "jeglicher Liebreiz" fehlt, fast eine Stunde lang zu. Nicht, weil sie etwas Interessantes sagen würde, während sie spricht. Sondern einfach nur weil sie spricht, immer weiter, weil sie nur kurz nach Luft schnappt, wie eine Schwimmende. Weil sie spricht, um nicht unterzugehen im Schweigen.

"Könntest du mir nicht einen Gefallen tun, äh, eine kleine Bitte nur, wie soll ich sagen, echt, muss ja nicht dein richtiger Name sein, irgendwas Passendes wie dein Username oder so was Ähnliches wär völlig okay, ich will einfach nur unbedingt wissen, wie ich dich jetzt ansprechen soll, ja, auch deshalb, ja, deshalb hab ich gedacht, frag ich ihn doch einfach mal, hab ich den Wunsch verspürt, danach zu fragen, sozusagen, jetzt, eben gerade, aber, ja."

Er hört sich das an. Aber seinen Namen, den sagt er ihr nicht.

Ein Buch wie ein Bühnenstück

Liest man die Szene, hat man eine Theaterszene vor Augen, so wie bei vielen der Szenen in Toshiki Okadas Erzählungen. Und tatsächlich hat Okada den ersten der zwei Beiträge seines Bandes "Die Zeit, die uns bleibt" ursprünglich für die Bühne geschrieben - als postdramatische Performance. 2008 lief "Fünf Tage im März" beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele.

Okada ist einer der wichtigsten Regisseure des jungen japanischen Theaters, der intellektuelle Kopf der Kompanie Chelfitsch. Die Truppe wird weltweit auf Off-Bühnen für ihr filigranes episches Tanztheater gefeiert, unter anderem im Berliner HAU und auf Kampnagel in Hamburg. Scheinbar banale Geschichten kreuzt sie mit artifiziellen, extrem gedehnten Bewegungen - und stellt so die Geduld jener Zuschauer auf die Probe, deren Sehgewohnheiten von Kinoblockbustern und konventionellen Klassikerinszenierungen geprägt sind. Dabei ist das Chelfitsch-Theater von manchen Theaterklassikern gar nicht so weit entfernt: Die Melancholie, die Resignation der Figuren, die Zeitlupe, ja der Stillstand der Handlung erinnern an Tschechow.

Eine Geduldsprobe sind auch die beiden Erzählungen in Okadas Prosadebüt. Eine Geduldsprobe, die man unbedingt bestehen sollte. Es lohnt sich.

Okada schreibt endlos verschraubte Sätze, vor allem in den Dialogen, ohne dabei über viel mehr zu schreiben als über banale Ereignisse und banale Erkenntnisse. Wie in einer Performance geht es ihm nicht um eine dramatische Handlung. Es geht ihm um Atmosphäre, um Sinnlichkeit statt um Sinn, um die Präsenz der Figuren statt um Repräsentation. Sie stehen für nichts, sie sind. Und so erzählt Okada keine Geschichten, er beschreibt einen Zustand. Den Zustand der jungen japanischen Gesellschaft, einer Gesellschaft des Stillstands.

Das Schweigen der Körper bricht

Die Begegnung des jungen Manns und der jungen Frau in "Fünf Tage im März" führt zu nichts, das heißt: Sie führt ihn auf Umwegen zu einer anderen jungen Frau. Er trifft sie mit fünf saufenden Kumpels bei einer Polit-Performance, die das Schweigen der japanischen Gesellschaft über den Irak-Krieg brechen will. Das gelingt, für die Dauer des Abends, nach dem Abend aber bricht die Performance nur das Schweigen der Körper. Wobei: Was heißt hier nur?

Mann und Frau fahren in ein Love-Hotel und vögeln, ohne ihre Namen auszutauschen oder gar ihre Telefonnummern, ohne viel zu reden über sich und ihre Jobs. Sie vögeln, fünf Tage lang, ohne auch nur einmal den Fernseher anzuschalten, ohne also etwas zu merken vom Irak-Krieg, der gerade beginnt. Sie vögeln bis sie die Zeit vergessen und die Welt um sich herum, bis sie so glücklich sind wie nie in ihrem Leben zuvor. Sex and War statt Love and Peace. Sie vögeln, bis ihre Körper wund sind, und erobern sich so ihre Körper zurück. Wenigstens die.

Mann und Frau sind sogenannte Freeter um die 30, prekär beschäftigte Leiharbeiter mit mehreren Jobs, entfremdet von sich, ihrer arbeitsmüden Körper enteignet. In diesen Körpern hallt die Performance nach. Das kann einen beim Lesen traurig machen, es kann einen aber auch trösten. Denn wenn nicht einen Ausweg, so finden sie doch eine Auszeit, vermittelt durch die Kunst.

Dieses Glück ist den Figuren in Okadas zweiter Erzählung "Der Plural meiner Orte" nicht vergönnt. Auch sie sind um die 30, auch sie sind Freeter. Sie schlafen in einer schimmeligen Wohnung, in einem Kabuff voller Kakerlaken, kraftlos und ohne Leidenschaft. Für freie Gedanken haben sie kein Geld, und wenn sie sich den Luxus doch einmal gönnen und blau machen, wenn sie sich gehen lassen also, dann verlieren sie sich in ihren Gedanken. Es sind Gedanken, so banal, dass man sich nicht einmal in ihnen verlieren will.

Beide Erzählungen hat Okada multiperspektivisch konstruiert, so wie seine Performances. Beide Erzählungen lässt er vom Figurenpersonal nicht nur vorantreiben, sondern auch kommentieren, so wie seine Performances.

"Die Zeit, die uns bleibt" ist episches Theater zwischen Buchdeckeln.

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insgesamt 2 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was für ein Stuß
Hans Harald 03.12.2012
Wenn die Sprache des Rezensenten ähnlich der des Autors ist, werde ich das Buch nicht lesen. Sprache dient der Kommunikation und nicht der Verschleierung einfacher Gedanken, um sie dann großartig erscheinen zu lassen.
2. Ich stelle fest:
artusdanielhoerfeld 03.12.2012
Die Kunst ist am Ende. Jetzt können wir endlich was Sinnvolles mit unserer Zeit machen.
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