Graphic-Novel-Meisterwerk "Totem" Verloren im Zauberwald

Ein Pfadfinderlager, gefüllt mit halbstarken Vollidioten: Die belgisch-deutsche Co-Produktion "Totem" zeigt einen Wald des Schreckens in völlig neuer Qualität.

avant-verlag

Von Jan-Paul Koopmann


Endlich einen Moment allein mit dem aufgebahrten Leichnam seines kleinen Bruders, unternimmt Louis den allerletzten Versuch. Aber natürlich schlägt die beim Krankenhausspielen erprobte Herzmassage fehl und auf dem folgenden Bild, das wohl zu den traurigsten der Comicwelt zählt, starren nun zwei Kinder ins Leere.

Louis hat einen weiten Weg hinter sich. Er wäre fast verbrannt und um ein Haar ertrunken, er hat sich in einen Fuchs verwandelt und die Geisterwelt bereist. Und das Schlimmste: Er musste sich in den Ferien mit einem Haufen halbstarker Vollidioten beim Pfadfinderlager in den Ardennen herum schlagen.

Der Comic "Totem" von Nicolas Wouters und Mikael Ross ist eine deutsch-belgische Koproduktion. Und auch wenn Ross freilich nicht der einzige international arbeitende deutsche Illustrator ist, lässt so was auch heute noch aufmerken - insbesondere wenn zwischen unserem Comic-Entwicklungsland und dem traditionsreichen Belgien gewirkt wird. Die räumliche Distanz zwischen den beiden überrascht dann außerdem, weil Text und Bild in "Totem" so bruchlos verschmelzen, wie es selbst Autorencomics nur selten gelingt.

Joints, Pornohefte und eine aufdringliche Natur

Vielleicht liegt es daran, dass die beiden ein Geheimnis teilen. Was nämlich in Louis vorgeht, dringt kaum an die Oberfläche. Einmal verlässt er morgens wortlos das Zelt und läuft seitenlang durch den Regen, mit unklarem Ziel. Sicher ist nur, dass Louis nie hier raus ins Pfadfinderlager fahren wollte, sondern dahin, wo seine Familie ist: ins Krankenhaus, zu seinem sterbenden kleinen Bruder Thomas. Stattdessen steht nun aber etwas zaghaft aufkeimende Adoleszenz im Wald an, zwischen entschiedener pubertierenden Jungs mit ersten Joints, Pornoheften und einer in jeder Hinsicht aufdringlichen Natur.

Louis' Verwandlung ins Tier ist dann erst einmal nur so ein harmloses Pfadfinderspiel. Nach ein, zwei Mutproben und Schikanen bekommt er seinen Kampfnamen, Fangzahn, und eine Fuchsmaske - so wie auch die anderen ihr Totem finden. Nur, dass es bei Louis scheinbar funktioniert und er auch körperlich zum Fuchs wird.

Ob das nun aber seiner Fantasie entspringt, eine Allegorie der Künstler ist, oder doch tatsächliche Magie - es bleibt unklar. Die Geschichte legt sich nicht fest, gibt mit voller Absicht widersprüchliche Signale. "Jedesmal, wenn ich glaube, verstanden zu haben, wie die Dinge laufen", sagt Rotfink in der Beinahe-Schlüsselszene, dann "muss ich einsehen, dass ich nichts verstehe".

Ist das "Mystery" - oder ganz was anderes?

"Totem" ist fraglos verworren, darum aber nicht beliebig erzählt. Hartnäckig verweigert sich der Comic den gängigen Schubladen und Genrekonventionen. "Mystery", schreibt der Verlag, aber was heißt das schon? Auch solch romantischen Unsinn, dass Kinder eben so seien, unverbraucht, offen für unreglementierte Erfahrungen und so weiter - auch diese Sinnstiftung hält sich die Geschichte vom Hals. Dafür sind die Kinder doch zu unangenehm, ihre Rituale zu abgedroschen - und die meisten darum dann eben auch doch nur Statisten.

Wahrscheinlich ist der Tod von Thomas auch darum so niederschmetternd. Weil er keinen Sinn hat und nicht diese in Popkultur und in weiten Teil der gesellschaftlichen Debatte eingeübten Leier von der Erlösung bemüht. "Totem" zeigt das Kind nicht leiden, sondern nur sterben.

Und auch im Zauberwald laufen ja noch ganz andere Sachen schief: Jeder hat hier seine Probleme. Rotfink muss als einziges Mädchen um den Respekt der Pfadfinder kämpfen, dazu ist sie noch in eine ärgerliche Beziehungskiste verstrickt. Dann ist da dieser dicke Junge, der auch nach dem Initiationsritus Opfer bleibt und von nun an bei seinem Kampfname "Hamsterbacke" gerufen wird. Das sind echte Härten. Nicht nach Kindermaßstäben, sondern ganz objektiv. Nur werden sie eben vergessen, ist man erst aus dem Gröbsten raus.

Der Stil ist gar nicht so leicht zu verorten

Wouters und Ross haben bereits mit ihrer ersten gemeinsamen Arbeit, "Lauter Leben" (auf deutsch ebenfalls bei Avant erschienen), von sich Reden gemacht. Auch hier ging es um eine Jungsfreundschaft, die sie vom Kinderzimmer bis in die Punk- und Hausbesetzerszene begleiten. Ross überzeugte damals mit seiner Verbindung von grobem Strich mit Aquarell-Kolorierung: Stets in urbanem Grau, in das sich expressionistisch emotional das Rot einschleicht, wenn Scham hoch kommt, oder wenn sich der Moshpit vor der Bühne eines Punkkonzerts aufheizt.

"Totem" stellt diese Arbeit nun deutlich in den Schatten. Die Technik ist zwar wiederzuerkennen, doch zeigt Ross' Wald eine völlig neue Qualität. Düster ist er und matschig, wenn da Pfützen stehen. Dann wieder heimelig schön, weil es wohl irgendwo über dem Blätterdach aufklart und Lichtstrahlen durch die Wipfel dringen. Oder wenn die Jungs abends am Lagerfeuer sitzen.

Ross' Stil ist augenscheinlich europäisch, ansonsten aber gar nicht so einfach zu verorten, irgendwo zwischen experimentierfreudig verfremdeten deutschen Kunstcomics und der malerischen Präzision franko-belgischer Machart. Wer unbedingt einen Vergleich braucht, der denke etwa an Manuele Fior.

Sicher gibt es gerade so einen popkulturellen Trend, zurück in vermeintlich bessere Jugendtage. Und gleich noch einen zweiten, der hinaus in die Natur drängt. "Totem" geht deshalb so weit über diese Trends hinaus, weil Ross und Wouters davon wissen. Weil sie das offene Denken der Kinder und den Wald als magischen Rückzugsort vor den Zumutungen der Moderne zwar vorführen, dabei aber einer Tour raunen: So billig kommt ihr hier nicht raus!

Anzeige
Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.