Trainer-Legende Béla Guttmann Global Player mit Geschichte

Historie macht das Spiel: Im Leben des ungarischen Juden Béla Guttmann spiegelt sich ein aufregendes Kapitel Fußball- und Weltgeschichte. Der Gesellschaftstheoretiker Detlev Claussen hat der Trainer-Legende ein wunderbares Buch gewidmet.


Über keinen anderen Sport wird in Deutschland soviel und so gerne geschrieben wie über Fußball. Nur leider bestätigen die meisten Neuerscheinungen im Weltmeisterschaftsjahr die alte Weisheit: Geniale Fußballer mögen ein Spiel lesen können, die meisten Bücher über Fußball hingegen sind unlesbar. Der von Arne Friedrich vorgelegte Kochbuch-Kokolores "Foodball" ist da noch einer der harmloseren Ausfälle im publizistischen Overkill.

Fast unbemerkt kam jedoch ein Buch auf den Markt, das sich zum WM-Schaulaufen der Lizenzschwafler und -schreiber verhält wie die Haute Cuisine zu Friedrichs "Chicken Frings". Tatsächlich ist Detlev Claussens "Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußball in einer Person" ein Labsal für lesende Fans, die bei aller Liebe zum Spiel nicht ihr historisches Bewusstsein verloren haben.

Dass sich mit Claussen ein Adorno-Schüler und Professor für Gesellschaftstheorie der Person Béla Guttmanns widmet, ist sinnvoll. Denn über die ereignisreiche Biografie eines der erfolgreichsten Trainer im Vereinsfußball gelangt der Autor mühelos zu jenen politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen, die von Beginn des Spiels an die Geschehnisse auf dem Platz mitbestimmten.

Zusammenspiel von Kultur, Kommerz und Kick

Wiederkehrender Fluchtpunkt in Claussens Monografie ist das Europapokalfinale zwischen Real Madrid und Benfica Lissabon am 2. Mai 1962 im Amsterdamer Olympiastadion. Damals besiegten die Portugiesen, zu denen Jungtalent Eusébio gehörte, unter ihrem Trainer Guttmann das spanische Team um Alfredo di Stefano und Ferenc Puskas mit 5:3.

Im Jahrhundertmatch, das fraglos als eines der besten Spiele zwischen zwei Vereinsmannschaften überhaupt gelten darf, fand Guttmanns über Jahrzehnte weiterentwickelte Idee eines modernen Offensivfußballs ihre Bestätigung.

Die Grundlagen für seine beispiellose Trainerlaufbahn, die ihn auf mehrere Kontinente und zu berühmten Klubs wie AC Milan, FC São Paulo und FC Porto führten, erarbeitete sich Guttmann in seiner aktiven Zeit auf dem Platz. 1899 in Budapest geboren, spielt der Sohn der Tanzlehrer Abraham und Eszter Guttmann ab 1919 für den MTK Budapest (Magyar Testgyakolók Köre – "Kreis ungarischer Leibeserziehung). Der 1888 gegründete Club war der Stolz eines liberalen ungarisch-jüdischen Bürgertums, dass sich so eine Alternative zu den aristokratischen Exklusiv- und nationalistischen Turnvereinen schuf.

Klasse gegen Klassen

Emanzipation, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung sind also die Schlüsselbegriffe, die sich bei der Lektüre von Claussens anschaulicher Chronik anbieten. Denn sie beschreiben am besten den ereignisreichen Verlauf von Guttmanns Karriere sowie die Entwicklung eines modernen Profifußballs, der sich gegen die dünkelhaften Amateurverhältnisse der alten Klassengesellschaften behaupten musste.

Entscheidend für Guttmanns Werdegang war sein Wechsel zum Haokah Wien im Jahr 1922. Der aufstrebende Club, dessen hebräischer Name "Kraft" bedeutet, wurde 1925 österreichischer Meister und bestritt zahlreiche erfolgreiche Auslandstourneen in Europa und in Übersee. Diese ausgedehnten Gastspiele brachten den oft am Existenzminimum lebenden Fußballern dringend benötigte Einnahmen, zugleich lösten sie aber auch den Sport aus seiner je nach Land anders geprägten Provinzialität und brachten neue Impulse ins Spiel. Und Béla Guttmann, der in seinen ersten Profijahren noch nebenher als Tanzlehrer arbeiten musste, verstand sich früh als Kosmopolit im rapide kapitalisierten Sport – ein Global Player, der stets seine Unabhängigkeit von Funktionären zu wahren suchte.

Guttmanns professionelles Streben nach Unabhängigkeit wurde dabei nicht zuletzt durch die unmittelbare Erfahrung von wirtschaftlicher Not und Verfolgung geprägt. Sein Bruder wurde 1945 in Auschwitz ermordet, und Claussens Porträt des jüdischen Sportlers umfasst auch diese furchtbaren Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, die keinen Bereich des Lebens unberührt ließen.

Spielmacher Migration

In prägnanter Sprache entwickelt Claussen so eine Geschichte des Fußballs, die immer auch eine Geschichte der Migration ist. Sei es Guttmanns persönliche Odyssee, der Einfluss der 1956 ins westliche Exil gegangenen Starmannschaft von Honved Budapest oder der Transfer ganzer Spielsysteme wie das des legendären, von Guttmann bei São Paulo mitgestalteten "4-2-4" der Brasilianer: Nachvollziehbar schildert der akribisch recherchierte, aber nie dozierend erlahmende Text das internationale Zusammenspiel bei der Entstehung eines Weltsports.

Dass lokale Vereinsmeier indes lieber im eigenen Saft schmoren, ist eine Erfahrung, die Guttmann mit zeitgenössischen Kollegen wie Jürgen Klinsmann teilt. Ohnehin wäre Claussens Buch eine schöne Reiselektüre für den überzeugten Kicker-Weltbürger Klinsmann, der darin mehr als einmal eine Bestätigung seines Misstrauens gegenüber Scheuklappen-tragenden Verbandsfürsten finden dürfte.

Guttmann, der 1981 in Wien verstarb und auf dem jüdischen Teil des Zentralfriedhofs beigesetzt wurde, beschrieb seine Erfolgsstrategie einmal mit charmanter Selbstironie: "In meiner langen Laufbahn habe ich viele Länder bereist und in einigen auch gearbeitet. Wenn ich irgendwo im Fußball etwas Gutes sah, das habe ich sofort gestohlen und für mich behalten. Nach einer Weile mixte ich mir einen Cocktail von diesen gestohlenen Delikatessen." Und vom Werden und Wirken dieses Rezepts zu lesen, ist nicht minder ein Genuss.


Detlev Claussen: "Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußball in einer Person", Berenberg Verlag, 140 Seiten, 19 Euro



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