"Daily Show"-Moderator Trevor Noah Als Verbrechen geboren

In seiner Autobiographie erzählt "Daily Show"-Moderator Trevor Noah vom Aufwachsen in Apartheid-Südafrika. Laut Gesetz hätte es ihn gar nicht geben dürfen - aus dieser Absurdität schöpft er seinen scharfen Humor.

AP

Von Olivia Samnick


Trevor Noah nimmt das Mikrofon und legt sofort los: Wegen seiner hellen Haut hielt man ihn als Kind oft für einen Albino - schallendes Gelächter im Publikum. Wenn ihnen Polizei entgegenkam, ließ seine schwarze Mutter seine Hand los und tat, als wäre er nicht ihr Kind - betretenes Schweigen.

Diese Witze stammen von 2009, aus seiner erste Comedyshow "The Daywalker" in Johannesburg. Trevor Noah kokettiert gerne mit dem Publikum, er war und ist ein Geschichtenerzähler, nur eben - seit er 2015 die Nachfolge von Jon Stewart bei der "Daily Show" antrat, ein weltberühmter. Von den Townships nach New York - es ist eine außergewöhnliche Karriere, um die es in seiner neuen Biografie "Farbenblind" aber gar nicht geht.

Noah hätte es sich einfach machen und die abgegraste Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär erzählen können. Genauso funktioniert "Farbenblind" aber nicht. Noahs Biografie ist nicht vorhersehbar und blankpoliert, sondern aufreibend. Er kam während der Apartheid zur Welt, als Sohn einer Schwarzen vom Stamm der Xhosa und eines weißen Deutsch-Schweizers. Solche "gemischtrassigen" Beziehungen standen in Südafrika bis 1994 unter Strafe. So wuchs er als einer der wenigen "Farbigen" in einem ärmlichen Township zwischen Schwarzen auf. Aufreibend ist das Buch auch für den Leser, weiß er doch nicht, ob er bedrückt sein soll oder amüsiert sein darf bei einem Satz wie: "Während die meisten Kinder ein Beweis für die Liebe ihrer Eltern sind, war ich der Beweis ihrer Kriminalität." Er darf.

Noah schert das wenig, er sagt die Dinge unverblümt, so wie er sie wahrnimmt. Selbst bei jenen, die ihm nahestehen. Das engste Band hat er zu seiner Mutter Patricia, die er für ihren Mut und rigorosen Eigensinn schätzt. Die er aber auch genau dafür aufzieht - und bisweilen verurteilt. Einmal wollte sie unbedingt zur Sonntagsmesse fahren. Weil ihr Auto kaputt war, bestieg sie mit ihren Kindern einen öffentlichen Minibus. Als es plötzlich unangenehm wurde und eine Gang die Familie bedrohte, schubste sie den fünfjährigen Trevor kurzerhand aus dem fahrenden Bus. Mit ihrem neun Monate alten Kind auf dem Arm sprang sie hinterher. Für einen Fünfjährigen war das traumatisierend. Aus der Sicht einer Mutter, die weiß, dass Mord und Vergewaltigung in den Townships auf der Tagesordnung stehen, war es die bessere Alternative.

Keine Weichspülerei oder romantische Verklärung

Gerade das, die Armut, die politische Schikane verpackt Noah in eine leicht bekömmliche, direkte Sprache. Unangebracht? Nein, genauso schafft er es, dem Leser seinen Alltag zu erklären, ohne belehrend, weichgespült oder überzogen lustig zu sein. Was für ihn Normalität ist, klingt für andere kurios, macht neugierig, will gelesen werden. Es geht nicht um sinnbefreites Witzigsein, es geht ums Verstehen: Kennen Sie etwa den "Bleistift-Test"? Wem der Stift in den Haaren stecken blieb, der war schwarz, wem er herausfiel, der war weiß. So wurden Personen behördlich registriert. Solche Geschichten prägen sich ein. Er verkauft den Alltag während der Apartheid für den Lesenden erträglich - nicht lachhaft. Und wer könnte das besser, als jemand, der als Mittelsmann in einer entzweiten Gesellschaft aufwuchs und beide Perspektiven versteht - verstehen musste, um zu überleben.

Das wiederum versteht jeder. So wie Noahs Comedyprogramm ist auch "Farbenblind" mainstreamtauglich - ob weißer Europäer oder schwarzer Afrikaner, jeder hat gut lachen. Weil Noah authentisch wirkt und sich trotzdem mit allen gemein macht. Sich immer schon gemein gemacht hat aus dem Überlebensdrang heraus, sich als "Farbiger" in verschiedene Gruppen einfügen zu müssen. Sei es etwa dadurch, dass er neben Afrikaans zum Beispiel auch Englisch und Zulu sprechen lernte (und dazu fast noch jede andere Sprache).

Er schafft es, eine komplexe Thematik wie den in über 40 Jahren sorgsam konstruierten Rassismus eines Staates in aller Einfachheit zu kritisieren: "In meiner Vorstellung (als Kind) waren weiß, schwarz und braun wie verschiedene Sorten Schokolade. Aber wir waren alle einfach Schokolade." Man schmunzelt, man prustet los, man vergisst aber nicht: Er und seine Familie sind "farbenblind", andere sind es nicht.

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Trevor Noah:
Farbenblind

Biografie

Heike Schlatterer

Blessing Verlag, Blessing Verlag; 336 Seiten; 19,99 Euro.

Wirkt das in manchen Kapiteln dann doch zu glatt? Multilingual, Omas Liebling, guter Schüler, beliebter Comedian, fulminanter Autor. Mein Gott, was kann der Typ eigentlich nicht? In der Realität erntete Noah gerade von älteren Kollegen zu Beginn seiner Karriere viel Häme und Abneigung. Als Jungspund nahm er sich viel zu viel raus, wollte die ungeschriebenen Regeln südafrikanischer Stand-up-Comedy umkrempeln, indem er als fast völliger Neuling alleine eine One-Man-Show stemmte. Die Dokumentation "You laugh, but it's true" auf Netflix zeigt das. Auf der anderen Seite steht dann wieder der dickliche Junge, der kein Valentinstag-Date abbekam, der wochenlang auf dem Rücksitz eines Autos schlafen musste, weil das Geld der Familie in die Werkstatt seines alkoholkranken Stiefvaters floss.

Noah perfektioniert in seiner Biografie das "zwischen den Stühlen sitzen". Nicht weiß, nicht schwarz. Nicht blankpoliert und nicht ausschließlich rau. Farbenblind, so beschreibt sich Noah selbst in einem Farbgestöber, in dem jeder nur auf einzelne Nuancen achtet. So wie Schokolade: schwarz, weiß, braun. Beim Lesen kann man sich Trevor Noah bei einer Stand-up-Nummer, einem autobiografischen Bühnenstück, bildlich vorstellen.

Er kokettiert mit dem Leser. Witzig? Ja. Eine Lachnummer? Nein.



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