Trojanow-Roman Kälter wird's nicht

Ein Kreuzfahrtschiff fährt durch die Antarktis, an Bord eine illustre Gesellschaft und ein Spielverderber. Ilija Trojanows Roman "Eistau" ist das Porträt eines verzweifelten Klimaretters.

Autor Ilija Trojanow hat ein poetisches, aufrührerisches Buch darüber geschrieben, welches Maß an Radikalität dem Thema Klimawandel angemessen ist.
Thomas Dorn

Autor Ilija Trojanow hat ein poetisches, aufrührerisches Buch darüber geschrieben, welches Maß an Radikalität dem Thema Klimawandel angemessen ist.

Von Laura Hamdorf


Zeno hasst die Touristen an Bord. Sie stehen sektschlürfend an der Reling, sehen die Eisberge lieber auf den Displays ihrer Camcorder als in natura, lauschen seinen Vorträgen über das Gletschersterben und fahren trotzdem weiterhin Auto, genauso wie sie Energiesparlampen weiterhin ungemütlich finden. Der Expeditionsleiter Zeno hasst diese Gesellschaft, die mit dem Fahrschein der Antarktis-Expedition seiner Meinung nach nur eines kaufen will: ein besseres Gewissen.

Ilija Trojanow, 46, hat den Klimawandel zum Thema seines neuen Romans "Eistau" gemacht. Ein Thema, das sich problemlos in das Werk des in Bulgarien geborenen Autors einreiht, der sich im Laufe seiner Karriere mit Flüchtlingen, dem Islam und dem Schutz der Privatsphäre befasst hat. Seine Bücher sind Protestaktionen in Prosaform, immer geht es um Themen mit aktueller und weltweiter Relevanz.

"Eistau" ist aber keine simple Kampfschrift, sondern das kunstvolle Plädoyer eines Poeten. Trojanow lässt seinen Ich-Erzähler Zeno zum Autor eines Notizbuches werden, er lässt ihn darin schimpfen, hoffen und verzweifeln - in den schönsten Metaphern, zynisch und süffisant.

Zeno hat allen Grund zum Zynismus, denn er hat Furchtbares erlebt: Als leidenschaftlicher Gletscherforscher musste er seinem Forschungsobjekt, einem Alpengletscher, beim Sterben zusehen. Er kapitulierte - vor der Erderwärmung und vor der Ignoranz der Weltbevölkerung - und gab seinen Beruf auf. "Es gibt keinen schlimmeren Alptraum, als sich nicht mehr ins Wachsein retten zu können", ist der erste Satz des Buches. Zeno verbietet es sich, von dem Fortbestehen der blauen Gletscher zu träumen, er ist zum Schwarzmaler geworden. Sein neuer Beruf heißt "Expeditionsleiter" auf dem Kreuzfahrtschiff MS HANSEN. Dort hofft er, seine Sehnsucht nach ursprünglicher Natur zu stillen. Doch das Leben auf dem Schiff enttäuscht ihn: Statt im Einklang mit der Natur zu leben, ist er für die Betreuung wohlhabender Urlauber verantwortlich, die sich in seinen Augen mit dem Stempel "Umweltaktivist" schmücken wollen. Wissbegierig lauschen sie seinen theoretischen Vorträgen - bevor sie zum Tanz, zum Klavierkonzert und zum Luxusrestaurant weiterziehen. In ihnen sieht Zeno sensationslüsterne Ignoranten und erliegt nicht selten der Versuchung, während seiner Powerpoint-Präsentationen zur Geschichte der Antarktis, unbarmherzige Wutsalven loszulassen - Sein Spitzname an Bord ist deshalb "Mr. Iceberger".

Worte wie Eisberge

Trojanow macht Zeno zum radikalen Übermenschen, der jeden verachtet, der den Ernst der Erderwärmung nicht sieht. Er geht sogar so weit, dass er jedes menschliche Bedürfnis nach Genuss verurteilt. Einzig das Crew-Mitglied Paulina bewahrt ihn davor, sich vollständig in seine Bissigkeit zurückzuziehen: Mit ihr führt er seit drei Jahren eine unkomplizierte An-Bord-Beziehung, die mit jedem Landgang wie selbstverständlich endet. Zähneknirschend geht er diese Beziehung ein, denn das Vertrauen zu Paulina ist wie ein Zugeständnis an das menschliche Leben. Und genau das verachtet er - denn Menschen sind für ihn einzig fähig zur Destruktivität. "Ich bin es müde, Mensch zu sein", schreibt Zeno. Auch vor der Besatzung verbirgt er seine Weltsicht nicht, nimmt dafür auch den Status eines Sonderlings hin:"Es ist merkwürdig, wenn man unter Passionierten als zu leidenschaftlich gilt", schreibt er in sein Notizbuch.

Zenos Notizen zu folgen, ist an einigen Stellen wie ein Ratespiel, denn seine Gedanken scheinen viel weiter hinab zu reichen, als die aufgeschriebenen Zeilen - ähnlich wie ein Eisberg, von dem nur der kleinste Teil über Wasser zu sehen ist. Gleichsam ist dies die große Kunst Trojanows: Er schafft eine Text-Oberfläche mit unbekanntem Tiefgang, und lässt er den Leser schwimmen - in einem großen Interpretationsspielraum.

Neben viel Pathos zur Bedeutungslosigkeit des Menschen und zur Bedeutungshaftigkeit des Eises bleibt eines auf der Strecke: die Katastrophe. Sie wird zwar schon früh angekündigt, am Ende des Romans aber nur beiläufig erwähnt - als würde Trojanow sich von jeder Sensationsgier distanzieren wollen, um der Eisschmelze Priorität einzuräumen.

Die Katastrophe erwächst aus Zenos größter Enttäuschung: Er selbst ist auch nicht besser, als die Antarktis-Touristen, denn auch er ist passiv - abgesehen davon, dass er sein geologisches Wissen in seinen Vorträgen wiederkäut. Sein Notizbuch, soll ihn an sein Gewissen fesseln. Durch die Dokumentation seiner Erlebnisse will er sich zum Handeln zwingen. Das tut er am Ende auch und zieht die einzige Konsequenz, die seinen extremen Ansichten angemessen scheint.

Der Leser muss entscheiden, wo die Grenze verläuft zwischen Zenos Engagement für die Gletscher und seinem Wahn. Und welches Maß an Radikalität dem Thema Klimawandel angemessen ist.

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stubborn 19.09.2011
1. Sehr interessanter...
...letzter Satz. Aber auch der Kritiker sollte nur in die Küche gehen, wenn er der Hitze standhält. Ich empfehle allen Wagemutigen John Grays "Straw Dogs" für das Geraderücken liebgewonnener Mythen über das Gute oder Böse im zivilisierten Menschen.
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