Jahrhundert der Ideologien Hitler, Stalin und der kleine Trutz

Die Kunst des Erinnerns, die Macht der Verblendung: In seinem Geschichtspanorama "Trutz" schickt Christoph Hein zwei Familien auf Kollisionskurs mit den Ideologien des letzten Jahrhunderts.

Adolf Hitler, Joesef Stalin
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Adolf Hitler, Joesef Stalin

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Ein Roman über Erinnerung im 20. Jahrhundert kann nur eine Tragödie sein. War dieses Jahrhundert doch eines der Ideologien, in dem Gedächtnisleistung politisch organisiert und sanktioniert war. Das jeweilige System bestimmte, wie Vergangenheit gespeichert und bewahrt wurde; wer seine eigene Erinnerung damit nicht in Einklang bringen konnte, hatte ein gefährliches Problem.

So wie die zwei Familien in Christoph Heins Jahrhundertroman "Trutz", deren Mitglieder ausgerechnet zwischen Hitler-Faschismus, Stalin-Terror und SED-Arbeiter-und-Bauern-Zwangsbeglückung eine objektive Erinnerungsmethode für sich zu praktizieren versuchen - die sogenannte Mnemotechnik, die auf Ideen fußt, die der griechischen Dichters Simonides von Keos schon rund 500 Jahre vor Christus entwickelt hat.

Die Kunst des Erinnerns und die Macht der Verblendung, griechische Dichter und faschistische Demagogen, das alles klingt erst einmal nach einer ziemlich aufgeblasenen Versuchsanordnung. Doch die Odyssee durch die Zeiten und Systeme, durch groß inszenierte Lügen und im Kleinen verborgene Wahrheiten geht auf.

Hein ist - dem Thema Erinnerung zum Trotz - ein lustvoller Fabulierer, dem man auch in die dunklen Ecken seines Familienepos folgt. Sein Setting hat er exakt recherchiert und detailselig nachgebaut, manchmal allerdings nicht ganz maßstabsgerecht; als Leser hat man das Gefühl, man rase auf einer Modelleisenbahn durch ein Miniaturwunderland ostdeutscher und osteuropäischer Kulturgeschichte.

Zwischen "Mutter Krause" und "Cabaret"

Mit Volldampf rauscht auch Heins Titelheld, Bauernsohn und Möchtegernschriftsteller Rainer Trutz, aus Vorpommern ins Berlin der Weimarer Republik. "Mutter Krause"-Proletariergestus und "Fabian"-Frivolitäten, künstlerische Entgrenzungen und ideologische Verengungen: Trutz schlägt sich durch die Widersprüche der brodelnden Metropole, eine Gönnerin aus der sowjetischen Diplomatie hilft ihm bei der Orientierung. Bald darf er eine Buchbesprechung in der legendären Wochenzeitschrift "Die Weltbühne" veröffentlichen, nur wenig später folgt ein elegant verschweinigelter Roman, der Beachtung im Kulturbetrieb und Verachtung bei den Nazis findet.

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Christoph Hein:
Trutz

Roman

Suhrkamp Verlag; 477 Seiten; 25 Euro

Wie bodenlos leichthändig und rührend assoziativ Christoph Hein mit seinen 72 Jahren doch schreibt! Kaum ein Jahr ist es her, da hatte er schon so einen Hoppla-hier-komm-ich-Jahrhundertroman veröffentlicht: In "Glückskind mit Vater" ging es um den Sohn eines hingerichteten Kriegsverbrechers, der aus der gerade gegründeten DDR flieht, um ausgerechnet bei Mitgliedern der Resistance in Marseille Wein, Weib und die Wahrheit der Kunst kennenzulernen. Natürlich war der Held dann doch gar nicht so ein Glückskind, weil er die Last der Geschichte im Verlauf seiner Reise in Richtung Westen und wieder zurück nicht abwerfen konnte.

Ähnlich ergeht es dem am Anfang so heiter in Berlin aufgeschlagenen Trutz im neuen Roman, der ebenfalls im Verlauf von 500 Seiten, allerdings in Richtung Osten fliehend, den Zumutungen wechselnder Systeme ausgesetzt ist. So darf Trutz zwar in Begleitung seiner Frau nach Moskau ausreisen, wird hier aber bald Opfer umfassender politischer Säuberungen.

Links ist manchmal nicht links genug

Ausgerechnet sein Artikel in der linken "Weltbühne" wird ihm in der Sowjetunion zum Verhängnis. Links ist manchmal nicht links genug, je nachdem, von wo man schaut. Hitler, Stalin und der kleine Trutz: Die totalitären Systeme wechseln, aber der Möchtegernschriftsteller bleibt ein politisch Unbehauster.

Christoph Hein
Heike Steinweg/ Suhrkamp

Christoph Hein

Der allerdings auf einige wenige Freundschaften bauen kann: Während Trutz in einer Art Strafbataillon unter Moskau an Stalins gigantomanischem Heldenprojekt der Metrolinie eins keult, lernt er den Sprachwissenschaftler Waldemar Gejm kennen, der zur Mnemonik forscht. Sind Parteikreise erst daran interessiert, Gejms Ergebnisse militärisch und medial zu nutzen, erkennen sie bald, wie kontraproduktiv eine perfekte Erinnerung für ihr politisches System sein kann: Wer nicht vergisst, lässt sich nicht indoktrinieren.

Am stärksten sind die Szenen, in denen Hein die unentwegte Umwertung von Kunst, Kino und Literatur zum Zweck der Massenmanipulation beschreibt. Etwa als nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts 1939 alle Bücher, Filme und Theaterstücke in der Sowjetunion freundlich für das Dritte Reich umformuliert, -geschnitten und -gebaut wurden, um dann 1941, nach dem Überfall durch die Deutschen, wieder in schönster antifaschistischer Pracht gezeigt werden zu dürfen.

Völlig immun gegen solche Umerziehungsmethoden sind die beiden Söhne von Trutz und Gejm, die schon als kleine Jungen spielerisch von ihren Vätern in die Mnemotechnik eingeführt werden. Das letzte Drittel des Buches, der Vater ist da schon längst im eisigen Boden eines Gulags in Sibirien verscharrt, handelt davon, wie der Trutz-Sohn Maykl nach dem Krieg nach Deutschland, in die alte Heimat seines Vaters, ausgewiesen wird.

Bald wird der junge Mann, dem am Erinnern und Bewahren gelegen ist, Archivar. Die historischen Wahrheiten, die er in den Papieren zutage fördert, sind seiner Karriere im SED-Staat natürlich hinderlich. Ganz am Anfang des Romans, in einer Art Vorblende, die in Gegenwart angesiedelt ist, hat dieser Maykl schon einen Auftritt. In einer öffentlichen Veranstaltung zur Aufarbeitung der DDR-Verbrechen mischt er als rechthaberischer Alter das Podium auf, sympathisieren mag man da mit dem zum Erinnerungsfanatiker mutierten Erinnerungskünstler nicht.

Und das ist der perfide tragische Dreh dieses Panaromas des Erinnerns: Ein gutes Gedächtnis hat noch niemanden glücklich gemacht.



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