Tsunami-Memoiren "Nach der Welle" Der Gott der Friedhöfe ist da

Die schönsten und schlimmsten Geschichten sind immer noch die wahren: Die Singhalesin Sonali Deraniyagala erzählt in ihren Memoiren "Nach der Welle", wie sie versucht, mit dem Verlust ihrer Familie nach dem Tsunami zu leben.

Von Vivian Alterauge

Verarbeiten, was schwer zu verarbeiten scheint: Sonali Deraniyagala
Ann Billingsley

Verarbeiten, was schwer zu verarbeiten scheint: Sonali Deraniyagala


Es gibt Sätze, die man nicht lesen möchte. "Der klebrige dunkle Schleim, der aus meiner Nase kam, stank nach Hundescheiße."

Und es gibt Sätze, die man unbedingt lesen möchte. "Der klebrige dunkle Schleim, der aus meiner Nase kam, stank nach Hundescheiße."

Dieser Satz, der so ambivalente Empfindungen weckt, stammt aus Sonali Deraniyagalas Autobiografie "Nach der Welle". Der dunkle Schleim kommt aus ihrer eigenen Nase. Es ist ein Schlamm, der ihr von einer Flutwelle in die Nebenhöhlen gepresst wurde; der Flutwelle, die am 26. Dezember 2004 rund 230.000 Menschen das Leben gekostet hat.

Deraniyagala überlebte den Tsunami im Indischen Ozean, ihre Familie, ihr Mann, zwei Söhne, ihre Eltern, starben. Auch Deraniyagala wollte sterben. Doch sie entschied sich weiterzuleben. Und hat ihre Erfahrungen jetzt in einem Buch verarbeitet.

Das große Ganze hinter dem Mosaik

Viele Augenzeugen meldeten sich nach dem Unglück zu Wort, wollten ihre Geschichte erzählen, verarbeiten, was schwer zu verarbeiten scheint. Es gibt Fernsehdokumentationen, Radiofeatures, Romane, Spielfilme, es gibt Blogeinträge und Reportagen, die vom schrecklichen Unglück erzählen. Das Unglück war über Jahre medial präsent.

Doch auch noch jetzt, zehn Jahre danach, berühren Deraniyagalas Memoiren auf eine ganz andere, ganz besondere Weise. Sie schildert ihre Schicksal und die darauf folgenden Jahre. Sehr turbulent, sehr subjektiv, sehr dicht. Mit einer Detailgenauigkeit, die einen schaudern lässt. Und nahezu verborgen hinter einem Mosaik von Details erzählt sie vom großen Ganzen. Vom Alleinsein. Von der kaum zu beschreibenden Trauer. Von Schuldgefühlen. Von ihrem Leben nach dem 26. Dezember 2004.

Deraniyagala wächst in Colombo auf, kennt das Meer und das Land seit ihrer Kindheit. Zum Studium zieht sie nach London, lernt dort ihren Mann kennen, reist schon damals mehrmals mit ihm in ihr Heimatland. Ihre zwei Söhne werden in England geboren, die Ferien verbringt die Familie häufig auf Sri Lanka. Mahasohona, der schlimmstee Dämon, der Gott der Friedhöfe, kennt sie bis dahin nur aus den Erzählungen ihres Kindermädchen. Doch am besagten zweiten Weihnachtstag hört sie Stimmen der Bewohner, die rufen "Mahasohona ist da". "Das Meer ist über die Ufer getreten."

Stunden zuvor packt die Familie ihre Koffer im Strandresort zusammen, 300 Kilometer entfernt von Colombo. Dort, im Elternhaus, wollten sie den Urlaub ausklingen lassen. Doch es wird nie dazu kommen. Sie werden aus dem Jeep, mit dem sie flüchten wollen, herausgespült. Deraniyagala überlebt nur, weil sie sich an einem Baumwipfel festkrallt.

Rationierte Schlaftabletten, weggeschlossene Messer

Im Buch erzählt sie von den ersten Monaten, die sie in Toronto verbringt, vom ersten Jahrestag, vom vierten und vom sechsten Jahr ohne ihre Familie. Von den Suizidgedanken - während Verwandte die Messer wegschließen, die Schlaftabletten rationieren. Von dauerbetrunkenen Wochen. Von Monaten, in denen sie die neuen Bewohner ihres Elternhauses, eine niederländische Familie, terrorisiert, nachts anruft, klingelt, am Tor rüttelt. Von der Zeit, als sie erstmals zurückkehrt in ihr altes Haus in London, schlammbeschmierte Schuhe und einen Kochtopf findet, an dem immer noch eine Zwiebelhaut klebt. Und von Gesprächen mit Freunden und Fremden, in denen sie nie wagt auszusprechen, was passiert ist. Dass sie eine Familie hatte, die jetzt tot ist.

Erst in der Danksagung erfährt der Leser von ihrem Therapeuten, das Vorwort und wenige Buchpassagen lassen erahnen, was um sie herum passierte, in den acht Jahren der Trauer. Wie sie zurück in die Arbeit fand? Wie sie neuen Menschen gegenüber trat, eine neue Wohnung bezog? Am tatsächlichen Alltag ihres neuen Lebens lässt die Autorin den Leser kaum teilhaben. Ihr Fokus haftet auf dem Damals und auf den Überbleibseln des Damals im Heute. Es ist dieser Fokus, der diese Memoiren so starkmacht. So traurig und schön zugleich, dass man sie unbedingt lesen möchte.


Buchangaben:
Sonali Deraniyagala: Nach der Welle. Aus dem Englischen von Peter Dahm Robertson. Fischer Verlag, Frankfurt/Main; 272 Seiten; 14,99 Euro.

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