Star-Autorin Elif Shafak Meine Türkei ist so tot wie meine Großmutter

Es gab eine Zeit, da galt die Türkei als Muster für einen modernen Islam. Lange her. Heute ist die Gesellschaft gespalten, der Alltag politisiert, die Atmosphäre vergiftet.

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Ein Gastbeitrag von Elif Shafak


  • Katharina Lütscher/ DPA
    Die Schriftstellerin Elif Shafak, 45, wurde als Tochter einer Diplomatin und eines Soziologieprofessors in Straßburg geboren. Sie promovierte in Ankara in Politischen Wissenschaften. Heute lebt und arbeitet sie in London. Ihr literarisches Debüt gab sie in den Neunzigerjahren noch in der Türkei. Sie schreibt auf Türkisch und auf Englisch. Ihr jüngster Roman "Der Geruch des Paradieses" erschien im Oktober 2016 auf Deutsch bei Kein und Aber.

An dem Tag, an dem ich diesen Artikel geschrieben habe, ist meine Großmutter gestorben - die Frau, die mich großgezogen hat und mir Märchen, Magie, Mitgefühl und Einfühlungsvermögen beibrachte. Ihre Persönlichkeit war eine interessante Mischung: zutiefst spirituell, aber entschieden laizistisch; östlich, aber in Harmonie mit dem westlichen Lebensstil; selbst nicht sehr gebildet, aber eine große Befürworterin von Bildung und Freiheit für ihre Tochter und ihre Enkelin. Für mich symbolisierte sie eine Türkei, die eine einzigartige Synthese verschiedener Kulturen und Traditionen enthielt. Und so wie meine Großmutter heute, so ist auch diese Türkei gestorben.

Als ich in Ankara aufwuchs, in einem bürgerlichen muslimischen Viertel, war es in türkischen Familien üblich, zur Feier des neuen Jahres spezielle Unterhaltungssendungen im Fernsehen zu schauen. Sänger und Komödianten wechselten sich ab auf dem Bildschirm, es gab Feuerwerk und Glitzerschmuck. Der Höhepunkt des Programms war die Bauchtänzerin, die kurz vor Mitternacht auftrat, in einem knappen Kostüm. Wir guckten und klatschten und dabei aßen wir Röstkastanien und Mandarinen. Zu Mitternacht jubelten wir alle und umarmten uns gegenseitig. Dann ging meine Großmutter in ihr Zimmer und betete zu Allah um ein friedliches, erfolgreiches Jahr. Es war eine hybride Welt damals - eine Mischung aus östlichen und westlichen kulturellen Elementen.

Leider verschwindet diese Mischung. Heute leben die meisten Leute in unsichtbaren kulturellen Gettos. Die Türkei ist nationalistischer und religiöser geworden, während das Regime immer autoritärer wurde. Zwischentöne und Mischformen schmelzen dahin wie Schneeflocken unter der grellen Sonne. Alles wird schwarz und weiß. Die Gesellschaft ist aufgeteilt in ein "wir" gegen "sie". Es gibt keinen Platz mehr für Individualität. Wenn ein Land derart polarisiert ist, ist alles über-politisiert. Sogar etwas so Freudiges, Gemeinschaftliches, Gebräuchliches wie eine Neujahrsfeier.

Besucher eines Neujahrsfestes in Istanbul
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Besucher eines Neujahrsfestes in Istanbul

2016 war ein annus horribilis für die Türkei. In den vergangenen anderthalb Jahren gab es über das ganze Land verteilt 35 einzelne Terrorattacken. Fast 500 Menschen verloren ihr Leben. Es gab öffentliche Trauerfeiern in jeder anatolischen Stadt, aber nicht einmal Trauer und Leid konnten ein Land einen, das derart scharf gespalten ist wie unseres. Angst, Traurigkeit, Verfolgungswahn, Anspannung - wir hatten von all dem zu viel. Kein Wunder, dass viele türkische Bürger sich den Beginn von 2017, des neuen Jahres, herbeisehnten. Die Menschen brauchten einen neuen Anfang, eine Prise Hoffnung, eine leere Seite. Aber in diesem Jahr, so sehr wie nie zuvor, versuchten die Islamisten und Ultra-Nationalisten die Neujahrsfeierlichkeiten zu vernichten. Oft verwechselten sie Weihnachten mit Silvester und brandmarkten alles als "christlichen Brauch". Ihre Stimmen waren laut. Laut und bedrohlich.

In den Wochen vor Silvester hatten Extremistengruppen auf den Straßen mehrerer Städte Flugblätter verteilt, auf denen behauptet wurde: "Muslime feiern keine christlichen Feste." Ihre Broschüren strotzen vor Grammatikfehlern, Rechtschreibschwächen und hasserfüllter Sprache. Gleichzeitig inszenierte eine Gruppe in der Stadt Aydin einen Protest gegen Weihnachten. Sie verkleideten sich in traditionellen Kämpfer-Kostümen und jagten einen der ihren, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hatte. Als sie den Weihnachtsmann endlich gefangen hatten, hielten sie ihm eine Pistole an den Kopf und posierten so für die nationale Presse.

In verschiedenen Städten hingen hasserfüllte Plakate und Banner. Auf einem davon, in der Stadt Van, stand: "Habt ihr jemals einen Christen das Opferfest Eid al-Adha feiern sehen? Warum feiern wir deren Fest?" Auf einem anderen Plakat sah man einen furchterregenden, hässlichen, kiffenden Weihnachtsmann, daneben stand in Großbuchstaben: "Weihnachten ist ein Schlag gegen unser Muslimentum." Auf dem Campus der Technischen Universität Istanbul versammelte sich eine Gruppe islamistischer Studenten mit Schildern, auf denen stand: "Lasst euch nicht vom Satan in Versuchung führen! Feiert nicht an Silvester!", "Es gibt KEIN Weihnachten im Islam", "In muslimischen Ländern versuchen die Menschen zu überleben, in deren Ländern geht es immer nur um Feste und Spaß." Dann holten sie einen aufblasbaren, lebensgroßen Weihnachtsmann heraus und, vor Publikum, umringten den Weihnachtsmann und stachen mehrmals auf ihn ein.

Immer wieder gab es erboste Veröffentlichungen in der islamistischen Zeitung "Milat". In einer Kolumne hieß es, dass der Mantel des Weihnachtsmanns so rot sei, weil er mit dem Blut der Bevölkerung von Aleppo gefärbt sei. Er bringe den Menschen im Westen Geschenke, den in Aleppo aber Bomben, Qualen und den Tod: "Hübsche Kleider für die Kinder in Europa, blutige Leichenhemden für die Kinder von Aleppo." Eine andere islamistische Zeitung, "Yeni Akit", richtete einen Aufruf an die Nation und riet den Menschen, nicht das Neujahrsfest zu feiern, von dem sie sagten, es sei verbunden mit Glücksspiel, Trinken und Ausschweifung: "Dies ist nicht euer Brauch. Der Islam verbietet ihn." Außerdem gab es Plakate auf den Straßen des Istanbuler Viertels Ikitelli, die einen muslimischen Mann zeigten, der den Weihnachtsmann schlägt.

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Elif Shafaks Türkei: Zwischentöne schmelzen dahin

All diese Veröffentlichungen, Poster und Demonstrationen waren höchst einschüchternd für die Säkularen, Fortschrittlichen und Demokraten der Türkei, die das neue Jahr wie bisher begrüßen wollten. In dieser angespannten und polarisierten Lage versandte das Präsidium für religiöse Angelegenheiten eine sehr problematische Freitagspredigt, die in 80.000 Moscheen des ganzen Landes gehalten wurde, In dieser Predigt wurden Neujahrsfeiern als "rechtswidrig" bezeichnet. Solche Feierlichkeiten gehörten "zu anderen Kulturen".

In der Vergangenheit waren wir als Nation stolz darauf, dass der heilige Nikolaus - der warmherzige Bischof, der das Vorbild für den Weihnachtsmann ist -, ursprünglich aus Patara stammte, einer Stadt an der türkischen Mittelmeerküste. Aber heute wird der arme St. Nikolaus politisiert und zur Zielscheibe gemacht.

Fresko in der St.-Nikolaus-Kirche im türkischen Demre
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Fresko in der St.-Nikolaus-Kirche im türkischen Demre

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In meinem neuesten Roman "Der Geruch des Paradieses" fühlt sich die Hauptfigur Peri zerrissen zwischen ihrem säkularen, modernen, aufklärerischen, westlichen Vater und ihrer extrem religiösen Mutter, die einen Nikab trägt. Eines Tages bringt der Vater einen Weihnachtsbaum aus Plastik mit nach Hause, den die Mutter heftig ablehnt. Der Streit zwischen den Eltern macht das Kind traurig und es sucht nach einem Weg, um sie zu versöhnen. In der Nacht, als die Eltern schon im Bett sind, dekoriert Peri den Baum mit den Gebetsketten ihrer Mutter und den Kopftüchern für die Moschee - in der Hoffnung, ihn "östlicher" zu machen, in der Hoffnung, die Spaltung zu überbrücken.

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Leider ist die Spaltung inzwischen zu tief. Die Laizisten und Liberale fühlen sich unter Druck gesetzt, besiegt und im Stich gelassen. Derweil lassen die Isolationisten, Nationalisten und Islamisten alle Hemmungen fahren. In dieser Atmosphäre der Bedrohung sagte ein prominenter Journalist, Ahmet Sik, vor einigen Wochen voraus, dass Islamisten Neujahrsfeiern zum Ziel nehmen könnten. Heute sitzt Sik im Gefängnis, bestraft für seine Offenheit, zusammen mit 140 anderen türkischen Journalisten und Intellektuellen.

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Dann, in der Silvesternacht, kam die entsetzliche Terrorattacke auf den Istanbuler Klub Reina. Ein IS-Terrorist aus Usbekistan lief in den berühmten Nachtklub hinein und massakrierte kaltblütig 39 Menschen. In den folgenden Tagen war die Trauer, der Schmerz und der Schrecken weit verbreitet im Lande. Doch selbst da fühlten die Hardliner in der Türkei keine Scham, es gab Äußerungen in den sozialen Medien, die die Opfer kritisierten. Ein islamistischer Kommentator sagte im Fernsehen: "Wir sind gegen Silvester. Wir sind gegen das Trinken von Alkohol und solche Feiern. Wer auch immer in welchem Laden auch immer in die Luft gehen will, möge das tun."

Selbstverständlich stellen diese Extremisten nur eine sehr kleine Minderheit in der Türkei dar. Aber das Problem ist, dass sie sich ermutigt fühlen durch die neue inländische und internationale Atmosphäre. Die Türkei verändert sich dramatisch. Dies ist ein Land, in dem jeder, der etwas Kritisches sagt oder schreibt über die AKP-Regierung und Präsident Erdogan, sofort verklagt, vor Gericht gebracht, sogar eingesperrt werden kann.

Die Regierung verwendet ihre meiste Zeit und Energie darauf, die Zivilgesellschaft zu unterdrücken und Journalisten, Intellektuelle und Autoren zu verfolgen. Aber selten nur wird irgendetwas Maßgebliches unternommen gegen Islamisten und ultranationalistische Fanatiker, die indirekt an der Gewalt beteiligt sind, indem sie Hassreden verbreiten. Obwohl die AKP nach der Reina-Attacke ankündigte, gegen 347 Nutzer von sozialen Medien zu ermitteln, die extremistische Aussagen gepostet hatten: Insgesamt war die politische Elite zu langsam darin, die Gefahr des IS zu erkennen - und eindeutig zu inkompetent, um ihr zu begegnen. Ihre wiederholten Fehler in Syrien, der Zickzackkurs der türkischen Außenpolitik und ihre neo-osmanischen Großmachtträume haben alles nur schlimmer gemacht.

Sarg mit einem der Opfer des Anschlags aufs Reina
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Sarg mit einem der Opfer des Anschlags aufs Reina

Unsere Großstädte sind zur neuen Front für Terroristen geworden, sowohl vom IS wie von der PKK. Die Reaktion auf jede schreckliche Tragödie folgt stets demselben Muster: Sobald eine Bombe explodiert oder eine Attacke passiert, ruft die Regierung eine Nachrichtensperre aus, das Internet wird gedrosselt, Funktionäre wiederholen die immer gleichen Sätze, die Opfer des Terrors werden zu "Märtyrern" erklärt. Stadtviertel werden umbenannt, in Märtyrerberg oder Märtyrerstraße. Die Regierung versucht, ihre innen- wie außenpolitische Inkompetenz zu verbergen mit einer hurrapatriotischen Sprache. Diejenigen, die die offizielle Deutung in Frage stellen, werden als "Verräter" und "Spielfigur der westlichen Mächte" bezeichnet. Die freie Meinungsäußerung ist vollkommen unterdrückt.

Es gab eine Zeit, in der man die Türkei für ein leuchtendes Vorbild für die gesamte muslimische Welt hielt, eine einzigartige Synthese östlicher Kulturen und westlicher, liberaler Demokratie. Heute befürchten wir, dass unser Land vielmehr einigen der schlimmsten Vorbildern im Mittleren Osten nacheifern könnte.

insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
thomas234 11.01.2017
1. Moderner Islam?
"Moderne Religion" ist ein Widerspruch in sich.
jung&jang 11.01.2017
2. Prima Artikel
ich wünsche mir, das dieser Artikel/Beitrag auch in der Türkei gelesen werden kann.
matimax 11.01.2017
3. Zum Fürchten
Zitat: ["Es gab eine Zeit, in der man die Türkei für ein leuchtendes Vorbild für die gesamte muslimische Welt hielt, eine einzigartige Synthese östlicher Kulturen und westlicher, liberaler Demokratie. Heute befürchten wir, dass unser Land vielmehr einigen der schlimmsten Vorbildern im Mittleren Osten nacheifern könnte."] Grenzt es an Paranoia, wenn ich befürchte, dass die innertürkischen Konflikte drohen auch in Deutschland ausgetragen zu werden? Immerhin sollen laut SPON 65 % der in Deutschland lebenden türkischen Wähler für Erdogan und seine AKP gestimmt haben. Droht "uns" etwa eine neue Flüchtlingswelle - dann mit Flüchtlingen aus türkischen Lagern und vielen verfolgten Türken selbst? Das wären allerdings schlimme Aussichten, im Hinblick auf die Bundestagswahl im Herbst dieses Jahres.
argonaut-10 11.01.2017
4. Religion ist Glauben
und glauben = nicht wissen. Daher haben die Franzosen Staat und Kirche getrennt. Am Ende kann man sicher sagen, dass Religion heute wie eigentlich schon immer dazu missbraucht wird, um eigene Negativität zum Ausdruck zu bringen. Jesus und Mohammed würden sich im Grabe umdrehen und sollten sie wiedergeboren werden, dann würden wir im Fernsehen die nächste Kreuzigung sehen... wahrscheinlich durch die Fanatiker von heute.
auweia 11.01.2017
5. Zu Schade
Ich war - leider - noch nie in der Türkei. Ich werde wohl auch in den nächsten Jahren nicht hinfahren können.
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