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Türkische Männer in Deutschland: Wenn Ali am Leben verzweifelt

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Türkische Männer sind Paschas und führen in Deutschland ein fürstliches Leben - so weit das Vorurteil. Doch in Wahrheit leiden sie oft genauso unter alten Rollenmustern wie ihre Frauen. Ein Buch porträtiert jetzt Väter und Ehemänner aus Berlin. Sie erzählen von Problemen mit Sex, Religion und Kindererziehung.

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Neuköllner Psychologe Erdogan: Erste türkische Männergruppe

Ihr Leben begann oft mit einem traumatischen Abschied: Als sie noch klein waren, gingen ihre Eltern weg. Zogen ins ferne Deutschland, ließen die Söhne bei Verwandten. Oft wurden Ali, Mehmet und Ahmet erst Jahre später nachgeholt, kamen nach Berlin, Duisburg, Stuttgart.

Aber sie fühlten sich fremd in Deutschland, waren überfordert damit, hier ihr Leben aufzubauen, eine Arbeit zu finden, eine Familie zu versorgen. Die Geschichten vieler türkischer Männer in Deutschland sind geprägt von Heimweh, von fehlender Liebe und von Gewalt. Ehen zerbrachen, zu klein waren die Gemeinsamkeiten der Partner, zu groß der Druck ihrer Familien.

Bei dem Psychologen Kazim Erdogan aus Berlin-Neukölln treffen sich solche Männer einmal in der Woche, um zu reden: über ihre kaputten Ehen, über Sex, Liebe, Religion und Kindererziehung. Erdogan gründete vor vier Jahren die erste türkische Männergruppe Deutschlands.

Die Münchner Journalistin Isabella Kroth hat sich diese Männer nun genauer angesehen. In ihrem Buch "Halbmondwahrheiten" beschreibt sie das Schicksal türkischer Männer in Deutschland. Vielleicht seien diese genauso Opfer einer patriarchalen Gesellschaft wie die Frauen, gibt Kroth in ihrem Vorwort zu bedenken.

"Frauen sind enger in das familiäre Netzwerk eingebunden"

Die Autorin untersucht auch eine Gruppe, von der in der öffentlichen Debatte bislang wenig die Rede war - Männer, die zum Heiraten aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. "Die Probleme der Frauen, die per Heiratsmigration nach Deutschland kommen, sind seit Jahrzehnten bekannt. Die Schwierigkeiten der Männer jedoch, die als Importbräutigame nach Deutschland kommen, werden kaum erwähnt. Dabei fällt es diesen Männern in gewisser Hinsicht sogar schwerer als Frauen, sich in dem fremden Land zurechtzufinden. Denn während Frauen enger in das Netzwerk Familie eingebunden sind, müssen sich die Männer in ihrer Rolle als Ernährer der Familie behaupten", schreibt Kroth.

In zwölf Porträts schildert die Autorin das Leben der Männer aus Kazim Erdogans Selbsthilfegruppe. Da ist der 65-jährige Ali, der in einem Berliner Plattenbau wohnt und 1973 kurz vor dem Anwerbestopp türkischer Gastarbeiter mit einem der letzten Züge nach Deutschland kam, weil er hier auf bessere Ärzte für seinen kranken Sohn hoffte. Ali und seine Frau sparten Geld, er schuftete auf dem Bau, sie putzte, irgendwann konnten sie sich in Berlin eine geräumige Wohnung leisten. Für ihre Kinder hatten sie große Pläne - verloren dann aber jeden Zugang zu ihnen. Ein Sohn wurde heroinsüchtig.

Oder Kemal, 37, der bei seinen Großeltern in der Türkei aufwuchs, bis er als Siebenjähriger von seinen Eltern nach Deutschland geholt wurde. Der dann wieder in die Türkei ging, sich aber auch dort fremd fühlte. Dessen Ehe zerbrach und der dann mit einem seiner Söhne alleine nach Berlin zurückkehrte.

"Das Leiden der Männer ist ein anderes"

Da ist Ahmet, der "Importbräutigam", der mit einer entfernten Verwandten verheiratet wurde und so nach Deutschland kam. Von da an war "er plötzlich nicht mehr der starke Mann, zu dem er in seiner Heimat erzogen wurde, plötzlich war er in der Rolle des Unterlegenen, neben einer Frau, die sich in Deutschland auskannte und im Gegensatz zu ihm die Sprache beherrschte", so Kroth.

Und Kroth porträtiert Adem, dessen Frau sich von ihm trennte, als er ihre Großfamilie nicht mehr finanziell versorgen konnte und die ihm unterstellte, seine Töchter vergewaltigt zu haben. Das Gericht glaubte schließlich Adem, heute erzieht er die Kinder alleine. An den Psychologen Erdogan wandte er sich mit den Worten: "Ich habe Angst, dass ich meine Frau umbringe."

Kroth gelingt eine eindringliche Schilderung dieser Männerleben, in präziser Sprache beschreibt sie deren Schicksale. Sie wertet nicht, die Berichte sind nüchtern verfasst und durchwirkt von knappen Schilderungen der jeweiligen politischen Rahmenbedingungen, vor denen sich die persönlichen Schicksale abspielen.

So liefert Kroth einen neuen wichtigen Mosaikstein bei der Beschreibung der Lebenswirklichkeit deutscher Migranten. Ihr ist es gelungen, hinter die Kulissen zu schauen. Ihre Dokumentation ist gerade deshalb wichtig, weil sie türkische Männerwelten in aller Ausführlichkeit schildert, weil Männer offen über ihre Ängste und Schwächen sprechen.

Dabei ist es nicht Kroths Anliegen, Berichte über Migrantinnen, die kein selbstbestimmtes Leben leben dürfen, zu relativieren. Das Leiden der Männer sei eben ein anderes als das der Frauen.

In einem Punkt allerdings haben es türkische Männer wirklich besser als die Frauen: "Sie haben die Möglichkeit, aus der Enge ihres Familienlebens auszubrechen", schreibt Kroth. "Sie können sich Freiheiten nehmen, die viele Frauen nicht haben."

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Buchtipp

Isabella Kroth:
Halbmondwahrheiten.
Türkische Männer in Deutschland - Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft.

Diederichs Eugen; 220 Seiten; 16,95 Euro.

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Zur Autorin
Isabella Kroth, Jahrgang 1980, lebt als Journalistin in München. Für "Halbmondwahrheiten" porträtierte sie 12 türkische Männer aus Berlin-Neukölln. 2004 erschien ihr Buch "Scheherazades Tochter".

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