Türkischer Autor Mungan "Über Frauenkörper wird Politik gemacht"

In der Türkei wird Murathan Mungan verehrt wie ein Popstar - obwohl er in seinen Romanen politisch brisante Themen anpackt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Fanatismus, die Schleierfrage und die Körperpolitik islamistischer Regimes.


SPIEGEL ONLINE: Herr Mungan, In Ihrem Roman "Tschador" wandert die Hauptfigur durch eine vom Krieg zerstörte Heimat. Das Land erinnert vage an den Irak. Warum haben Sie darauf verzichtet, es genauer zu benennen?

Autor Mungan: Kampf gegen den Fanatismus
Nihat Odabasi

Autor Mungan: Kampf gegen den Fanatismus

Mungan: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil ich die Idee vermitteln wollte, dass die Geschichte, die ich erzähle, überall auf der Welt stattfinden könnte. Dennoch gibt es im Text Hinweise darauf, dass das Buch in einem Nachbarland der Türkei spielt.

SPIEGEL ONLINE: Die Repressionen, denen die Bewohner des Landes ausgesetzt sind, werden vor allem durch das Motiv des Tschadors beschrieben, unter dem die Frauen verschwinden. Welche Bedeutung hat der Schleier für Sie?

Mungan: Die Körper der Frauen sind die Orte, an denen man die Repressalien eines islamistischen Regimes am deutlichsten erkennt. Über Frauenkörper und ihr Verschwinden unter der Burka wird Politik gemacht. Auch Körperpolitik.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist man eher verunsichert, ob man muslimischen Frauen, etwa im öffentlichen Dienst, gestatten soll, einen Schleier zu tragen. In der Türkei war man da lange viel rigider. Sind Sie gegen die Verhüllung der Frau?

Mungan: Ich habe mich in der Türkei dafür eingesetzt, dass Frauen mit Schleiern in die Universitäten dürfen. Für mich ist das eine persönliche Entscheidung. Dennoch lässt sich dieses Thema nicht in ein paar Sätzen abhandeln, es ist ein großes Problem der türkischen Politik. Es existiert eine Zwickmühle zwischen persönlicher Entscheidung und gesellschaftlicher Bedeutung. Denn es bedeutet etwas völlig anderes, wenn jemand in Istanbul einen Schleier trägt, als wenn jemand in Ostanatolien das tut.

SPIEGEL ONLINE: Für Außenstehende sind die unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Codes, die das Tragen des Schleiers bedeuten können, allerdings kaum zu erkennen.

Mungan: In Istanbul können Frauen den Schleier tragen und sich trotzdem schminken und aufreizende Kleidung tragen. In Anatolien kann eine Frau das nicht. Auf sie wird viel mehr Druck ausgeübt, da geht der Weg, wie es im Roman heißt, vom Schleier direkt zur Burka. Zusammenfassend kann man sagen, dass in den Metropolen das Tragen des Turbans eine persönliche Sache ist, in den Peripherien ist es eine politische. Dort herrscht kollektiver Zwang, es gibt keine individuelle Wahlfreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Akhbar, die Hauptfigur in "Tschador", hat das Problem, dass er seine Mutter und seine Schwester nicht finden kann, weil alle Frauen tief verschleiert und so seinen Blicken entzogen sind. Im Roman heißt es: "Während sich die Vorstellung von den Frauen verliert, wird die Vergangenheit zunichte gemacht, die Zukunft hoffnungslos, und Gedächtnis und Phantasie verkümmern."

Mungan: Ich habe den Akhbar-Charakter extra so aufgebaut, dass man ihn nicht genau definieren kann. Er ist politisch weder links noch rechts, er ist ein ganz einfacher Mensch. Über ihn lasse ich diesen katastrophenähnlichen Zustand einbrechen. Er befindet sich in einer Art Delirium, als er die Wirkung der Burka begreift. Denn wenn man etwas wegschließt oder übertüncht, entwickeln sich Hysterie und Verrücktheit.

SPIEGEL ONLINE: Im Laufe des Romans empfindet Akhbar den Tschador aber nicht mehr nur als Gefängnis, sondern auch als schützende Hülle. Woher kommt diese Ambivalenz?

Mungan: Im realen Leben wird ein Mann wie Akhbar wohl eher nicht auf die Idee kommen, sich in seine Mutter oder seine Schwester hineinzuversetzen. In dem Moment, in dem er das dennoch tut, nimmt er auch die Position der Frauen unter der Burka allgemein an.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit "Tschador" nicht nur einen politischen, sondern auch einen feministischen Roman geschrieben?

Mungan: Als Schriftsteller fühle ich mich dazu verpflichtet, feministische Fragen ebenso zu thematisieren wie die Probleme anderer Minderheiten. Auf der anderen Seite finde ich, dass Frauen, die schreiben, diesen Diskurs viel zu wenig führen.

SPIEGEL ONLINE: Es liegt nahe, "Tschador" als Vision einer düsteren Zukunft der Türkei zu sehen - falls die fundamentalistischen Kräfte noch stärker werden.

Mungan: Vor kurzem tobte in Syrien eine unglaubliche Debatte. Einige fundamentalreligiöse Männer fühlten sich gestört, weil durch den Sehschlitz einer Burka beide Augen der Frauen sichtbar sind. Jetzt denkt man darüber nach, Burka-Modelle einzuführen, die nur ein Auge sichtbar machen. Was ich sagen will: Der Fanatismus kennt keine Grenzen. Es gibt ihn überall, und er führt immer tiefer in die Dunkelheit.

SPIEGEL ONLINE: Die Türkei präsentiert sich auf der Frankfurter Buchmesse auffallend "untürkisch". Statt nationaler Symbole wurde als Logo ein Labyrinth mit vielen Ein- und Ausgängen gewählt. Das Motto lautet "Faszinierend farbig". Wie ordnen Sie diese Inszenierung ein?

Mungan: Ich habe mich im Vorfeld nicht besonders viel mit dem Messeauftritt beschäftigt, aber ich finde es gut, dass man nicht mit nationalistischen Symbolen arbeitet und das Klischee des Nationalismus nicht bedient.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Nationalismus in der Türkei tatsächlich nur ein Klischee? Die gegenwärtige politische Situation legt nahe, dass die Inszenierung auf der Buchmesse eher Augenwischerei ist.

Mungan: Sicher ist die aktuelle politische Situation schlimm, doch wenn die Messe so konzipiert ist, dass die Türkei in allen ihren Facetten repräsentiert wird, dann ist das gut so.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie für einen Beitritt der Türkei zur EU?

Mungan: Ich bin dafür und habe mich auch dafür eingesetzt. Andererseits beobachtete ich, dass die Debatte eher einseitig verläuft. Es werden viele Bedingungen an die Türkei gestellt, um in die EU zu kommen, aber dass es für Europa auch eine Bereicherung wäre, wenn die Türkei in die EU käme, darüber spricht niemand. Es ist nicht nur Aufgabe der Politik, sondern auch der Kulturschaffenden, am Zusammenwachsen zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Das Szenario, das Sie im Roman entwerfen, liest sich da viel negativer.

Mungan: Dass die Zustände, die ich in "Tschador" beschreibe, nicht Realität werden, hängt davon ab, ob sich die Welt zusammentut und gegen den Fanatismus ankämpft.

Das Interview führte Jenny Hoch



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