Türkischer Kultautor Uyurkulak "Meine Bücher sind meine Rache"

Forsch, ruhelos und lärmend - so sind Murat Uyurkulaks Bücher. Unversöhnlich beschreibt der junge türkische Autor das Schicksal der Kurden sowie die dunklen Kapitel in der Geschichte seines Landes - und wundert sich, warum er dort noch frei herumlaufen darf.

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Murat Uyurkulak sitzt im weißen Neonlicht und wartet. Er ist zu Gast in Bonn, auf der Biennale, die in diesem Jahr der Türkei gewidmet ist. Uyurkulak zupft an seinem Hemd, streicht seinen Bart, nestelt in den Haaren. "Ich bin froh, hier zu sein", sagt er schließlich. "In der Türkei halten Autoren keine Lesungen. Die Politiker lassen es nicht zu." Er hebt die Stimme: "In der Türkei hat es die Demokratie immer noch schwer."

Murat Uyurkulak, 35, ist einer der erfolgreichsten jungen Schriftsteller der Türkei - und einer der umstrittensten. Er drückt aus, was viele seit langem heimlich denken: Voller Zorn schreibt er über das türkische Militär und die Unterdrückung der Kurden.

In seinem Erstlingswerk "Zorn" lässt er einen alten Dichter und einen jungen Korrektor im selben Zugabteil von Istanbul nach Diyarbakir reisen. In lose miteinander verwobenen Erzählungen, Beschreibungen und Gesprächen rekonstruiert Uyurkulak die politische Geschichte der Türkei der vergangenen 50 Jahre.

"Die Revolution war einst eine Wahrscheinlichkeit, und sie war sehr schön", schreibt er. Begeistert nahm die Kritik sein Buch auf, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. "Ein phantastischer Stil, in Konstruktion, Sprache und Tempo atemlos - ein schönes Werk", urteilt der Kritiker Ömer Türke. "Ich habe nicht gewusst, wie eifersüchtig man auf ein Buch sein kann", sagt die Dichterin und Sängerin Umay Umay.

Dabei ist "Zorn" kein leicht zu lesendes Buch: voller Anspielungen und Metaphern. Uyurkulak erzählt vom Schicksal der Kurden, dem größten Volk der Welt ohne eigenen Staat. Sie sind der Gewalt der kurdischen Terrororganisation PKK ebenso ausgesetzt wie der Willkür des türkischen Staats. Uyurkulak verschweigt nichts. Seine Sprache ist klar, kraftvoll, präzise. Es ist der unversöhnliche Roman eines Mannes, der Tabus nicht länger hinnehmen will.

Und sein Erfolg beweist, dass in der Türkei etwas in Bewegung geraten ist. Zwei Wochen nach der Bonner Lesung sitzt Murat Uyurkulak in einem Istanbuler Café. Er trägt Jeans und Vollbart. Seine breite Stirn fächert und furcht sich wie zerknittertes Pergament. "Wir müssen die dunklen Kapitel unserer Geschichte aufarbeiten, um ein demokratisches Land zu werden", sagt er. Es ist Uyurkulaks Lebensthema: Die Bewältigung der eigenen Vergangenheit. Auch in seinem neuen Roman "Har" schreibt er über den Bürgerkrieg zwischen PKK und türkischem Staat im Osten der Türkei und den Militärputsch 1980.

Koch, Übersetzer, Polit-Aktivist

Geboren wurde Uyurkulak, der heute in Istanbul lebt, in der westanatolischen Stadt Aydin. Sein Onkel gehörte zu den Gründern einer kommunistischen Partei. Der Neffe musste erleben, wie Linke in den Siebzigern und Achtzigern gedemütigt und gefoltert wurden. Er brach sein Jurastudium ab und zog in den kurdischen Südosten nach Diyarbakir, die Heimatstadt seiner damaligen Frau.

Freunde wurden verhaftet, weil sie Kurdisch sprachen, Bücher wurden verbrannt. Aus dieser Zeit rührt das Engagement des Türken Uyurkulak für die Belange der Kurden. "Mir ist viel Ungerechtigkeit begegnet. Meine Bücher sind meine Rache." "Tol" heißt sein Debütroman im Original - "Rache". Murat Uyurkulak ist Schriftsteller und Polit-Aktivist gleichermaßen. Er hat sich über viele Jahre in der ÖDP engagiert, einer kleinen, linksliberalen Partei. Er setzt sich für den Umweltschutz ein und für die Rechte von Frauen. Er hat als Koch gearbeitet und als Übersetzer, für die linke Tageszeitung "Birgün" schreibt er über Außenpolitik. Seine Bücher, sagt er, seien immer auch der Versuch, Einfluss zu nehmen auf den Lauf der Dinge.

Den Roman "Zorn" hat Uyurkulak nach umfangreichen Vorarbeiten in zwei Monaten geschrieben. Er habe, sagt er, in dieser Zeit seine Istanbuler Wohnung nicht verlassen. "Ich hatte nichts außer Nudeln und Raki", erzählt er. "Ich brauche Phasen exzessiven Arbeitens." Uyurkulaks Bücher sind forsch, ruhelos, lärmend. Er selbst ist zurückhaltend. "Wenn Bücher Menschen für einen Moment zum Nachdenken anregen, ist das schon großartig."

Vor allem junge Leser lieben ihn. Studenten zitieren in Vorlesungen aus seinen Texten. Warum er trotz seiner zum Teil harschen Kritik am türkischen Staat noch nicht verhaftet wurde? "Nun ja", sagt Uyurkulak, "der Staatsanwalt hat meine Bücher wohl noch nicht gelesen."


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