Antisemitismus-Debatte: Willkommen im Land der Täter

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Der New Yorker Tuvia Tenenbom, Sohn von Holocaust-Überlebenden, ist durch Deutschland gereist und hat darüber ein Buch geschrieben. Das erstaunliche Porträt einer Nation, in der mancher die Israelis für die wahren Nazis hält. Schon vor Veröffentlichung sorgte es für einen Skandal.

"Allein unter Deutschen": Zwischen Neonazi-Treff und KZ Fotos

Was fällt einem New Yorker auf, wenn er durch Deutschland reist? Wenn er zudem Jude ist, wenn seine Familie im Holocaust ermordet wurde? Tuvia Tenenbom ist so ein New Yorker. Er ist durch Deutschland gereist. Im Sommer 2010. In Südafrika fand die Fußball-WM statt, im Mittelmeer schipperte ein Schiffskonvoi Richtung Gaza. Zwei nicht unwesentliche Daten für Tenenboms Exkursion, sind es doch die Pole, zwischen denen sich die öffentliche Meinung in diesen Tagen bewegt: Während der Auftritt der DFB-Elf noch einmal die deutsche Selbstdiagnose eines neuen, unverkrampfteren Nationalbewusstseins fördert, führt die Mission der Protestflotte zu unverhohlener Israel-Kritik.

Nun erscheint Tenenboms Bericht bei Suhrkamp: "Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise". Der Veröffentlichung vorausgegangen war eine für die Verlags- und Medienbranche einzigartige Abwehrreaktion: Rowohlt-Verleger Alexander Fest, der Tenenboms Bericht zuerst ins Deutsche bringen wollte, entschied sich persönlich gegen eine Publikation - aus, wie Fest behauptete, formalen und juristischen Gründen. Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte daraufhin einen polemischen Text über die amerikanische Version von Tenenboms Buch. Friedenspreisträger Saul Friedländer bezeichnete die Wortwahl von Rowohlt und "Süddeutsche" im Umgang mit Tenenbom daraufhin auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE als "antisemitisch".

Wer "Allein unter Deutschen" aufschlägt, dürfte sich wundern: Das Buch mag keine empirische Studie sein - ebenso wenig aber ist es eine Hetzschrift. Tenenboms Deutschland-Reportage auf 430 Seiten ist geradlinig und lässig formuliert, getragen von einer sanften Verzweiflung, von Spott und einem guten Maß Selbstironie. Und sie ist trotz der Abgründe, die sie auslotet, ziemlich unterhaltsam. In einigen Passagen wurde Tenenboms Manuskript von Suhrkamp gekürzt: Es sind die Abschnitte, in denen die Gesprächspartner des Autors ihre Zitate nicht veröffentlicht sehen wollten - unter ihnen der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald.

"Mit einem Lied in den Tod"

Tenenbom beginnt seine Reise in Hamburg. Im Vorfeld der Krawalle zum 1. Mai begegnet er Linksradikalen. Auf seine Frage, ob es in Hamburg auch Rechtsradikale gebe, "brüsten sich die stolzen Hamburger: 'Wir haben in Norddeutschland keine Nazis'", "'du musst in den Osten' sagen sie mir. 'Bayern' sagen andere. Viele wollen mich nach Österreich schicken." Die Nazis sind eben immer die anderen. Letztlich ist es dann doch nur eine kurze Zugfahrt ins schleswig-holsteinische Neumünster, wo Tenenbom den berüchtigten Neonazi-Treff Club 88 besucht.

Freundlich weisen die Neumünsteraner Tenenbom den Weg, als er sich nach dem Nazi-Lokal erkundigt. Freundlich bewirtet ihn der Barkeeper Frank, als er sich dort als deutschstämmiger Amerikaner ausgibt. Bevor er hergekommen sei, hätten ihn viele gewarnt, schreibt Tenenbom. "Diese Leute sehen die Neonazis im Fernsehen und halten sie für Bestien." Was ihn an Frank aber am meisten verblüfft habe, sei, "dass es sich um einen wirklich liebenswürdigen Menschen handelt. Er singt auch gern: 'Wir haben Krematorien und in jedem steckt ein kleiner Jude'. Er lächelt, während er das singt", schreibt Tenenbom und folgert: "So wurde wahrscheinlich meine Familie in den Tod geschickt. Mit einem Lied und einem Lächeln auf den Lippen."

Tenenbom wird auf seiner Reise nur noch wenigen Judenhassern begegnen, die derartig offen auftreten wie im Club 88. Die Deutschen des Jahres 2010, die er kennenlernt, entsprechen eher dem Bild, das auch die Übertragungen von den Fanmeilen vermitteln: Sie legen Wert auf eine propere Optik, sind ziemlich bierselig und haben ein Faible dafür, in der Masse aufzugehen.

Israel-Kritik in Buchenwald

Ein Gutteil der Leute, die Tenenbom trifft, bedauert den Holocaust, äußert sich aber explizit israelkritisch. "Sie feiern die toten Juden", schreibt Tenenbom, "sind aber in ihrer Kritik an den lebenden Juden unbeirrbar." Nur die toten Juden sind die guten Juden.

Selten werden Vorwürfe gegen Israel so explizit geäußert wie in Köln, wo auf - ausgerechnet Klagemauer genannten - Protest-Stellwänden nahe dem Dom im Bezug auf Israel von "Massakern", "Landraub", "ethnischen Säuberungen" und "Staatsterror" die Rede ist. Immer wieder wird Tenenbom während seiner Reise, die ihn durch einen Großteil der Bundesländer und gesellschaftlichen Schichten führt, auf den israelisch-palästinensischen Konflikt angesprochen.

Sogar auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Buchenwald trifft Tenenbom einen Mitarbeiter, der frei heraus berichtet, im Jahr zuvor für die Bewohner des Gaza-Streifens demonstriert zu haben. Er ist Leiter der Abteilung Gedenkstättenpädagogik. Tenenbom ist fassungslos. "Die Geschichte von Israel und Gaza ist ziemlich kompliziert und vielschichtig", schreibt er und fährt in Bezug auf den Gaza-Streifen fort: "Nirgendwo auf der Welt leben so viele Menschen, die die Juden am liebsten ins Meer treiben würden." Warum, so Tenenbom, hat jemand, der an einer Erinnerungsstätte für die Opfer des NS-Systems arbeitet, nicht das Bedürfnis, ein klein wenig sensibler aufzutreten?

Diese Frage ist ein entscheidender Schlüssel zu Tenenboms Reportage. Deutschland mag sich nicht nur als Wahrer europäischer Haushaltsdisziplin verstehen, sondern auch als Hüter der Menschenrechte. Eine ehrenwerte Rolle, die allerdings auch die Gefahr von Selbstgerechtigkeit mit sich bringt. Selten zeigte sich das so deutlich wie im Fall von Günter Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss."

"Wie die Nazis"

Tuvia Tenenbom hat auf seiner Reise viele Deutsche getroffen, deren Haltung zu Israel an die von Günter Grass erinnert. Wie muss es den Nachfahren von Holocaust-Opfern vorkommen, von den Kindern und Enkeln der damaligen Täter über das Verhalten von Juden oder Israelis belehrt zu werden?

Israel steht wie wenige andere Länder im Zentrum kritischer Auslandsberichterstattung deutscher Medien. Ist diese Fokussierung antisemitisch? Nicht grundsätzlich. Aber es kann durchaus sein, dass sie speziell für die Nachfahren der ermordeten Juden einen ziemlich unguten Beigeschmack hat - genau das dürfte Tenenbom meinen, wenn er sich über die fehlende Sensibilität der Deutschen wundert.

Es ist eine auf den ersten Blick wenig spektakuläre Einschätzung des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, die Tenenbom am Ende seines Buchs zu einem Fazit verhilft. Völker neigten dazu, so Schmidt, stolz auf die positiven Ereignisse in ihrer Geschichte zu sein. Dies gelte auch für die Deutschen. Für den Holocaust aber würden sich die Deutschen schämen und sich an ihn erinnern, so lange, wie die Juden sich der babylonischen Gefangenschaft erinnerten.

Wie umgehen mit dieser Erinnerungslast? Tuvia Tenenbom schätzt: "Der Antisemitismus, dem ich in Deutschland begegnet bin, ist vermutlich eher unbewusster als bewusster Natur." Der schnellste und kindischste Weg aber, sich vom "Gewicht der Erinnerung an den Holocaust zu befreien", so meint er, bestehe für die Deutschen darin, "'den Juden' die Schuld zu geben. Sie sind die wahren Nazis, nicht Opa, und Oma schon gar nicht."

Folgt man Tenenbom in dieser Argumentation, ergäbe sich folgender Schluss: Wenn sogar die Israelis sich gegenüber den Palästinensern "wie die Nazis" verhalten, kann das, was in Deutschland nach 1933 passiert ist, offenbar in jedem Staat passieren - Deutschland wäre ein Land wie jedes andere auch.

Man kann auch Geschichtsrelativismus dazu sagen.

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