U-Bahn-Fotografie in Tokio Knautschzone des Kapitalismus

Dicht an dicht drängen sich täglich rund acht Millionen Menschen in die U-Bahnen von Tokio: Eine graue Masse von Angestellten, die sich sklavengleich zur Arbeit quälen. Der Fotograf Michael Wolf hat sie porträtiert - seine Bilder aus dem Reich der Pressmenschen erscheinen jetzt als Fotoband.

Von

Michael Wolf

Jeden Tag, jeden Morgen, jeden Abend, dieselbe Strecke, rein in die U-Bahn, raus aus der U-Bahn, arbeiten, und zurück. Jeden Tag dieselben Gesichter, Menschen mit demselben Weg, im selben Takt: eine graue Menge von Werktätigen. Das Gegenüber kann jeder sein und bleibt stets ein Niemand. Man spricht nicht miteinander, das wäre sowieso unmöglich, weil die meisten ihre Ohren mit Kopfhörern verstöpselt haben, und überhaupt wäre es ein abnormaler Akt: Wer fremde Menschen im öffentlichen Personennahverkehr anspricht, gilt als Sonderling. Wer sich hier verliebt, muss später eine Anzeige im Stadtmagazin aufgeben: "Dienstag, 8.32 Uhr, Du hast so nett gelächelt, hast Du mich gesehen?"

Wahrscheinlich nicht.

In der U-Bahn, an dem Ort, wo Individuen zur transportierten Masse werden, bleibt jeder für sich und auf Distanz. Soweit das möglich ist. Doch wo täglich acht Millionen Menschen die Metro benutzen, gibt es keine Privatsphäre: In der Untergrundbahn von Tokio ist Körperkontakt unvermeidlich. Mensch an Mensch presst sich in die überfüllten Züge, und wer nicht hineinpasst, wird vom eigens dafür vorgesehenen Personal, den Oshiya ("Drücker"), ins Abteil gequetscht. Als Mann erhebt man dabei besser die Arme und hält sie die Fahrt über gut sichtbar in die Höhe gereckt, sonst kann es passieren, als "Chikan" entlarvt zu werden, als Sittenstrolch, der in der Enge weibliche Fahrgäste betatscht. Als Frau kann man froh sein, einen Platz in einem der speziellen Frauen-Waggons zu ergattern.

Verkrampfte Finger und kondensierter Schweiß

Der Fotograf Michael Wolf hat für seinen neuen Fotoband "Tokyo Compression" das getan, was man in der Metro normalerweise niemals tut: Er hat genau hingesehen. Auf dem Bahnsteig, kurz vor der Abfahrt des Zuges, nachdem die Oshiya den letzten Gast ins Abteil gedrückt haben, hat er die Passagiere von Tokio porträtiert.

Ein ähnliches Projekt hatte schon der niederländische Fotograf Reinier Gerritsen verfolgt: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise besuchte er regelmäßig die New Yorker U-Bahn-Station "Wall Street" und fotografierte dort Fahrgäste. Gerritsens Fotos sind Suchbilder: Stets fragt man sich, wer hier ein Pleite-Banker sein könnte - und wer nur zufällig durchreist.

Wolfs Aufnahmen hingegen bilden den Alltag im Untergrund ab, ganz ohne Anlass und Newswert. Sie sind auch deshalb so eindrücklich, weil sie keine Distanz zu den Porträtierten erlauben, so, als sei der Betrachter selbst Fahrgast im japanischen Untergrund.

Was man auf Wolfs Bildern sieht, kommt einem nahe: An die Scheiben gepresste und dadurch entstellte Gesichter japanischer Angestellter. Verkrampfte Finger, die Halt an den vom kondensierten Schweiß befeuchteten Fenstern suchen. Menschen, die im Stehen schlafen, und dabei aussehen, als wären sie tot. Menschen, die direkt in die Kamera blicken, ohne sie wahrzunehmen, ohne irgendetwas wahrzunehmen. Menschen, ihrer Umwelt und ihrer selbst entfremdet, gezwungen, sich schon auf dem Arbeitsweg zu quälen, damit das Gehalt auch am Ende dieses Monats auf das Konto kommt. Moderne Sklaven.

Michael Wolf, Jahrgang 1954, Schüler Otto Steinerts, seit fünfzehn Jahren in Hongkong lebend, ist ein Spezialist für die urbane Alltagskultur. Für ein Bild aus der "Tokyo Compression"-Reihe hat er 2009 einen "World Press Photo Award" gewonnen. "Tokyo Subway Dream" zeigt eine junge Frau hinter einem verschmierten U-Bahn-Fenster, die Augen fest geschlossen, stumm leidend.

Irgendwer müsste kommen und sie mit einem Notfallhammer befreien, die Pressmenschen von Tokio.

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insgesamt 71 Beiträge
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zynik 29.11.2010
1. Starke Bilder
Zitat von sysopDicht an dicht*drängen sich täglich*rund acht Millionen Menschen in die U-Bahnen von Tokio: Eine graue Masse*von*Angestellten, die sich sklavengleich zur Arbeit quälen.*Der Fotograf Michael Wolf hat sie porträtiert -*seine*Bilder aus*dem Reich der Pressmenschen erscheinen jetzt als Fotoband. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,728642,00.html
"Viehtransport Humankapital" hätte ich als Titel passender gefunden. Die menschliche Duldsamkeit geht gerade in Japan bis zur kompletten Selbstaufgabe.
DK81, 29.11.2010
2. ist wohl überall so...
Zitat von sysopDicht an dicht*drängen sich täglich*rund acht Millionen Menschen in die U-Bahnen von Tokio: Eine graue Masse*von*Angestellten, die sich sklavengleich zur Arbeit quälen.*Der Fotograf Michael Wolf hat sie porträtiert -*seine*Bilder aus*dem Reich der Pressmenschen erscheinen jetzt als Fotoband. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,728642,00.html
Das ist hier in D morgens zwischen 7 und 9 Uhr in öffentlichen Verkehrsmitteln unserer Großstädte nicht anders...
Gibsonman 29.11.2010
3.
Zitat von sysopDicht an dicht*drängen sich täglich*rund acht Millionen Menschen in die U-Bahnen von Tokio: Eine graue Masse*von*Angestellten, die sich sklavengleich zur Arbeit quälen.*Der Fotograf Michael Wolf hat sie porträtiert -*seine*Bilder aus*dem Reich der Pressmenschen erscheinen jetzt als Fotoband. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,728642,00.html
Da stehe ich dann doch lieber mit dem Auto etwas im Stau :)
ryul 29.11.2010
4. Nun ja
Zitat von zynik"Viehtransport Humankapital" hätte ich als Titel passender gefunden. Die menschliche Duldsamkeit geht gerade in Japan bis zur kompletten Selbstaufgabe.
Oje, Sie scheinen ja Ahnung zu haben. Tokyo ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt, ca. 34 Mio. Menschen leben dort. Das es dann in den Metrozügen zu Engpässen kommt, ist ja wohl mehr als zu erwarten. Mir ist es zwar nicht passiert, dass ich dort eingeengt am Fenster klebte, aber es kommt sehr oft vor. In Japan ist Ihr "Humankapital" übrigens gefühlt 10x mehr dem Arbeitgeber wert als hier in Good Old Germany. Die Bezahlung ist oft sehr gut (sowas wie Mindestlohn ist dort kein Thema), selbst eine Verkäuferin im Supermarkt kommt dort gut über die Runden. Da bin ich gerne bereit ein bisschen Enge zu akzeptieren. Fliegen Sie dort einfach mal hin und überdenken Sie Ihren Satz bitte noch einmal neu.
exkeks 29.11.2010
5. Kug §22
Gibt es in Japan kein Recht am eigenen Bild, oder hat der Fotograf die abgelichteten Personen übers Tokyoter Stadtmagazin um ihre Einwilligung ersucht?
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