"Übersetzer der Welt": Polnischer Autor Kapuscinski gestorben

Er war ein Grenzgänger zwischen Journalismus, Literatur und Wissenschaft, ein Chronist der Dritten Welt und einer der großen Schriftsteller Polens. Nun ist Ryszard Kapuscinski im Alter von 74 Jahren gestorben.

Warschau - Ein "Anthropologe, der im Feld forscht", ein "Übersetzer der Welt" zu sein - das war selbst formulierte journalistische Anspruch von Kapuscinski, dessen Tod der polnische Nachrichtensender "TVN 24" heute vermeldete. Der am 4. März 1934 geborene Lehrersohn aus dem ostpolnischen Pinsk begann seine Laufbahn als Journalist schon in den frühen fünfziger Jahren.

"Übersetzer der Welt": Gestorbener Autor Kapuscinski
REUTERS

"Übersetzer der Welt": Gestorbener Autor Kapuscinski

Sein besonderes Interesse galt der Dritten Welt, die er als junger Reporter bei Reisen nach Indien, China und dann Afrika kennen gelernt hatte. Als erster und einziger Korrespondent der polnischen Nachrichtenagentur PAP durfte er schließlich dank persönlicher Protektion im Politbüro nach Afrika gehen und den Kontinent bereisen. Später zog es ihn nach Lateinamerika, dann kurz in die Sowjetunion, wo er sich abseits der Machtzentrale Moskau durch zahlreiche asiatische Republiken schlug. Immer wieder reiste er an Krisenherde in der Dritten Welt. Oft genug nahm Kapuscinski dabei das Risiko auf sich, in Todesgefahr zu geraten.

Seine Texte thematisierten das Verhältnis der Menschen zum Staat, "die Berührung von Mentalität und Politik", wie Kapuscinski es einmal formulierte. In seinen Werken verschwand die Grenze zwischen Reportage und Erzählung immer mehr, die Schilderung von Fakten ging fließend über in das subjektive Erleben. Immer wieder geriet er deswegen in Konflikt mit der offiziellen Informationspolitik Warschaus.

Als seit 1981 das Kriegsrecht in Polen die Tätigkeit des Journalisten zur Farce machte, widmete sich Kapuscinski der Literatur und der Fotografie. Weil er Genre-Grenzen zwanglos überschritt, bezeichnete er seine Bücher stets als "Texte". In 30 Sprachen sind seine Werke übersetzt.

In Deutschland wurde Kapuscinski 1984 mit der literarischen Reportage "König der Könige" bekannt, einem Porträt des einstigen Kaisers von Äthiopien, Haile Selassie. Auch weitere Bücher wie "Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren" wurden von deutschen Kritikern als Meisterwerke gefeiert. Kapuscinski war auch einmal für den Literatur-Nobel-Preis nominiert.

kai/dpa

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