Ukraine-Buch: Mit Lars von Trier auf den Wermut-Planeten

Von Hans-Jost Weyandt

Super-GAU, biblische Apokalypse und Lars von Triers "Melancholia": In "Planet Wermut" sucht Oksana Sabuschka nach der ukrainischen Identität. Dabei verknüpft sie Mythen und die Diskurs-geschulte Auseinandersetzung mit Film und Literatur. Das ist verblüffend - und manchmal bizarr.

Femen-Aktivistinnen in Kiew: Hemmungslos angriffslustig Zur Großansicht
AFP

Femen-Aktivistinnen in Kiew: Hemmungslos angriffslustig

Ein Mangel an Nachrichten aus Kiew, Lwiw oder Donezk ist derzeit nicht zu beklagen. Daran wird das EM-Aus des ukrainischen Teams vorerst nichts ändern. Wer nach der täglichen Fußball-Dosis, nach Timoschenko und Femen-Protest nun in Oksana Sabuschkos Essayband die Feststellung liest, die Ukraine sei ein "halb vergessenes Land", mag deshalb verblüfft sein. Vielleicht auch genervt von der Wiederbegegnung mit dem altbekannten Lamento über die westlichen Ignoranz. Oder einfach zu dem Kurzschluss kommen, das Buch sei nicht mehr auf der Höhe der Zeit - und ohnehin der gesamte Ukraine-Spuk schon bald nach dem Finale vorbei.

Allerdings ist Sasbuschkos Vergessensklage tief im Innern des groß angelegten Titelessays versteckt, sozusagen im dunklen Zentrum des "Planeten Wermut", und wer bis dorthin der Autorin gefolgt ist, dem erscheint die Formulierung weder überholt noch übertrieben larmoyant. Sondern im Gegenteil als Ausdruck einer Hoffnung, die Idee einer selbstständigen ukrainischen Kultur vor dem Vergessen zu bewahren.

Der Text, der dieses Vorhaben einlösen soll, ist ganz und gar außergewöhnlich. Hemmungslos angriffslustig und voller Angriffsflächen. Ironisch, pathetisch, tieftraurig und versiert mit den neuesten Diskurswerkzeugen hantierend. Zugleich unbekümmert in der heiklen Reaktivierung von nationalen Mythen und völkischen Klischees, ideologisch und skeptisch. Ein monströses Gebilde aus Gedanken und Assoziationsketten, die nur mit knapper Not von Sabuschkos verschachtelten Sätzen gebändigt werden können.

Reaktionäre Tradition

Die Ukrainer stellt Sabuschko sich vor als gleichsam auserwähltes Bauernvolk, das seit Menschengedenken im Einklang mit der Natur leben durfte. Als Stalin in den frühen Dreißigern in der Ukraine die Zwangskollektivierung durchführen ließ, machte er sich nicht nur des millionenfachen Hungertods der Kulaken schuldig, sondern - in Sabuschkos Lesart - zugleich des blasphemischen Akts, die Einheit von freiem Volk und fetter Erde vernichtet zu haben: für die Autorin die Urkatastrophe der Ukraine, die ein halbes Jahrhundert später ihr Echo fand im Super-GAU in Tschernobyl, dem negativen Fixpunkt im Schreiben der 1960 geborenen Autorin.

Wermut heißt auf Ukrainisch "Tschornobyl", wie der Unglücksort, den die Welt in der russischen Schreibweise mit dem Buchstaben e kennt. Wenige Wochen nach der Reaktorkatastrophe kursierte in Kiew bereits ein Wort aus der Offenbarung des Johannes, das der Kernschmelze eine apokalyptische Dimension verlieh: "Und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns heißt Wermut." Der Schauder, den die Sätze damals ausgelöst haben müssen, ist gut vorstellbar - weniger jedoch, wie die Prophezeiung von einer modernen Autorin in einem Essay so beim Wort genommen werden kann, ohne völlig ins Esoterische abzugleiten.

Sabuschko wählt die Form der indirekten, über Film und Literatur vermittelten Klage, die sich ihr eröffnet hat beim Anschauen von Lars von Triers radikaler Endzeitvision "Melancholia". Das ist geschickt: So kann Sabuschko ungehemmt das Trauma von Tschernobyl mit ideologisch hochaufgeladenen Bildern wie der bäurischen Scholle verknüpfen und vom Geistesadel des "Kultur-Ukrainers" als idealem Pendant des Bauern schwärmen. Und findet doch immer Halt in der kritischen Auseinandersetzung mit Tarkowski, Trier oder Gogol - und Schutz hinter der Maske der Klagenden, deren Rede sich ja geradezu auszeichnet durch tabubrechende Maßlosigkeit und hemmungslose Egozentrik.

Sabuschkos "Planet Wermut" stellt den Versuch dar, aus den kollektiven Leidenserfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht weniger als eine ungebärdige ukrainische Nationalmythologie zu schaffen, mit der es sich, so darf man vermuten, intellektuell gut leben lassen soll. Tschernobyl als Fluchtpunkt einer geistigen Heimat in der großen vaterländischen Erzählung einer feministischen Autorin: Das wirft ein vielfach gebrochenes Licht auf die geistigen Strömungen in einem jungen Staat, der noch auf der Suche ist nach festen Bezugsgrößen einer nationalen Identität.

Oksana Sabuschko gilt als eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Ukraine. Ihre Romane hat sie in einer Sprache geschrieben, die offiziell zwar 45 Millionen Menschen sprechen, die aber immer noch nicht ganz frei von dem Verdacht ist, eine Art russischer Dialekt zu sein. Russland ist für die Autorin noch immer eine Kolonialmacht, das ukrainische Volk sein Opfer.

Diese Haltung verrutscht spätestens dann zur Pose, wenn die eigene Verantwortung aus dem Blick verschwindet. Kein Wort findet Sabuschko für die Beteiligung von Ukrainern an den Gräueln des Zweiten Weltkriegs, die freudige Mitarbeit ukrainischer Genossen beim Aufbau der Sowjetunion - oder für die vielen Opfer des Reaktorunglücks im benachbarten Weißrussland. Und keines für die Russen, die in der Ukraine leben.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Super-GAU
dr_yu_su 22.06.2012
Wenn man Ihren Artikel liest, Herr Weyandt, denk man, die Ukrainer haben den zweiten Weltkrieg angefangen, die Sovietunion organisiert und alle gemeinsam gepustet, damit der Wind im April 1986 Richtung Weissrussland weht. Sind Sie nocht zu retten, Herr Weyandt? Einfach ekelhaft!
2. Keine Ahnung von ukrainischer Sprache und Geschichte (?)
j.e.r. 23.06.2012
Der Autor dieser Rezension scheint vor allem zeigen zu wollen, dass für ihn die Ukraine bis auf die Lektüre des Buchs von Sabuschko nicht ein „halb vergessenes“ sondern ein ignoriertes Land ist, dass er weder die ukrainische Geschichte noch Sprache kennt. Die Geschichte der Ukraine der letzten 800 Jahre ist vor allem durch Unterdrückung charakterisiert: nach den Tataren (so um das Jahr 1220), der polnisch-litauischen Besetzung, den kurzen militärischen Erfolgen der Kosaken, deren Verteidigungs-Allianzen mit Russland ab Mitte des 17. Jahrhunderts zu einer immer stärkeren Kontrolle, dann zu wirtschaftlicher, politischer und kultureller Kolonisierung führte. Die zaristische Kolonisierung wurde nach der Revolution dann mit einer kurzen Unterbrechung durch die russisch dominierte sowjetische abgelöst (nicht nur in der Ukraine; aber dies ist für die Betroffenen kaum ein Trost) Die Unterstellung, dass die ukrainische Sprache „nicht ganz frei von dem Verdacht sei, eine Art russischer Dialekt zu sein“ zeigt die totale Ignoranz in Sachen slawische Sprachen auf. Diese Aussage ist bestenfalls Propaganda von Interessengruppe im Rahmen einer dominierenden – wohl zutreffender imperialistischen – Sprachpolitik. Und auch 20 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes ist ein Grossteil Wirtschaft und Politik der Ukraine in den Händen von hauptsächlich russischsprachigen Gruppen, mit ähnlicher Verfilzung von effektiver politischer Macht und Oligarchengruppen wie in Russland.
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