50 Jahre Porsche 911 Die schönsten Kurven des Kapitalismus

Blecherner Held der Automobilgeschichte oder Ausdruck eines charakterlichen Totalschadens? Der Porsche 911 lässt auch nach 50 Jahren kaum jemanden kalt. Nun würdigt Ulf Poschardt den Klassiker - ein Autor, der fast so sehr polarisiert wie das Auto selbst.

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So, wie in der Bundesrepublik nach dem Nationalsozialismus die Vaterlandsliebe durch den Verfassungspatriotismus ersetzt wurde, verschwand auch der Begriff des "Helden". Bewunderungswürdig sind in der Republik der Technokraten (Angela Merkel hat das Technokratentum ja keineswegs erfunden) seitdem weniger Personen, sondern die Leistungen der deutschen Ingenieure.

Eines ihrer beständigsten Vorzeigeprodukte feiert nun sein 50. Jubiläum: der Porsche 911. Zumindest für seine Bewunderer kein schnödes Fortbewegungsmittel, sondern, wenn nicht blecherner Held, so doch zumindest das strahlende Heldengefährt der bundesdeutschen Automobilgeschichte.

Der Wagen der Erfolgreichen, dynamisch geformtes Kunstwerk, erfolgreicher Exportartikel - und dann auch noch eine stabile Wertanlage, wie der Journalist Ulf Poschardt in seinem jetzt erschienenen Geburtstags- und Würdigungsbuch "911" schreibt.

Doch was für den einen die schönsten Kurven des Kapitalismus sind, ist für den anderen - auch und wohl gerade deshalb - Auto gewordener Ausdruck einer charakterlichen Deformation. Natürlich fuhr der verachtenswerte Boulevardjournalist in Heinrich Bölls Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" einen Porsche 911.

Das war in den Siebzigern. Doch auch nach der Jahrtausendwende hat das Auto nichts von seinem mitunter zweifelhaften Nimbus eingebüßt. Was ist die platte Scheußlichkeit eines übergroßen SUV gegen die widersprüchlichen Reize eines 911ers? In der US-amerikanischen Fernsehserie "Californication" wird die Hauptfigur, der Meta-Womanizer Hank Moody, durch nichts so charakterisiert wie durch ihr Auto, einen Porsche 911. Bodo Kirchhoff aktualisierte 2009 mit dem Roman "Erinnerungen an meinen Porsche" Bölls literarische Zuspitzung des 911er-Fahrers als Unsympath - statt eines Boulevardschergen steht nun ein Investmentbanker im Mittelpunkt.

Besuch beim Psychiater

Ihre Fortschreibung in der Realität fand die These vom politisch dubiosen Porsche-Fahrer unter anderem im österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider, der sich gern im 911er zeigte. Auch eine Figur wie Herbert von Karajan, als einstiges NSDAP-Mitglied Symbol der Kontinuität von Nationalsozialismus und Bundesrepublik, nutzte den Wagen, um sich als dynamischer High-Society-Dirigent und Hochtempo-Neuerer des Klassikmarktes zu inszenieren. Andreas Baader, als RAF-Polit-Desperado wohl Gegner all dessen, wofür Karajan stand, fuhr bei seiner Flucht vor der Polizei einen Porsche 911 und sorgte so zumindest indirekt für eine kulturhistorische Verbindung der beiden sowohl benachbarten als auch bekanntesten Stuttgarter Stadtteile Stammheim und Zuffenhausen.

So unterschiedlich Karajan und Baader gewesen sein dürften, ein großes Ego hatten beide. Das wird Sportwagenfahrern gern unterstellt - wenn man denn nicht zu jenem Teil der küchenpsychologisch geschulten Autofahrerschaft gehört, die glaubt, dass schnelle Wagen der Kompensation besonders mickriger Egos dienten.

Der 911-Laudator Poschardt eröffnet sein Buch dementsprechend mit einem Besuch beim Psychiater. Eine liebenswert selbstironische Geste, verkörpert der Autor selbst doch für einen Teil der Öffentlichkeit das Klischee vom Sportwagenfahrer derart perfekt, dass er sich in Maybrit Illners Talkshow sogar schon ausdrücklich dagegen verwahren musste.

Gute Fahrt

Bekannt geworden als Chef von "SZ-Magazin" und der kurzlebigen deutschen Ausgabe von "Vanity Fair", ist Poschardt mittlerweile stellvertretender Chefredakteur der "Welt". Dort gibt er sich in seinen Texten mitunter so schneidig, wie sich Porsche-Verächter ihren Gegner nicht besser ausmalen könnten. Im Buch "911" verzichtet Poschardt auf die Stilmittel, die man aus manchen seiner an Battle-Raps erinnernden Polit-Feuilletons kennt, verfällt nicht in Verbal-Vollgas, Argumentationsdrängelei oder Rhetorik-Lichthupe, sondern lehnt sich, einen Gang herunterschaltend, zurück.

Das Buch "911" ist eine lässige und intelligente Chronik der Modellentwicklung von der Vorgeschichte des so genannten "Ur-Elfers", der 1963 auf der Frankfurter Automobilausstellung IAA vorgestellt wurde, über das als Epochenbruch empfundene Modell aus dem Jahr 1997, das nicht mehr mit Luft sondern mit Wasser gekühlt wurde, bis hin zur 2011 präsentierten, aktuellen Baureihe 991. Entlang der sieben Modellreihen des Autos erzählt Ulf Poschardt von Porsche-Fahrern wie Jerry Seinfeld, der Rolle des 911ers in Filmen wie dem Zeichentrick-Humbug "Cars" und dem vergessenen Berlinale-Dewinner "Der Start" und würdigt den Sportwagen als Inbegriff einer individualistischen Utopie.

Poschardt vermeidet die maskulin-hochtourige, motoröltriefende Metaphorik vieler Autobegeisterter. Er sieht im Porsche 911 ein Auto, das Geschlechterstereotypen überlegen ist, Frauen wie Männern, homo- wie heterosexuellen Lebensentwürfen gleichermaßen zu Gesicht steht. Sein Blick gilt dabei weniger dem Motorraum, der sich beim 911er bekanntlich im Heck befindet, und auch nur bedingt der Silhouette des Wagens, sondern schweift hinaus aus dem Autofenster: Quer durch die Kulturgeschichte.

Es ist eine gute Fahrt. Danach bleibt nur eines: Zu hoffen, dass draußen in der Garage tatsächlich ein 911er wartet.



insgesamt 22 Beiträge
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12badmonkeys 08.08.2013
1. Am schönsten...
Über Geschmack lässt sich streiten oder auch nicht. Unser Tipp: Der schönste von allen: Baujahr 1993, vielleicht auch noch im Turbo Look. Dunkelgrün, dunkelblau, dunkelgrau, schwarz.
friedjochs 08.08.2013
2. Kurven des Kapitalismus?
Warum muss ich da eher an diesen Artikel denken... http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fettleibigkeit-in-europa-deutsche-haben-in-moppel-liga-den-bauch-vorn-a-478167.html
Micael54 08.08.2013
3. So lässt sich das Neidproblem lösen...
Okay, das mit dem Neid bei der Porsche-Berichterstattung ist mit deutschen Journalisten nicht lösbar. Da muss es um „Nationalsozialismus”, das „strahlende Heldengefährt”, „Kurven des Kapitalismus”, die Zuspitzung des „911er-Fahrers als Unsympathen”, „Besuch beim Psychiater” und ähnlichen Unsinn gehen. Ja, sogar eine Verbindung zwischen Stammheim und Zuffenhausen wird hergestellt. Dabei ist der Neid leicht überwindbar: Man lässt einen amerikanischen Journalisten über Porsche schreiben und übersetzt seine Geschichte einfach auf Deutsch. Aber ich glaube, auch ein Kfz-Mechaniker würde mir über Porsche interessantere Geschichten erzählen als jeder deutsche Neidjournalist.
docinsantamonica 08.08.2013
4. Ausgezeichnete fahrzeuge
Wer je das vergbuegen hatte einen solchen zufahren/besitzen weiss was es mit dem wort fahrvergnuegen wirklich auf sicht hat ;) Ps nicht gleich besserwissen ,ich weiss ist vw slogan :)
widower+2 08.08.2013
5. Schön ist keiner!
Zitat von 12badmonkeysÜber Geschmack lässt sich streiten oder auch nicht. Unser Tipp: Der schönste von allen: Baujahr 1993, vielleicht auch noch im Turbo Look. Dunkelgrün, dunkelblau, dunkelgrau, schwarz.
Ich will jetzt aber über Geschmack streiten. Für mich hat Porsche noch kein einziges schönes Auto gebaut. Schön sind/waren der Bugatti Atlantic oder der Jaguar E-Type.
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