Kommunismus in Westdeutschland Klassenbeste im Klassenkampf

So wurden unsere Eltern radikalisiert: In ihrem Roman "Wir werden erwartet" erzählt Ulla Hahn von linker Selbstfindung in den Siebzigern. Anrührend, ironisch - und manchmal auch sehr selbstgefällig.

Demo im Mai 1968
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Demo im Mai 1968

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"Harter Tobak signalisierte: Gesellschaft verändern. Weiche Schwaden: Selbstbefreiung." So steht es auf den ersten Seiten von "Wir werden erwartet", Ulla Hahns umfangreichem Roman über den langen, gewundenen und unübersichtlichen Weg linksbewegter Selbstfindung im Westdeutschland der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren. Sag mir, was du rauchst, und ich sag dir, wo du politisch stehst, so wurden unsere Eltern radikalisiert.

Rauchzeichen geben hier eben noch die deutlichste Orientierung in einem politischen Spektrum, das immer mehr zersplittert und dessen unterschiedliche Gruppierungen sich immer rigider gegeneinander positionieren. Maoisten und Trotzkisten, Spontis und Anarchos, KPD, KPD/ML und DKP - der Überblick fällt schwer. Mittendrin in der linken Selbstermächtigung und Selbstzerfleischung: Hilla Palm, musisch begabtes Arbeiterkind, rheinische Frohnatur, "dat Kenk von nem Prolete", das während des Studiums in Köln und Hamburg die Proletarier aller Länder vereinen will, mit guter Laune und guten Taten, mit Gedichten und Infoständen.

Die kleine Hilla erkämpft das Menschenrecht: Die auf gut 600 Seiten ausgebreiteten K-Gruppen-Abenteuer der Ich-Erzählerin bilden den Abschluss eines gigantischen Entwicklungsromans. Schon in drei anderen Büchern beschrieb Ulla Hahn den Weg der Hilla Palm aus dem engen, katholisch geprägten Malochermilieu in die weite Welt des Wissens und der Kunst; zwei von ihnen wurden mit unterschiedlicher Qualität von der ARD adaptiert. Nun ist der Romanzyklus auf 2500 Seiten angewachsen.

Hilla ist Ulla

Der erste Palm-Band, "Das verborgene Wort", sorgte bei seiner Veröffentlichung 2001 für einen Eklat, weil er von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" verrissen wurde; die Schriftstellerin selbst legte anschließend in einem Fernsehinterview den Verdacht nahe, die Schmähung könnte eine späte Rache für eine abgewehrte Avance des Großkritikers gewesen sein. Bei Erscheinen dieses ersten Bands ließ Hahn noch offen, ob die Geschichte der Romanheldin ihre eigene sei; inzwischen erklärt sie freimütig, dass die Figur starke autobiografische Züge trägt. Hilla ist Ulla.

Ulla Hahn
Julia Braun

Ulla Hahn

Das ist nicht unbedeutend, schließlich geht es in dem neuen Buch auch darum, die Deutungshoheit über die eigene linke Geschichte zu erlangen. Und über die Fehler dieser eigenen linken Geschichte.

"Wir werden erwartet" ist auch ein Selbsterklärungsbuch; das macht es streckenweise etwas anstrengend. Wo Hahn am Anfang mit schöner Ironie die Brüche und Widersprüche im K-Gruppen-Chaos nachzeichnet, wo sie im ersten Drittel anrührend den Verlust ihres frühen Lebenspartners beschreibt, da neigt sie später bei der Beschreibung der eigenen Rolle während der politischen Sinnsuche, die sie in Hamburg zum Eintritt in die DKP führt, zur redundanten Selbstlegitimierung.

In Hamburg-Eppendorf versucht Hahns Heldin Hilla quasi Klassenbeste im Klassenkampf zu werden. Im Schatten des von den Nazis verfolgten Hamburger Kommunistenführers Ernst Thälmann kämpft sie mit DKP-Parteibuch für Arbeiterrechte. Die alten Genossen, die sich in den KZ von Hitlers Schergen die Knochen brechen ließen, aber niemals ihre Ideen verrieten, geben ihr Kraft; die jungen Kader in ihrer Moskau- und Ostberlin-Hörigkeit verachtet sie.

Wenn der Prolet literarisch zwangsbeglückt wird

Auch mit dem sogenannten Bitterfelder Weg, mit dem Arbeiter in der DDR nach dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel!" literarisch zwangsbeglückt werden sollen und den auch die Kommunisten in Hamburg gehen wollen, kann sie wenig anfangen. Als Proletarierkind ist man der Zwangsbeglückung durch Akademiker nun mal ein bisschen skeptischer gegenüber eingestellt. Zum 50. Geburtstag der Sowjetunion soll Hilla, die angehende Lyrikerin, Gedichte schreiben. Sie tut es, baut sogar ein paar Pointen in die Poeme. Es hilft nichts, das Arbeiterkind bleibt fremd in der Arbeiterpartei.

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Ulla Hahn:
Wir werden erwartet

DVA; 640 Seiten; 28,00 Euro

Als Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Kommunismus im Nachkriegswestdeutschland hat "Wir werden erwartet" starke Momente; etwa wenn Ulla Hahn die Zerrissenheit schildert, die sich bei ihrem Alter Ego einstellt, als ausgerechnet der von Hilla bewunderte Nazi-Widerständler und SPD-Kanzler Willy Brandt 1972 dem Radikalenerlass zustimmt, durch den DKP-Mitglieder ihre Anstellungen im öffentlichen Dienst verloren. Als Memoiren über die eigene linke Entwicklungsgeschichte hakt das Buch jedoch.

Auch deshalb, weil Hahn ihre sensible Hilla immer wieder über ihre unsensibleren Genossinnen erhebt. Das gibt der Geschichte trotz allersüßester Zerknirschung einen jovialen Grundton. Etwa wenn die 72-jährige Autorin ihre junge Heldin in hinreißender Zweiflerinnenpose Blaise Pascal zitieren lässt ("Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt"), während ihre gleichalten Genossinnen nur stumpf ihre Dogmen runterbeten.

Manchmal bekommt die ästhetische und kulturelle Überlegenheit der Hauptfigur sogar etwas Dekorhaftes, da wird die politische Haltung zum Möbel. Einmal heißt es: "Wo bei mir an der Wand neben dem Schreibtisch Plakate von Angela Davis, Rosa Luxemburg und Salvador Allende klebten, dazu ein Foto des Vaters, hingen bei Marga Marx, Engels und Lenin in feinen Holzrahmen jeder für sich."

Da klingen die Revolutionserinnerungen wie die Texte in einem Manufactum-Katalog. Aber wie sollen wir die einstige Radikalisierung unserer Eltern verstehen, wenn die Ideologie auf die Frage der Innenausstattung reduziert wird?

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