Querschnittslähmung nach Sturz Wenn man sich wie ein zersprungenes Gefäß fühlt

Der Mann der Schriftstellerin Ulrike Edschmid stürzte beim Renovieren von einer Leiter. Diagnose: Querschnittslähmung. Über seine buchstäbliche Wiederauferstehung hat sie einen beeindruckenden Roman geschrieben.

Leiter in Wohnung
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Leiter in Wohnung


Solche Sachen passieren doch eigentlich immer den anderen. Freunden, entfernten Bekannten, die man hinterher aufrichtig dafür bewundert, wie toll sie ihr Schicksal doch gemeistert haben, wenn sie dann eines Tages vor einem im Rollstuhl sitzen - und trotzdem lächeln können.

Bis das Schicksal unversehens im eigenen Leben zuschlägt und wütet und man selbst nichts mehr hasst als diese Bewunderung. Weil darin vor allem Mitleid steckt, das keinen Schritt weiter hilft, sondern bloß immer neu quälend vor Augen führt, was alles nicht mehr möglich ist, seit man damals von der Leiter oder die Treppe runterfiel - und die Diagnose "Querschnittslähmung" lautete. Eine solche Geschichte erzählt die Berliner Schriftstellerin Ulrike Edschmid in ihrem neuen Buch "Ein Mann, der fällt" .

Edschmids dritter Roman entrollt die Erzählung eines Mannes, der beim Renovieren einer Berliner Altbauwohnung, in welche er in Kürze mit der Frau, die er liebt, einzuziehen gedenkt, von der Leiter stürzt - und anschließend querschnittsgelähmt ist. Wer aber erwartet, im Folgenden eine gefühlige Aufarbeitung der folgenschweren Ereignisse aufgetischt zu bekommen, wird eines Besseren belehrt. Denn die 1940 in Berlin geborene und in der nordhessischen Rhön aufgewachsene Autorin ist offenbar immun gegen jede Art von Sentimentalität. Obgleich es sich bei dem Mann, der 1986 fiel, um ihren eigenen handelt, mit dem sie bis heute zusammenlebt - und die Erinnerungen an den damals erlittenen Schicksalsschlag teilt.

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Ulrike Edschmid:
Ein Mann, der fällt

Suhrkamp; 187 Seiten; 20 Euro

"Sein erster Gedanke ist Querschnittslähmung" heißt es im Buch, nachdem der Gestürzte wieder zu sich kommt. "Er fühlt sich wie ein zersprungenes Gefäß. Und doch hat er die Vorstellung, sagt er, dass die Scherben aus einem vorausgegangenen Ganzen wiederzufinden sind und zusammengesetzt werden können."

Und genau dieses scheinbar unendlich langsame, qualvolle, mühselige und oft verzweifelte Suchen, Wiederfinden und Neu-Zusammensetzen des "vorausgegangenen Ganzen" beschreibt Ulrike Edschmid in ihrer literarischen Rekonstruktion der damaligen Ereignisse. Sie tut es mit dem Präzisionsblick der Unfallchirurgin, die scheinbar nichts schrecken kann. Und verfasst in einem Stil, bei dem die Klarheit kunstvoll die Dunkelheit verdeckt.

Das verleiht ihren Schilderungen einerseits etwas Nüchternes. Es erzeugt in seiner lakonischen, beinahe berichtartigen Sachlichkeit zugleich aber einen geradezu süchtig machenden Sog, der offenbart, welch suggestive Kraft in einer Betroffenheit liegen kann, die sich schonungslos artikuliert, ohne auf bloße Zustimmung aus zu sein.

Mobilmachung gegen die eigenen physischen Begrenzungen

Langsam und tastend hebt ihre Geschichte an, als bestünde die Gefahr, den achtsam Beschriebenen mit allzu zupackenden Schilderungen nochmals zu verletzen. Sie liefert eine Chronik seiner ersten Schritte, einer kühnen Lebenswiederaneignung. Und plötzlich erleben wir, was geschieht, wenn eine Schriftstellerin ganz bei ihrer Figur ist - und jede ihrer körper-tektonischen Regungen geradezu seismographisch zu registrieren und mit Worten festzuhalten vermag: die Transformation von gelebtem Leben in ein beeindruckendes Stück Literatur.

Autorin Edschmid
Sebastian Edschmid

Autorin Edschmid

"Er hat Bilder vor Augen, doch seine Beine erinnern sich nicht mehr an die Schritte vor dem Fall, auch nicht an die letzten, die Treppe hinauf, durch die Wohnung und dann die Leiter hoch. Sein Körper weiß nicht mehr, wie man das macht. Er hat es vergessen."

Doch nach und nach beginnt der Körper des Gefallenen sich "zu erinnern". Und wir werden Zeuge seiner Mobilmachung gegen die eigenen physischen Begrenzungen: Der Mann, der gefallen ist, steht gegen alle medizinischen Prognosen langsam wieder auf.

Dann aber, kurz bevor Ulrike Edschmid das Buch 2015 beenden kann, greift das Schicksal auch nach ihr: eine rätselhafte Autoimmunerkrankung beginnt, ihre beiden Nieren zu zerstören. Statt, wie geplant, an ihrem Charlottenburger Schreibtisch zu sitzen, bringt man sie ins Krankenhaus.

Es beginnt für sie eine von Schmerzen und Chemotherapien bestimmte Phase, die ihr Buch zunächst erneut in weite Ferne zu rücken scheint. Trotzdem will sie es nicht loslassen. Und so schreibt sie unter Schmerzen dessen Schluss, ringt verbissen um jeden einzelnen Satz.

Doch das Resultat ist geradezu betörend licht. Denn nach und nach weitet sich die Perspektive der Erzählerin - um sich dem Charlottenburger Alltag mit seinen immerzu produzierten Geschichten zuzuwenden. So wandelt sich "Der Mann, der fällt" am Ende zu einem veritablen Berlin-Roman. Der Blick aus dem Fenster wird zum Blick in die Welt - verdichtet zu einem gestochen scharfen Wimmelbild Berliner Verhältnisse vor, während und kurz nach dem Mauerfall.

In ihrem 2013 erschienenen Roman "Das Verschwinden des Philip S." erzählte Ulrike Edschmid die Geschichte ihres Schweizer Freundes Werner Sauber, den sie 1967 in Berlin kennen und lieben lernte, der als Mitglied der "Bewegung 2. Juni" in den Untergrund ging - und 1975 im Kugelhagel der Kölner Polizei für seine Überzeugungen starb. Mit dem Buch gelang Ulrike Edschmid nach Romanen wie "Nach dem Gewitter" und "Die Liebhaber meiner Mutter" seinerzeit ein vielbeachteter Erfolg. Auch das die Geschichte eines Mannes, der fällt.

Doch im Gegensatz zu Philip S., der mit gerademal 28 stirbt, geht das Leben von Ulrike Edschmids Mann nach der Katastrophe weiter. Wenn auch mit dauerhaft veränderter Geschwindigkeit. Und unter Schmerzen. Ihr Buch macht sie in jeder Zeile fühlbar. "Langsam zwingt er seine angsterfüllten Beine durch die Menge, die ihm im Weg steht. Er schaut nicht auf, nur auf seine Füße, aufs Äußerste konzentriert."

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peterweingartz 12.04.2017
1. Werner Sauber
wurde am 9. Mai 1975 von der Polizei in Köln erschossen. Zur Wahrheit gehört: dies geschah nachdem er bei einer Polizeikontrolle das Feuer eröffnet und den jugendlichen Polizisten Walter Pauli erschossen hat. Welche Motivation hat den Autor dieses Artikels veranlasst, diese Wahrheit dem Leser vorzuenthalten?
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