Zum Tod Umberto Ecos Der realistische Utopist

Mit Umberto Eco hat Italien seine wichtigste moralische und streitlustige Instanz verloren. Er war ein Literat, der sich immer wieder ins politische Getümmel stürzte - gegen Berlusconi, die Kirche, die Roten Brigaden, die sozialen Medien.

Umberto Eco (1997): "Auf wundersame Weise vom Glauben geheilt"
Corbis

Umberto Eco (1997): "Auf wundersame Weise vom Glauben geheilt"


"Wir haben verloren", sagte Umberto Eco im SPIEGEL, damals im Sommer 2001. Er hatte die Parlamentswahlen zum "moralischen Referendum" gegen Silvio Berlusconi ausgerufen. Doch der Medientycoon und Multimilliardär gewann - und durfte zum zweiten Mal die Macht in Rom übernehmen.

Aber Eco gab nicht auf.

Er schrieb weiter, wie schon zuvor, jahrzehntelang, kritische Aufsätze über die Politik, "die nur die Reichen begünstigt"; er versteckte ironische Agitprop-Botschaften in seinen Büchern. Immer wieder gegen Berlusconi oder solche wie Berlusconi, also viele andere in vielen anderen Ländern.

Eco war zeit seines Lebens ein politisches, politisierendes Wesen. Ein Utopist, wie viele seiner Romanfiguren. Ohne Utopie, sagt Eco, kann die Menschheit nicht auskommen. Freilich ist die Utopie, da ist er sicher, nur so lange attraktiv, wie sie nicht verwirklicht wird. "Als Lenin die Marx'sche Utopie realisieren wollte, wurde es furchtbar." Die Utopie, sagt Eco, "ist kein fixes Ziel, sondern immer ein Horizont in Bewegung".

"Auf wundersame Weise vom Glauben geheilt"

Er hat gelesen und geschrieben, wie ein Besessener, sich verschanzt und versteckt - und sich doch immer wieder ins politische Getümmel geworfen. Eco war der ernsthafteste und deshalb wichtigste Kritiker der politischen Vorgänge in Italien und weit darüber hinaus. Er war eine moralische, aber streitlustige Instanz.

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Umberto Eco: 1932 bis 2016
Angefangen hat er mit der Kirche. Während der Arbeit an seiner Dissertation über den heiligen Thomas von Aquin habe er aufgehört, so erzählte er, an Gott zu glauben. Er trat aus der katholischen Kirche aus und spottete: "Man kann sagen, dass er, Thomas von Aquin, mich auf wundersame Weise vom Glauben geheilt hat."

Nach der Kirche kamen so ziemlich alle politischen Kräfte irgendwann einmal an die Reihe. Die Roten Brigaden, die Italien mit Bomben und Attentaten besser machen wollten. Aber auch die Justiz, die mit dem "roten Spuk" aufräumen wollte.

Wider die "Ideologie des Spektakels"

Er nahm sich auch die "Ideologie des Spektakels" vor, die ihren Anfang in den USA nahm und später überall in der Welt seriöse politische Auseinandersetzungen verdrängte. Schon 1960 mit der Wahl von John F. Kennedy zum amerikanischen Präsidenten habe das angefangen, dass "der besser aussehende, telegenere Kandidat" die Wahlen gewinnt. Und seitdem konkurrierten dort regelmäßig "zwei Parteien, die beide von Wirtschaftskräften kontrolliert werden, um die Wähler".

Und die Wähler entscheiden sich dann meist nach dem medialen Erscheinungsbild der Kandidaten. Die repräsentative Demokratie drohe sich in der Ära der Globalisierung auch in Europa auf diese Weise auszuhöhlen - "und Berlusconi ist wohl nur eine Art Avantgarde".

Aber auch die Gegner Berlusconis konnten nicht mit Gnade rechnen. Die Ausbreitung der sozialen Medien im Internet kommentierte Eco: "Sie erteilen Legionen von Dummköpfen das Wort."

Vor dem Aufflammen neuer Religionskriege in einer intoleranten Welt warnte Eco schon 2001 in weiser, aber machtloser Voraussicht. Das "leidenschaftliche Festhalten an vereinfachenden Gegensätzen, wie etwa wir und die anderen, Gut und Böse, Weiß und Schwarz" seien immer deren Wurzeln gewesen.

Sich von den schädlichen Vereinfachungen "zu befreien", wie er hoffte, ist nach den Anschlägen im September 2001 freilich nicht gelungen - wie man in vielen Teilen der Welt sehen muss. Heute klingen seine Appelle von damals erschreckend weltfremd, was gewiss nicht an Eco, sondern an den Zeitläuften liegt: "Wir begreifen uns als pluralistische Gemeinschaft, weil wir es zulassen, dass bei uns Moscheen gebaut werden, und wir nicht darauf verzichten können, nur weil sie in Kabul die christlichen Propagandisten ins Gefängnis werfen. Wenn wir es doch täten, würden auch wir zu Taliban werden."

Wer sagt jetzt, nach dem Tode Ecos, noch solche Sätze?

Im Video - Zur Bedeutung Umberto Ecos:



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insgesamt 10 Beiträge
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karin.italienfan 20.02.2016
1. Ein großartiger Schriftsteller
hat sich von dieser Welt verabschiedet. Bei uns ist er vielen wahrscheinlich nur durch den Film "Der Name der Rose" bekannt. Aber er hat auch spannende und humorvolle Bücher geschrieben, wie "Das Foucaultsche Pendel" oder "Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge".
seamanslife 20.02.2016
2. der Ideologie des Spektakels erlegen sind nicht nur die Italiener!
Eco und andere Intelektuelle/Künstler haben sich für die Wahl von S.Berlusconi den Verehrer des Duce in Grund und Boden geschämt. Auch andere Völker sind solchem Spektakel erlegen gewesen welches in einem grandiosen Leichenzug rund um die Welt geendet hat. Es ist nur schade das keiner erkannt hat das wir uns vor unserer Haustür unser eigenes "Vietnam" schaffen werden. Gegen dieses Debakel geht keiner in Europa auf die Straße. Nur gegen die Flüchlinge die durch das Versagen der Politiker (von uns gewählt) hierher fliehen gehen Menschen in Europa auf die Straße.
patsche2712 20.02.2016
3. Einer...
...der wortgewandtesten und fantasievollsten Schriftsteller unserer Zeit ist gegangen. Ich weiss nicht, wie oft ich Baudolino und Der Name der Rose gelesen habe, Romane, die mich mein halbes Leben lang begleitet haben. Ich hätte Eco zu Lebzeiten den Literaturnobelpreis gegönnt.
corvo_l 20.02.2016
4.
In aller Anonymität sage ich an dieser Stelle pathos-beladen: Die wichtigste Person in meinem Leben, die ich niemals kennengelernt habe. Er hat mir als Teenager intellektuelles Denken beigebracht und den Spaß an Zusammenhängen, seien sie echt oder fiktiv. Ich glaube ich habe noch nie wegen einer Person die ich nicht persönlich kannte geweint. Er ist jede Träne drei Mal wert.
stiip 20.02.2016
5. Da oben.
Wenn es den Himmel gibt, an den er nicht glaubte, wird er wohl schon seit Stunden mit Thomas, Anselm, William und Petrus Abaelardus wortgewaltige Diskussionen führen. Da wünscht man sich fast, es gäbe ihn.
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