Erinnerung an Umberto Eco "Er sprach wie ein Buch"

Ein Mann wie ein Lexikon: Umberto Eco wusste beinahe alles. Erinnerung an eine Begegnung in seiner Mailänder Wohnung.

Von Volker Weidermann

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Er liebte Comics und antike Büsten und die "Kritik der reinen Vernunft" von Immanuel Kant. Sein Exemplar hatte er so oft gelesen, dass die immer neuen Spuren der immer neuen Lektüre, immer neue Unterstreichungen und Anmerkungen einander überlagerten, und bei jeder neuen Lektüre las er ein neues Buch, in dem sich der Original-Text mit all den Ideen des lesenden Ecos der Jahre seines Lebens vermischte.

Am Ende war es ganz und gar zerfallen, und Umberto Eco klagte über das erbärmliche Papier, aus dem seit vielen Jahren unsere Bücher hergestellt werden. Vor langer Zeit, vor Erfindung des E-Books, wünschte er sich einmal Bücher aus Plastik. Schonen die Bäume, halten ewig. Stattdessen bekamen wir Bücher aus Strom.

Doch E-Books waren nichts für ihn, den Buchbewohner Umberto Eco. Vor einigen Jahren schrieb er mal einen Text aus der Perspektive eines E-Books. Das E-Book fand sich selbst ungeheuer interessant und war begeistert von all den Geschichten und Menschen und Weltmöglichkeiten, die sich in ihm auftaten. Es war nur irgendwann alles ein bisschen viel, sein Benutzer war ein unruhiger, moderner Mensch, der mal dies, mal jenes las, nichts wirklich wichtig fand, nichts anstrich: "Ich weiß nicht, ob ich noch lange durchhalten werde", schrieb Eco als E-Book: "Ich bin ein fahriges, unzusammenhängendes Buch, viele Leben und viele Seelen zu haben ist wie kein Leben und keine Seele zu haben, und außerdem muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr in einen Text verliebe, denn am nächsten Tag könnte mich mein Benutzer löschen."

Ein Ich, das sich davor fürchtet, sich zu sehr in einen Text zu verlieben, das ist dann doch etwas mehr Eco als E-Book. Das ist er, der Comic-Gelehrte, der seine umfassende Bildung, wenn er wollte, auf so populäre Weise aufschreiben konnte, dass die ganze Welt ihn las, wie in "Der Name der Rose", und der dann einfach, nachdem er dies also locker bewiesen hatte, der Welt zeigte, dass er all das Triviale, Populäre, Eingängige auch einfach weglassen konnte, um mit dem "Foucaultschen Pendel" die Leser der Leichtigkeit vor den Kopf zu stoßen und sie in dem Gewirr der Rätsel einfach alleinzulassen.

Isoliert in der Gelehrtenwelt

Er selbst war gern allein, in seinen Büchern, allein beim Schreiben, in einer abgeschlossenen Welt. Als ich ihn einmal in seiner Wohnung in Mailand besuchte, das war vor zwölf Jahren, in Deutschland war gerade sein Sachbuch über die Schönheit und sein Roman "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" erschienen, da traf ich einen Menschen, der in einem weißen Sessel unter einer weißen Adonis-Büste saß und seine Welt regierte. Am Rand des Raums lagen die Comicbücher seiner Jugend in Glasvitrinen.

Eine dunkelhäutige Bedienstete mit weißer Haube und Spitzenschürze servierte auf Zuruf "Cafétino" und Eco beklagte den Niedergang der Schönheit und des Schönheitsideals in der Welt. Ich war vor dem Besuch bei ihm die Via Dante auf- und abgelaufen und war von der Schönheit der Häuser, der Menschen, der Frauen dort draußen noch ganz ergriffen und widersprach nun also entsetzt und entschieden: Die Schönheit sei doch da, und sie sei groß, er müsse doch nur mal auf die Straße gehen. "Sie kommen mir mit der Straße!", rief er empört über dieses lächerliche Missverständnis und hob seine schwere Hand, in der eine glühende Philipp Morris Light steckte. "Ich aber schreibe über Kultur! Über Schönheitsideale. Und da muss ich Ihnen sagen, ein Forscher der Zukunft wird das Ideal unserer Tage nicht erkennen können. Was Sie da auf der Straße sehen, spielt für einen Kulturforscher gar keine Rolle."

Der Besuch bei ihm war wie der Besuch in einem Museum. Eine hermetische Gelehrtenwelt, scheinbar ohne Bezug zu all dem, das draußen leuchtete. Es war kalt und prachtvoll, und Eco selbst sprach wie ein Buch. Später gingen wir die Bücherreihen in seiner Bibliothek entlang, 30.000 Bände hatte er allein hier, in seiner Stadtwohnung. Insgesamt habe er 50.000 Bücher. Schon damals, vor zwölf Jahren, wollte er gerne weniger Bücher haben. Er organisierte regelmäßig Bücherverschenkungsaktionen für Studenten, die er "Take a book and run" nannte.

Stets bestens informiert

Nun, da er gestorben ist, steht in fast allen Nachrufen über ihn, er sei ein Universalgelehrter gewesen, ein Enzyklopädist wie Diderot. Er redete tatsächlich wie ein Lexikon und war bestens informiert, egal worauf man ihn ansprach. Als ich ihn nach seinen Wissenslücken fragte, zögerte er kurz und sagte dann: Mathematik. Und fügte sogleich hinzu, so ganz schwach sei er da auch nicht. Immerhin habe er kürzlich für den "L'Espresso" eine Rezension über ein Buch über Primzahlen veröffentlicht und zahlreiche Mathematikprofessoren hätten ihn dafür gelobt, aber abgesehen davon - doch, ja, es sei eine echte Schwäche.

Und dann noch Musik, das müsse er zugeben. Zwar spiele er zahlreiche Instrumente, aber theoretisch sei er da etwas schwach. Und als ich ihn später fragte, was er von dem damals extrem erfolgreichen Roman "Sakrileg" von Dan Brown halte, sagte Eco mit wegwerfender Geste, er kenne das Buch nicht; er kenne aber jede der darin beschriebenen Theorien. "Geben Sie mir fünfzig Euro, und ich schreibe Ihnen dieses Buch. Und zwar besser als Dan Brown."

Umberto Eco wusste beinahe alles, und er sprach gern darüber. Er kam gar nicht auf die Idee, dass so eine lässige Angeberei auf einen plötzlichen Besucher aus der Welt da draußen verstörend wirken könnte. Oder vielleicht kam er darauf, aber es war ihm egal.

Wie werden wir ihn in Erinnerung behalten, den großen Schriftsteller und Weltgelehrten Umberto Eco, der am Freitag gestorben ist? Ein bisschen natürlich wird er immer das Gesicht von Sean Connery tragen, der in der Verfilmung von "Der Name der Rose" Ecos Alter Ego William von Baskerville spielte und der, als er in die Klosterwelt einritt, um die geheimnisvollen Morde aufzuklären, bei der Untersuchung der ersten Leiche sagte: "Merkwürdig, seine Zunge ist schwarz." Es wird danach noch eine Weile dauern, bis er erkennt, dass ein giftiges Buch die Mordwaffe war.

Damals, in seiner Wohnung mit dem Adonis und den Comics hinter Glas, meinte Umberto Eco, am liebsten seien ihm die Bücher, an denen er am längsten geschrieben habe, wie "Das Foucaultsche Pendel", an dem er acht Jahre schrieb. "In diesen Jahren habe ich mein privates Leben, und niemand weiß, in welcher Welt ich lebe." Die Welt der Bücher. Seine Welt. Es schien, als sei sein Traum, sich selbst, sein Leben, in ein Buch zu verwandeln.

Jetzt ist er fort. Sein Wissen, seine Geschichten und seine Anstreichungen in der Weltliteratur hat er uns da gelassen. In seinen Büchern. Auf Papier.

Im Video - Zur Bedeutung Umberto Ecos:

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insgesamt 10 Beiträge
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michaelvermont 21.02.2016
1. Gewirr der Rätsel
Lieber Herr Weidermann, das stimmt nicht, dass der Leser im "Pendel" mit den Rätseln alleingelassen wird, lesen Sie bitte noch mal nach, und zwar den Dialog, der beginnt mit: "Es rettete mich Lia, jedenfalls für den Moment" (bei mir ist das Seite 422). Dort stehen die größten Wahrheiten, die auf dieser Welt erhältlich sind (und eine gute Versicherung gegen jegliche Verschwörungstheorien).
kunnukun 21.02.2016
2. 'Genie' in welcher Hinsicht?
Das Wort "Genie" nervt. Er hat Beiträge zur Semiotik geliefert und Romane geschrieben. Der Ruhm, den ihm die Romane einbrachten, sollte nun keinen Einfluss auf die Einschätzung seiner Beiträge zur Wissenschaft haben.
einEi 21.02.2016
3. Unendlich dichte lexikalische Fülle
Wären seine Romane nicht so voll von erzählerischen Ballaststoffen, so unendlich dicht gefüllt mit gelehrten Aufzählungen, wäre er auch ein großer Schriftsteller und nicht nur ein großer Intellektueller gewesen. Bei der Lektüre seiner beiden längsten Romane habe ich vor allem über eines gestaunt: Die Gelehrtheit und Intelligenz des Autors. Nun ist Intelligenz sicher nicht schädlich, wenn man einen Roman schreibt; der dumme Dichter interessiert mich nicht. Aber das war mir alles immer zu etüdenhaft, die Romane ein endlos geflochtener Teppich eines Hochbegabten.
barbierossa 21.02.2016
4. Es gibt einen Erben
Mir war das Foucaultsche Pendel immer der Liebste von Ecos Romanen. Verlassen fühlte ich mich nicht in ihm, und allein die Eingangsszene hat sich mir wie ein Film-Still in die Erinnerung gebrannt. Bei aller Trauer um diesen großartigen Schriftsteller sollten wir nicht vergessen, dass es eine Art Erben gibt: Neal Stephenson, der genauso wie Eco nicht viel darauf gibt, ob seine Romane leicht konsumierbar und verstehbar seien, und der seinen Lesern ebensoviel Bildung und Tiefgang zumutet. Den großen Europa-Roman, den ich mir immer von Eco gewünscht hätte, seit ich "Der Name der Rose" gelesen hatte, hat Stephenson mit seinem Barock-Zyklus schon abgeliefert. Als ich "Quicksilver" las, dachte ich: Hey, das ist ja genau das, was ich mir von der "Insel des vorherigen Tages" erhofft hatte! Weiß jemand hier, ob Eco und Stephenson miteinander in näherem Kontakt standen und womöglich sogar gemeinsame Projekte planten?
Pogomeister 21.02.2016
5. Spoiler
Muss das wirklich sein? Dieser Nachruf hätte auch bestens funktioniert, ohne einen Spoiler aus Der Name der Rose einzubauen. Ich bin sehr traurig darüber, habe ich dieses Buch doch seit Jahren auf meiner Legenda-Liste, aber bislang nicht die rechte Zeit dafür gefunden. Und ich kann mir vorstellen dass es viele Personen gibt, die sich durch die aktuelle Berichterstattung erstmals für das Werk Ecos interessieren werden. Dann einen Spoiler hier zu lesen, wo mensch nicht damit rechnet, ist schon fies. Ich würde micht freuen, wenn dieser entweder entfernt würde oder der Artikel mit einer entsprechenden Warnung versehen würde.
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