Umstrittener Jugendroman: Verführung zum Nihilismus

Von Claudia Voigt

"Nichts" heißt der Roman, sein Stoff ist finster: Ein Junge klettert auf einen Baum und bleibt dort sitzen, weil er im Leben keinen Sinn mehr sieht. Das Jugendbuch der Dänin Janne Teller ist ein Bestseller - und sorgt für heftige Kontroversen: Darf man junge Leser zu radikaler Skepsis verführen?

Zelda, fast 13 Jahre alt: Dieses Buch ist anders als andere Bücher. So düster.

Johannes, 14 Jahre: Ich habe mir nachher schon Gedanken gemacht über das Buch.

In die Wohnung von Janne Teller in Kopenhagen scheint die helle, nördliche Juni-Sonne und beleuchtet alles überdeutlich. Einige Antiquitäten, einige Kunstwerke aus Afrika, viele Bücher, alles mit Bedacht ausgewählt. Und alles sehr, sehr ordentlich. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass hier keine Kinder leben. Janne Teller, 46, eine große, dünne Frau, bringt ein Tablett mit Espresso und Wasser, Mandeln und Trauben.

Früher arbeitete sie für die Uno und lebte lange in Tansania, später auch in Mosambik. Jahre, in denen sie die grauenhaften Folgen eines Bürgerkriegs erlebte, aber auch die Hoffnung, die wirtschaftlicher Aufbau und Demokratie stiften können. Heute pendelt sie zwischen Kopenhagen und New York. Bald wird sie ganz nach New York ziehen. Sie mag die Stadt dafür, dass dort niemand Ausländer ist.

An diesem warmen Juni-Tag ist Janne Teller von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Und irgendwie ist es verwunderlich, dass diese Frau ein Jugendbuch geschrieben hat. Ein sehr kompromissloses Jugendbuch allerdings, und das passt dann doch wieder. Schon der Titel ist eine Provokation. "Nichts" heißt der Roman.

Nach vielen Jahren und verschiedenen Aufgaben bei den Vereinten Nationen war Tellers Wunsch, als Schriftstellerin zu arbeiten, so groß geworden, dass sie kündigte und ihren ersten Roman "Odins Insel" veröffentlichte. Mitte der neunziger Jahre war das. Ein Verleger rief sie an, fragte, ob sie nicht auch mal ein Kinderbuch schreiben wolle. Sie wusste nicht recht. Als sie aber kurz darauf mit ihrem Fahrrad durch Kopenhagen radelte, waren in ihrem Kopf plötzlich folgende Sätze: "Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden." Und dazu hatte sie die Figur eines Jungen im Kopf, der sich weigert, so weiterzumachen wie bisher.

Zelda: Der Junge ist eigentlich gegen alles, er lehnt alles ab, aber er ist auch ein Philosoph.

Johannes: Im echten Leben wäre das so nicht vorstellbar, aber es ist richtig interessant, davon zu lesen.

Pierre Anthon heißt der Junge. Teller hat ihm diesen ausgefallenen Namen gegeben, damit kein Kind, das dieses Buch liest, vielleicht denselben Namen hat und sich zu sehr mit dem Charakter identifiziert. Damals dachte sie allerdings nur an eine Veröffentlichung in Dänemark. Nicht an Übersetzungen in 13 Sprachen.

Kurz nach den großen Ferien beschließt Pierre Anthon, seine Klasse zu verlassen, weil ihm eben nichts etwas bedeutet. Er wird nie wieder in den Unterricht zurückkehren. Stattdessen sitzt er tagelang auf einem Pflaumenbaum in der Nähe der Schule und provoziert seine Kameraden mit Sprüchen: "In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist das mit allem." Oder er ruft ihnen nach: "Das Ganze ist nichts weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob - und eben genau dabei der Beste zu sein." Und dazu wirft er mit reifen Pflaumen.

Die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse können nicht einfach weitermachen wie bisher. Zu sehr hängen ihnen die Sprüche von Pierre Anthon an. Sie beschließen, ihm zu beweisen, dass es doch Dinge gibt, die einem etwas bedeuten. Den Anfang soll Agnes machen, die Erzählerin der Geschichte. Sie soll ihre grünen Sandalen hergeben, die ihre Mutter nach einem Sommer voller Bitten und Betteln schließlich im Schlussverkauf für sie erstanden hatte. Und Agnes soll diese Sandalen im alten Sägewerk auf einen "Berg der Bedeutung" legen, zu dem jeder aus der Klasse etwas beitragen wird, etwas, das ihm wirklich was bedeutet.

Wer sein Opfer gebracht hat, darf den nächsten Klassenkameraden und dessen Opfer bestimmen. Es beginnt mit den Sandalen, einem Teleskop und einem Tagebuch. Aber schon als Gerda gezwungen wird, ihren Hamster abzugeben, ist eine Grenze überschritten. Bald darauf muss ein Mädchen ihre Adoptionsurkunde bringen und ein Junge die dänische Flagge aus dem Vorgarten der Eltern. Je stärker das Opfer schmerzt, desto größer ist seine Bedeutung. Die Kinder beginnen fanatisch zu werden, rücksichtslos und brutal. Am Ende muss ein Mädchen seine Unschuld opfern und einem Jungen, dem das Gitarrespielen viel bedeutet, wird ein Finger abgeschnitten.

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insgesamt 129 Beiträge
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1. ...
evolut 03.08.2010
Zitat von sysopDarf man junge Leser zu radikaler Skepsis verführen? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,709274,00.html
Man darf nicht nur, man muß. Scheint ein interessantes Buch zu sein. Danke für den Hinweis.
2. ja!
neuronom1000 03.08.2010
die frage sollte eher umgekehrt lauten: darf man sie ihnen vorenthalten?
3. Zur gesunden Skepsis aber schon...
dongiovanni25 03.08.2010
ich habe das Buch nicht gelesen, werde es mir aber wohl anschaffen, ja wo kämen wir auch hin, wenn wir unsere Jugend zur radikalen Skepsis anleiten würden - doch bitte aber zu einer gesunden - doch ist unsere Jugend zu solch einer überhaupt noch fähig? Wohl erst, wenn alle enttäuscht und müde sind, von der allgegenwärtigen Medien-und Net-Präsenz, wo alle und keine Deine Freunde sind...wo alles und nichts möglich ist - wenn die Kosmetik abfällt, ja, dann können alle wie die Säulenheiligen einst auf die Bäume klettern, und unsere Politik boykottieren, dazu rufe ich auf ;))
4. Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft
tito9092 03.08.2010
zum Autor: Nihilismus ist weitaus mehr als "radikale Skepsis", wie am Anfang behauptet wird. zum Buch: man kann ja darüber denken wie man will, aber dass Leute auf die Barrikaden des Themas wegen gehen, ist nicht erstaunlich, sondern folgerichtig. Dass man selbst keine Antworten hat auf die Fragen des kleinen Jungen, dass man argumentativ ihm nichts entgegenzusetzen hat, das schürt Ängste. Geht man diese Fragen nach dem rechten Leben durch und denkt sie zu Ende, erschrecken doch recht viele: Schule, Arbeit, Leistung und wenig Freizeit, Kinder, Termine, Druck, Stress, Rente mit 65/67, erster Schlaganfall mit 70 und mit 75 3m unter der Erde - ist das das rechte Leben? Glück, Freiheit, Nicht - Entfremdung, Freizeit, Muse, Ruhe, Sinnlichkeit, wo bleiben sie? Solche Fragen, wie sie laut Artikel in diesem Buch gestellt werden, sind keine Fragen für weltfremde, einsame Philosophen, sondern die Frage überhaupt für die moderne Gesellschaft: wozu, wieso, weshalb? Eine gesellschaftlich - politisch - philosophische Fragestellung, die durch Massenmedien, Politik und Gesellschaft verdrängt und erstickt wird.
5. Quatsch mit Soße
mumrik2 03.08.2010
Und mal wieder: Die alte Mär, dass es "gefährliche" Literatur gibt und Kinder dadurch verdorben werden können. Diese zutiefst bürgerliche Angst gehört in dieselbe Ecke wie die Idee, dass Kinder "beschwult" werden können (durch sozialen Kontakt mit Homosexuellen ebenfalls homosexuell werden) oder durch Comics das Lesen verlernen. m Zweifelsfalle sollte man dann schon eher populären Musikbands verbieten, sich aufzulösen, da scheint mir die Suizidgefahr zumindest etwas diskussionswürdiger sein. Gerne wird vergessen, dass die negativen Erlebnisse eines Kindes im echten Leben niemals durch Geschriebenes getoppt werden können. Das können hierzulande Scheidungsdramen oder das Leben mit Alkoholiker-Eltern sein, in anderen Ländern Krieg, Hunger etc.
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Heft 8/2010 Angela und Daniel Richter über Musik, Theater und ihre Ehe

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