Umstrittenes Grass-Interview Segev-Stellungnahme im Wortlaut

Will Günter Grass den Holocaust relativieren? In einer israelischen Zeitung erweckt der Nobelpreisträger den Eindruck, die Naziverbrechen gegen deutsche Opfer aufrechnen zu wollen. Ein Skandal? Ganz sicher nicht, belegt eine Replik von Tom Segev, Autor des umstrittenen Interviews.

Schriftsteller Günter Grass: Versehentlich den Holocaust relativiert
ddp

Schriftsteller Günter Grass: Versehentlich den Holocaust relativiert


"Herr Grass reagierte einigermaßen erregt, als ich ihn darauf hinwies, dass er sowohl in 'Im Krebsgang' als auch in 'Beim Häuten der Zwiebel' die Deutschen als Opfer porträtiere. Das anzusprechen, war legitim und seine recht starke - gleichfalls legitime - Reaktion darauf wurde in meinem 'Ha'arez'-Artikel vollständig wiedergegeben.

Natürlich versuchte Herr Grass zu keinem Zeitpunkt den Holocaust in irgendeiner Weise herunterzuspielen. Was er sagte, war, dass der Wahnsinn und die Verbrechen der Nazis sich nicht nur im Holocaust ausdrückten und auch nicht mit dem Ende des Krieges beendet waren. Herr Grass bezog sich auf acht Millionen deutsche Kriegsgefangene und fügte hinzu, dass nur zwei Millionen überlebt hätten.

Ich denke, dass er in der Hitze des Gefechts eine falsche Zahl genannt hat. Tatsächlich hätte ich ihn korrigieren müssen, und ich entschuldige mich dafür, das nicht getan zu haben. Ich konzentrierte mich auf den Kern seiner Argumentation, statt darauf, ob nun diese oder jene Zahl historisch korrekt ist. Ich bin absolut sicher, dass er zu keiner Zeit beabsichtigte, einen Mythos von sechs Millionen deutschen Opfer zu erschaffen, um sie den sechs Millionen ermordeten Juden gleichzustellen. Was er sagte, war Folgendes: 'Wir tragen Verantwortung für die Naziverbrechen. Aber diese Verbrechen fügten den Deutschen großes Unheil zu und so wurden sie Opfer.'

Ich kann nicht nachvollziehen, wie diese Worte so interpretiert werden können, wie Herr Jahn das tut. Ironischerweise scheinen die Menschen in Israel vernünftiger mit Grass umgehen zu können als die Deutschen."

Aus dem Englischen übersetzt von Thorsten Dörting



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