Franzen-Roman "Unschuld" Der Unrat der Germanen

Ein Mädchen namens Purity und ein Whistleblower mit Mutterkomplex: Jonathan Franzen erzählt in "Unschuld" vom Dunkel der deutschen Vergangenheit und vom falschen Licht der amerikanischen Gegenwart.

Getty Images

Von Thomas Andre


Wie gestört muss man sein, um seine Tochter "Purity" zu nennen? Vielleicht gar nicht so sehr, im Gegenteil, es reicht schon der Kapitalismus, der einen dazu bringen kann, das Kind qua Namenswahl gegen die Zumutungen der Moderne imprägnieren zu wollen. Der neue Roman des seit 2001 - da hatte er mit "Die Korrekturen" seinen Durchbruch - solide durchregierenden Literaturkönigs Jonathan Franzen heißt wie seine Heldin: "Purity".

Es ist das erste Franzen-Werk seit dem 2010 erschienen "Freedom", das auf Deutsch "Freiheit" heißt. Weshalb man hierzulande wohl lieber auf die Purity-Entsprechung "Reinheit" verzichtete und den neuen Roman "Unschuld" betitelte. Am Dienstag erscheint das Buch in den USA, am Freitag in Deutschland. Lautliche Verwechslungen sind ausgeschlossen, und Rowohlt umgeht das Risiko, dass Kunden bei Onlinehändlern versehentlich das US-Original bestellen.

Bei einem literarischen Großereignis wie Jonathan Franzen kann das für einen Verlag entscheidend sein. Schließlich ist der Amerikaner seit anderthalb Jahrzehnten der Lieblingsschriftsteller all jener, die Gesellschaftsromanen noch die Deutungshoheit über unser Leben zuerkennen: der Tolstoi der Gegenwart, wenn man so will.

Nun also "Unschuld", ein in typischer Franzen-Diktion geschriebener Zeitgeist-Roman, der sich wie die vorherigen Bestseller mit wiedererkennbaren Motiven des Heute beschäftigt. Waren es zuvor Themen wie Abtreibung, Medikamentenmissbrauch und Umweltschutz, die Franzen in seine Beschreibung von amerikanischen Durchschnittssippen einbettete, ist es diesmal der Enthüllungsjournalismus - mit der überragenden neuen Sozialfigur der Gegenwart, dem Whistleblower.

Die Teenie-Prinzessin und der schwarze Ritter

Der hat in "Unschuld" die Gestalt des ehemaligen DDR-Dissidenten Andreas Wolf und sitzt in den bolivianischen Bergen fest, wo er sicher vor den deutschen und amerikanischen Strafverfolgungsbehörden ist und seine internetbasierte Aufdeckungsarbeit mit dem von ihm gegründeten "Sunlight Project" machen kann. Sie wollen ihn wegen Geheimnisverrats und Hackerei drankriegen.

Jeder seiner Leaks ist ein Coup: Wolf ist ein Popstar und ein berühmter Mann, so wie Julian Assange und Edward Snowden, die beide im Buch mehrmals genannt werden. Und er ist ein sinistrer Zeitgenosse, ein ramponierter Charakter. Wie viele der Figuren in diesem Buch, das der Helligkeit der transparenten Gegenwart die Dunkelheit des Vergangenen gegenüberstellt.

Andreas Wolfs Vergangenheit liegt in der DDR, wo er als Bonzen-Sohn Privilegien genoss und eher aus Langeweile zum Schmalspurdissidenten wurde. Aus Liebe zur schönen Annagret begeht er dann einen Mord, ein makaberes Märchen über eine verwunschene Teenie-Prinzessin und ihren schwarzen Ritter.

Kurz darauf fällt die Mauer, und der Mann aus dem Reich der Bespitzelung und der erzwungenen Geheimhaltung des Privatesten wird im Laufe der Jahre zum Heros der Offenlegung. Er lebt im Zeitalter des Facebook-Exhibitionismus, aber er schleppt eine Leiche mit sich herum: Das ist eine der Dichotomien, mit denen der National-Book-Award-Gewinner Franzen in "Unschuld" arbeitet.

Sie ist allerdings so überdeutlich, dass neben die Virtuosität der Figurenzeichnung natürlich auch der Wille zum Spott tritt, eine beinahe schon Eggers-mäßige Parteilichkeit: In dieser Lesart ist "Unschuld" verwandt mit der Internet-Dystopie "The Circle". Franzen desavouiert das Heldentum der Enthüller, wenn er ausgerechnet einen paranoiden und sexsüchtigen Mörder mit Mutterkomplex, einen deutschen Erkenntnisstreber zum Moralapostel und Gewissen des Globus werden lässt.

Deutscher Darm und deutsche Seele

"Unschuld", jene wie bei Franzen üblich als Dialog-Walze über den Leser kommende süffige Literaturversuchung, erzählt in einem knapp sechs Jahrzehnte umfassenden Panoramabild vom Nachkriegsdeutschland, von der DDR, der Wende, der digitalen Revolution und dem zeitgenössischen Amerika.

Er erzählt nicht nur vom Whistleblower Wolf, sondern auch von den Investigativjournalisten Tom und Leila. Tom ist der Sohn einer in der Hitler-Zeit in Jena geborenen Deutschen. Dass diese an heftigen Verdauungsstörungen leidet, ist natürlich hochsymbolisch; sie trägt, wie Franzen sinngemäß schreibt, ihr Leiden aber mit einer Gefasstheit, wie sie nur Deutsche haben können. An anderer Stelle schreibt er vom "Urgrund deutscher Flüche, Zoten und Tabus" und meint den "Unrat" der Jenenserin in der Kloschüssel.

Deutsche Würde, deutscher Darm - das sind Franzens Koordinaten auf der Suche nach der deutschen Seele. Die DDR, "die Republik des schlechten Geschmacks", kanzelt er in den sie betreffenden Teilen des Romans übrigens gnadenlos ab - die bisweilen komische Überzeichnung ist ein Stilmittel in diesem Roman. Die Traumata seiner vermurksten Wirklichkeit überdauern in Person von Andreas Wolf das Ende des Landes.

Und das Gegenstück zum Unrat der Geschichte ist die reine Purity Tyler, die alle Pip nennen. Pip ist eine etwas haltlose Studentin, die sich auf die Suche nach ihrem Vater begibt und dabei im südamerikanischen Camp Wolfs landet. Der jagt die Dämonen der eigenen Biografie und spannt die ahnungslose Pip für seine Pläne ein. Er schickt sie in die Obhut von Tom. Den lernte er einst im Nachwende-Berlin kennen, Tom ist der Einzige, der Wolfs Geheimnis kennt.

Ein Abgesang auf den Familienroman

Es ist eine kühne Story, die Jonathan Franzen in "Unschuld" erzählt. Ihre Komposition ist stimmig, das fortwährende Aufbrechen der Chronologie nie überfordernd. Sein Prinzip der reichlichen psychologischen Auspolsterung der Figuren hat diesmal freilich etwas Reißerisches: Als wollte Franzen aus seiner Rolle als Mittelstandsversteher ausbrechen.

Es sind mehr als die Normalo-Neurosen, die wir sonst von Franzens Figuren kennen, es ist der (oft germanische) Wahnsinn, der das Wesen der Protagonisten ausmacht.

Pips Mutter Anabel, die letzte im Reigen der außergewöhnlichen Romanhelden, die Franzen in "Unschuld" aufeinander los lässt, stattet er mit einer faszinierenden Rigorosität aus. Anabel, eine supermoralische Milliardenerbin und supererfolglose Künstlerin, ist die Hysterie gewordene Negation all dessen, wofür ihr schwerreicher Vater steht. Sie nimmt noch vor Puritys Geburt einen neuen Namen an und erzieht ihre Tochter in Armut; sie entstammt einer Welt, die sie panisch von Purity, der Reinen, fernzuhalten trachtet, eine Welt, von der Pip rein gar nichts weiß.

Und so kann man "Unschuld" auch als höhnischen Abgesang auf den Familienroman lesen. In den "Korrekturen" funktionierte das Individuum noch leidlich gut im Familienzusammenhang, auch wenn der Patriarch stark wankte. In "Freiheit" sah sich die Ehe gewaltigen, aber archetypischen Angriffen ausgesetzt. In "Unschuld" weiß man noch nicht einmal mehr, wer zur Familie gehört.

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