Unveröffentlichte "New Yorker"-Cartoons Schlechter Geschmack ist Geschmackssache

Krebs, Selbstmordattentäter, Holocaust - den Cartoonisten des "New Yorker" ist nichts zu abgründig, um sich darüber lustig zu machen. Jetzt präsentiert ein Sammelband Zeichnungen, die das Wochenblatt nicht zu drucken wagte.

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Tom Cheney

Der "New Yorker"-Cartoon ist unter den Witzzeichnungen das, was in der alten Bundesrepublik der "Zeit"-Leser war: Typ Sherry-Trinker; bleibt, selbst wenn er einen mit Vornamen anredet, beim "Sie". Doch während sich die Medienlandschaft und mit ihr die "Zeit" längst verändert hat, sieht das Wochenblatt aus New York noch immer so aus, als wären seit seiner Gründung im Jahr 1925 erst ein paar Ausgaben vergangen: Fotos? Viel zu modern, werden nur sporadisch eingesetzt. Stattdessen: Zeichnungen, Illustrationen und ganz besonders Cartoons.

Seine Cartoons haben den "New Yorker" berühmt gemacht. Aber was ist das überhaupt, ein Cartoon? Nicht einfach ein lustiges Bild, keine bloße Karikatur, sondern gezeichneter Witz; voll Understatement und Poesie. Humor, den man auch in der Etagenwohnung am Central Park mit einem wohlwollenden Schmunzeln zur Kenntnis nehmen kann - bei dem man sich allerdings auch fragt: Ob es jenseits dieses ganzen Feinsinns Gags gibt, bei denen auch "New Yorker"-Leser so laut auflachen, dass ihnen der Sherry aus dem Glas schwappt?

Jetzt erscheint ein ganzes Buch damit. Es heißt "Die besten Cartoons, die der 'New Yorker' nie druckte" und zeigt, wie Robert Mankoff, der beim "New Yorker" für die Cartoons zuständige Redakteur, im Vorwort schreibt, "dass Humor und schlechter Geschmack keine fremden Bettgenossen sind, sondern vertraute Ehepartner, deren skrupellose Machenschaften uns erfreuen - wider besseren Wissens und entgegen allen moralischen Bedenken und politisch korrekten Ansichten." Das allerdings hat er so gediegen formuliert, dass er selbst vor dem Supreme Court damit durchkommen dürfte.

"Du bist echt kindisch, Nadine"

Auch schlechter Geschmack ist Geschmackssache. Was in Uptown Manhattan als geschmacklos gilt, dürfte man anderswo schlicht als frei von den üblichen Tabus bezeichnen: So sind es vor allem Cartoons über Sex, Tod und Religion, die es zwar nicht in den "New Yorker" geschafft haben - wohl aber in diesen Sammelband. Zur Freude der Leser werden hier auch Witze über Krebskranke und Selbstmörder, über die Kreuzigung Christi und den Holocaust gemacht - das Entscheidende ist doch: Sie sind allesamt lustig.

Wie so oft steckt hinter dem, was heiter daher kommt, harte Arbeit: Sechs Tage denken die Zeichner nach, etwa zehn Skizzen reichen sie ein. Bei einem Stamm von 50 Cartoonisten ergibt das gut 500 Zeichnungen. Die werden vom zuständigen Redakteur gesichtet. Gedruckt werden im "New Yorker" dann zwischen 15 und 20 Cartoons - wie unterschiedlich die sein können, zeigt sich gerade in diesem Band.

Tom Cheney, schon seit 1978 für den "New Yorker" tätig, arbeitet nebenbei auch für "Mad". Das Alberne, Anarchische, herrlich Unseriöse, das auch die deutsche Ausgabe des Magazins in seinen besten Zeiten auszeichnete, als Herbert Feuerstein noch der verantwortliche Redakteur war, macht den Charme von Cheneys Cartoons aus. Der Herausgeber Matthew Diffee (selbst Cartoonist) präsentiert zwei davon in seinem Sammelband. Im einen reißt eine Frau sich vor dem Fenster einer Herzklinik den Pullover hoch. Während drinnen die Männer kollabieren, sagt ihre Begleiterin trocken: "Du bist echt kindisch, Nadine."

Man kann dieses Kompliment nur an Tom Cheney selbst weiter geben. Kinder sind lustig, gerade dann, wenn sie noch gar keine Ahnung davon haben, was sich in der Welt der Erwachsenen alles nicht schickt.

"Wie kommt es, dass ihr keine Farbfotos machen konntet in Auschwitz?"

Andere Cartoons sind erwachsener und entsprechend verhaltener in ihrem Witz. So Leo Cullums Zeichnung einer rauchenden Mutter mit Zigarette auf Augenhöhe ihres kleinen Sohns. Dass der Junge ein Pflaster über dem Auge trägt, scheint zumindest auf den ersten Blick allzu nah dran an der Grenze zum Erzieherischen: Rauchen schadet der Gesundheit Ihres Kindes. Stimmt. Ist aber nicht amüsant.

Es ist die Art, wie Cullum seine Figuren zeichnet, die den Cartoon rettet: Sie ist von einer Genauigkeit, die ihre Objekte nicht einfach nur vorführt, sondern sie so treffend darstellt, dass sie zum Inbegriff menschlichen Verhaltens werden. Das verletzte Auge des Kindes ist nur ein Kollateralschaden, ein deutlich sichtbares Pars-pro-Toto-Symbol - entscheidend ist: Die unzähligen Macken und Prägungen, die jeder von seinen Eltern mitbekommt, sind kaum sichtbar - und auch auf diesem Bild nur am erstaunlich synchronen Gesichtsausdruck von Mutter und Sohn zu erkennen.

Eine Witzzeichnung als Instanz des Humanen. Ob sich Cullum dieser Möglichkeit bewusst war? Ein Cartoon braucht, anders als eine Karikatur, keine Botschaft - hat er sie doch, kommt es darauf an, kämpferischen Ernst so zu verpacken wie Kim Warp in ihrer Zeichnung eines Babys in einer Neugeborenenstation: "Schwarz und ein Mädchen? Wollen die mich verarschen?"

Oder darum, die Ignoranz einer ganzen Generation so beiläufig darzustellen wie Jack Ziegler: "Opa, wie kommt es eigentlich, dass ihr keine Farbfotos machen konntet in Auschwitz?" Alex Gregory schafft es gar, einen Selbstmordattentäter und seinen Helfer regelrecht camp wirken zu lassen: "Geht's? Nicht zu eng?" fragt der eine den anderen, als er den Sprenggürtel anlegt.

Leise Ironie im Zeichen des Schreckens. Mit Freiheit hat das wahrscheinlich viel mehr zu tun als jede pathetische Geste. Rudolph Giuliani wird nachgesagt, er habe die New Yorker nach den Anschlägen des 11. September aufgefordert: "Habt keine Angst. Geht shoppen!" Passender - und von geradezu ewiger Gültigkeit wäre: Habt keine Angst. Lest diese Cartoons.

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