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Siebenbürgen im Zweiten Weltkrieg: Zwischen Heimat und Hitler

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Jubel in Siebenbürgen: Eine Zeit politischen Trubels

Zur Waffen-SS oder zur rumänischen Armee? Ursula Ackrill erzählt in ihrem Roman "Zeiden, im Januar" von Siebenbürgen in der NS-Zeit. Ihr Roman ist die Überraschung auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises.

Heimat ist ein schwieriges Wort. Nicht jeder kann oder will beantworten, was es für ihn bedeutet. Für die, deren Heimat bedroht ist, kann das Wort überlebensgroß sein. Starr hängt es dann über einem, geschrieben in Majuskeln. Es wirft Schatten, länger als die eigene Lebenslinie.

Der Roman "Zeiden, im Januar" erzählt von den Siebenbürger Sachsen, einer deutschen Minderheit auf rumänischem Staatsgebiet. Diese Geschichte spielt vorwiegend in einer Zeit politischen Wirbels, im Januar 1941: Hitler regiert, die Lage der Siebenbürger Sachsen, Deutsche, die keine Reichsdeutschen sind, ist ungewiss. Schicken die Zeidner ihre Jugend zur rumänischen Armee oder zur Waffen-SS?

"Zeiden, im Januar" verzahnt die Politik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Leben der Siebenbürger: Die belesene Leontine Philippi, die ihre Nachbarn vor schnellen Urteilen warnt und der ihr geliebter Albert im Tiefschlaf erscheint, ein talentierter Pilot, den offenbar der Krieg verschluckt und nicht wieder ausgespuckt hat; der Schularzt Franz Herfurth, der den jungen Sachsenmädchen verfallen ist und innere Monologe führt, die seine Verlobung und ihn selbst infrage stellen; die hübsche Maria Tatu, eine junge Frau, die Bedenken hat, für einen Juden zu arbeiten. Das bedrohlich Große, die schönen Kleinigkeiten, die Liebe, unerfüllt und verloren, das sind die Schlagworte zu Ursula Ackrills Roman.

Lustvoller Umgang mit der Sprache

Mit ihren Verschachtelungen macht es Ackrill dem Leser aber nicht einfach. "Zeiden, im Januar" ist auch ein Buch darüber, ob es nicht leichtsinnig ist, nur einmal um die Ecke zu denken. Ein Buch der Brüche: in der Zeit, mal kurze Momente nach hinten, dann wieder Jahre nach vorn; zwischen den Protagonisten, in der einen Passage erhascht man sie nur, in der nächsten sitzt man schon in ihren Köpfen. Dieser Roman besteht aus Fragmenten. Fragmente wie die ethnischen Sprenkel, die sich in der Geschichte Siebenbürgens überlappen: Goten, Hunnen, Bulgaren, Ungarn, Rumänen, Deutsche, Siebenbürger Sachsen.

Ackrill, 41, ist gebürtige Siebenbürgerin und arbeitet als Bibliothekarin in Nottingham. "Zeiden, im Januar" ist ihr Romandebüt und dafür erstaunlich formvollendet geraten. Überraschend, doch zurecht steht Ackrill auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse.

Ein Grund für die Nominierung könnte ihr lustvoller Umgang mit der Sprache sein. Darin dominiert eine gleichermaßen exotische wie altmodische Erhabenheit, die passende Form zum Inhalt. Wie lyrisch geschriebene Reportagefetzen, die auf Reime verzichten. Ackrill spart zum Glück hässliche Schnörkel aus, was ihre Sätze letztlich vor Staub schützt. Ihre sprachliche Eigenart erinnert an Robert Schneider oder gar Arno Schmidt - nicht in dem Sinne, dass Ackrill diesen Schriftstellern nacheifert, sondern dass sie etwas schafft, das vergleichbar unvergleichlich ist.

"Zeiden, im Januar" ruft all die Schönheit in Erinnerung, die Sprache zu bieten hat. Adjektive, unverbraucht und treffsicher, Verben, die Lust machen, im Duden zu schmökern. Der Blick aufs Detail ist unerlässlich, auch in den Nebensächlichkeiten: "Inzwischen hat sich der Himmel vergilbt, das Licht in Dünen und Bänken geschichtet, die Sonne selbst eine graue Perle in bleichem Austernfleisch." Eine Perle von unzähligen. Oder: "Ein kräftiger Faden Rauch mit Andeutungen von Damaszenerrosen und Sultaninen zog durch den Waggon, als hielte jemand eine Zigarette vor sich, ungeraucht." Verschlungen denken, sprechen, schreiben, das will man nach der Lektüre von "Zeiden, im Januar". Man mag es dem Rezensenten verzeihen.

Ackrills Roman ist stark und eigenständig, berührend und verwirrend. Er liefert wenige Antworten, wirft aber große Fragen auf, die nicht nur 1941 und nicht bloß in Siebenbürgen wichtig waren: Wer oder was sind wir eigentlich? Mit den Wurzeln verwachsen? Fremdbestimmt von der Politik? Kinder unserer Zeit, die nie erwachsen werden?

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