US-Autor Don DeLillo Sprengmeister der Paranoia

Medien-Overkill, Finanzkrise, Terrorgefahr: Wie soll man das verkraften? Mit Don DeLillo natürlich. Amerikas coolster Schriftsteller liefert Munition für alle Lebens- und Gesprächslagen. Deshalb: Zehn scharfe Zitate vom Don der literarischen Paranoia - und warum man sie draufhaben muss.

Von und Daniel Haas


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Don DeLillo: Meister der Paranoia
Sieht so das Ende der Geschichte aus? Ein alter Mann sitzt in seinem Haus in der Wüste und denkt über Vernichtung und Auslöschung nach. Während des letzten Irak-Krieges diente er dem Pentagon als akademischer Berater, jetzt doziert er vor einem jungen Filmemacher über die metaphysische Dimensionen des Militarismus. Jeder Satz ein Zitat, jede Phrase ein Geheimnis. Der Intellektuelle starrt auf verdorrte Dornbüsche und feiert den modernen Krieg als großes Paradoxon: als technischen Schöpfungsakt und Endpunkt der menschlichen Evolution zugleich. Nichts geht mehr am Omega-Punkt. History is over.

So still in seinem Ton, so reduziert in seinem Setting, so fatalistisch raunend klang Don DeLillo noch nie. Auf kaum 100 Seiten bringt es "Der Omega Punkt", seine jüngste Meditation über die kreativen Selbstzerstörungskräfte der westlichen Welt. 100 Seiten? Die bildeten in anderen Romanen des US-Großmeisters der Paranoia gerade mal die Ouvertüre. Sie brauchen schon Raum, die monströsen Verschwörungsepen, die mit Kriminellen und Verrückten, Wissenschaftlern und Politikern, Terroristen und amerikanischen Biedermännern bevölkert sind.

Das Wunderkind aus der Bronx, inzwischen 74 Jahre alt, agierte in den letzten vier Jahrzehnten als großer Ausdeuter, Ausleuchter und vor allem auch als Seher der amerikanischen Geschichte. Politik und Alltag, Popkultur und Verbrechen, Bilderwahn und Geisteswissenschaft - all diese Bereiche verband er zu verschlungenen Szenarien. Nicht nur treu ergebene Gefolgsleute des Don fordern deshalb schon seit Jahren den Literaturnobelpreis für ihn.

Prophetie und Paranoia

Neben den beiden anderen ewigen US-Anwärtern auf die Auszeichnung wirkt dieser Verfallsdichter seltsam pragmatisch: Während Philip Roths Werk gänzlich um die männliche Libido kreist und Thomas Pynchon längst im selbst herbeigeschriebenen Parallelkosmos entschwunden ist, lässt sich aus den ausladenden und oft durch alle Zeitebenen springenden Romanen DeLillos durchaus ein gesellschaftlicher Mehrwert ziehen: Mehr als einmal war er in seinen Romanen der Zeit weit voraus, mehr als einmal agierte der Verschwörungstheoretiker als Prophet.

Die Welt als mediale Simulation? Schon 1971, in seinem ersten großen Roman "Americana", schickte er einen zynischen Fernsehproduzenten ins Land hinaus, um das ursprüngliche Amerika wieder zu entdecken. Natürlich fand der Mann dann nur sich gegenseitig überdeckende Werbeimpressionen.

Der Mensch als Teil eines komplexen Datentransfers? Bereits 1984, das Internet war noch nicht erfunden, erkundete DeLillo in "Das weiße Rauschen" den Sound eines Informationsflusses, in dem der Mensch wie Treibgut dahinströmt. Der Terror als komplexes Zeichensystem? 1991 - 9/11 sollte noch ein Jahrzehnt auf sich warten lassen - verfasste er mit "Mao II" eine bestürzende Abhandlung dazu.

Die Allmacht der Medien, das Diktat des militärisch-industriellen Komplexes: Daraus hat kein zweiter US-Schriftsteller so detailreiche, doppelbödige und verstörende Gesellschaftspanoramen gebaut. Zehn der klügsten und scharfsinnigsten Sentenzen Don DeLillos haben wir für Sie zusammengestellt.

Aber darf man denn den wohl wichtigsten Gesellschaftsanalysten der amerikanischen Gegenwartsliteratur auf zehn partytalk-taugliche Sätze zusammenstauchen? Nun, wenn DeLillo nur noch 100 Seiten braucht, dann kann man sich ebenfalls kurzfassen. Cool und knapp lautet die Devise. So, wie es der Don uns vorgemacht hat.



insgesamt 9 Beiträge
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rusikala 29.03.2010
1. na ja ...
... seit langem scheint in dieser mitteleuropäischen Gesellschaft deutscher Sprache ein seltsames Phänomen verbreitet: us-amerikanischer Quatsch wird mit Enthusiasmus aufgenommen und verbreitet, je größer um so besser.
Revisionist 29.03.2010
2. Vor den Graphities ...
als es noch Klosprüche gab, waren die oft nicht nur origineller sondern sogar noch intelligent.
sacco 29.03.2010
3. x
Zitat von rusikala... seit langem scheint in dieser mitteleuropäischen Gesellschaft deutscher Sprache ein seltsames Phänomen verbreitet: us-amerikanischer Quatsch wird mit Enthusiasmus aufgenommen und verbreitet, je größer um so besser.
auf den punkt gebracht!
wilam 29.03.2010
4. halt doch mal Elfriede dagegen
Sicher fehlt ihr diese elegante Distanz, sie sticht und reißt mit der Feder das Papier, auf dem sie (symbolisch natürlich) schreibt. Aber sie übt nicht Kultur- sondern Gesellschaftskritik. Sie loopt nicht oben am Trapez sondern sitzt in der Haut derer, die entweder geprügelt werden oder vergewaltigen. Zudem: ihre Technik des Dazwischen ist einmalig und wahrscheinlich (leider) nicht in andere Sprachen übertragbar. Sie versteht es, Sachverhalte, für die die Sprache keine Worte hat, durch einen Schwebezustand zwischen verschiedenen aber zugleich vorgebrachten Seiten des Sagbaren auszudrücken. Da muß Delillo gar nicht hin, mit dem was er will. Und dann stellt sie mit einem Halbsatz, ja mit einem Füllwort flashartig den Zusammenhang zwischen dem händischen hechelnden und schwitzenden Tun und dem gesamten gesellschaftlichen Überbau her. Das wurde so noch nicht erreicht und markiert den Unterschied zwischen intellektuell und intelligent. Aus der Tiefe kommt D nicht her.
Fackus 29.03.2010
5. Rätselhaft
Lieber Spon-Autoren, Da schreibt sich ein Mann zäh wie Klebstoff durch die US-Jahrzehnte und ihr findet das cool und scharf? Wenn einer auf ner Party garantiert Ruhe vor den anderen haben will - dann schafft er das garantiert, indem er so ein Geschwurbel zitiert. Nicht ein einziger Gedanke, der es Wert wäre auch noch in die simpelste Zitaten- oder Aphorismensammlung zu kommen. Geschweige denn noch weiter zu lesen. Also sorry - das geb ich normalerweise nicht mal meinem Hund zu lesen...
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