US-Autor E.L. Doctorow Die Armee als letzte Zuflucht

Er gilt als "literarischster Historiker Amerikas". Nun hat E.L. Doctorow mit "Der Marsch" einen fulminanten Roman über die Gräuel des amerikanischen Bürgerkriegs geschrieben. Eine Begegnung mit einem Mann, der zu langsam für die Gegenwart ist.

Von Verena Araghi


Es ist ein strahlender Herbsttag in Berlin. Edgar Lawrence Doctorow schaut aus dem Fenster seines Hotelzimmers auf den fast menschenleeren Gendarmenmarkt. "Es ist verdächtig still geworden in Berlin", sagt er mit leiser Stimme. "Bei meinem letzten Besuch vor 18 Jahren tanzten die Menschen hier auf den Straßen. Es war der Tag, an dem die Mauer fiel." Eine Szene wie geschaffen für einen Bucheinstieg. Könnte er sich vorstellen, ausgehend von diesem Ereignis einen Roman zu entwerfen?

US-Autor Doctorow: "Ich bin gerne unter Anfängern"
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US-Autor Doctorow: "Ich bin gerne unter Anfängern"

E. L. Doctorow, 76, die Ikone der amerikanischen Gegenwartsliteratur, als "literarischster Historiker Amerikas" von der "New York Times" gepriesen, schüttelt den Kopf. "Das sollten deutsche Schriftsteller tun. Jedes einschneidende historische Ereignis braucht einen Romanautor, der ihn erzählt. Einen, der nicht nur beschreibt, was passierte, sondern wie es sich angefühlt hat. Wie sich deutsche Geschichte anfühlt, weiß ich nicht. Bei der amerikanischen kann ich es zumindest vermuten."

Nur vermuten? Das klingt angesichts seiner Welterfolge wie "Ragtime" (1975), "Billy Bathgate" (1989) oder "City of God" (2000) nach Ironie - und spätestens seit seinem jüngsten, unter anderem mit dem Pen/Faulkner-Preis ausgezeichneten Roman "Der Marsch" (2005), der nun in Deutschland erschienen ist, sogar wie eine gewaltige Untertreibung.

In "Der Marsch" entwirft Doctorow ein Bild einer der schmerzlichsten Epochen Amerikas, des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865. Sein Epos erzählt die Geschichte eines verheerenden Feldzugs: Es ist das letzte Jahr des Krieges, die Armeen der Nordstaaten unter dem Kommando von William Tecumseh Sherman haben nach der Eroberung Atlantas "den Marsch zum Meer" angetreten, der sie quer durch die Südstaaten Georgia, South Carolina und North Carolina zum Atlantik führt.

"Das Brüllen leibhaftiger Männer"

Wie eine "aufsteigende Wolke" sehen die schwarzen Sklaven den Zug von den verlassenen Plantagen aus zunächst nur am Horizont. "Das Geräusch, das von dieser Wolke ausging, glich keinem, das sie je im Leben gehört hatten. Es war nicht furchterregend wie eines, das dem Himmel entspringt, wie Donner oder Blitzschlag oder Sturmgeheul, sondern es teilte sich ihnen durch ihre Füße mit, eine Schwingung, als ob die Erde summe...Und dann vernahmen sie, am Rande dieses erdig stampfenden Geräuschs, endlich das Brüllen leibhaftiger Männer."

Und eben diese Männer bevölkern Doctorows Roman im Dutzend: Sie schlachten ihre Feinde ab, wimmern gleichzeitig vor Todesangst, verlieren ihre Arme, ihre Beine, sie brennen ganze Landstriche nieder, sie vergewaltigen und nachts schwitzen sie in ihren Alpträumen. Und dann, inmitten all des Grauens, verlieben sie sich in Frauen.

Allzu gut und gütig erscheinen die Frauen in Doctorows Roman, doch gelingen ihnen in dem Kriegsgewirr die erstaunlichsten Verwandlungen: So tarnt sich die 15-jährige hellhäutige Pearl, uneheliche Tochter eines Farmers und einer schwarzen Sklavin, als Trommlerjunge, um sich der Truppe General Shermans anschließen zu können. Sie schneidet sich die Haare kurz, spricht in kurzen Sätzen, damit man ihren Südstaaten-Slang nicht heraushört, stellt sich in den Schutz einer Truppe, die gerade noch ihre Eltern umgebracht und ihren Besitz zu Asche gemacht hat. Für Pearl erfüllt sich zum Schluss ein Lebenstraum, – sie wird eine der ersten weiblichen Medizinstudentinnen Amerikas.

"Was mich beim Schreiben an diesem Buch so faszinierte, war, dass der Marsch zur Sicherheitszone für die Menschen wurde, die er entwurzelt hatte", sagt Doctorow. "Wer nicht tot oder vertrieben war, trat in die Armee ein, wechselte seine Uniform, seine gesamte Identität, nur um am Leben zu bleiben. Dabei war diese Truppe von 600.000 Soldaten kaum mehr eine Armee, die General Sherman da anführte – es war eine fließende Welt."

Spur in die Gegenwart

Zwanzig Jahre lang hat Doctorow über einen Roman wie den "Marsch" nachgedacht, während des Irakkriegs begann er mit dem Schreiben. Warum? Weil dieser Krieg so starke Verbindungen zum Bürgerkrieg erkennen ließ? "So haben mir das die Kritiker immer wieder ausgelegt", antwortet er. "Dabei entschied ich mich ganz unbewusst für das Buch."

Es ist ihm ein grandioses Werk gelungen. Doctorow hüllt die historischen Ereignisse in einen Mantel von Fiktion – und legt dem Leser so eine Spur in die Gegenwart. Er zerlegt die Geschichte in ihre Einzelteile, leuchtet sie mit Hilfe seiner Figuren bis in die hintersten Winkel aus. Generäle, Politiker, Süd- oder Nordstaatler, keiner trägt einen Sieg davon. Nur der Krieg selbst, "das Ungeheuer", es gewinnt - und legt sich zur Ruhe, nachdem es ein ganzes Gesellschaftsystem verschlungen hat.

"Stellen Sie sich einen großen segmentierenden Körper vor", sagt der Lazarett-Arzt Wrede Sartorius im Buch über die Armee. "Der sich mit einer Geschwindigkeit von zwölf bis fünfzehn Meilen pro Tag fortbewegt, ein Lebewesen mit hunderttausend Füßen. Es steht mit den Wegen und Brücken, über die es kriecht, mittels Tentakeln in Verbindung. Als Fühler sendet es seine Reiter aus. Es verschlingt alles, was auf seinem Weg liegt. Es ist ein gewaltiger Organismus, dieses Heer mit einem kleinen Gehirn."

"Ich bin gerne unter Anfängern"

Von seinem ersten Roman "Welcome to Hard Times" an, vor 47 Jahren, hat wohl kein amerikanischer Autor seine Sprache immer wieder so entrümpelt, beschleunigt, modernisiert. Doctorow ufert in seiner Beschreibung des Krieges nicht aus, er hält sich streng an die Fakten. "Vielleicht hat mich der Job als Lektor, den ich über viele Jahre erst bei einer New Yorker Filmproduktionsfirma und dann bei einem Verlag nebenbei ausgeübt habe, gelehrt, meine eigene Arbeit so objektiv zu betrachten wie die eines Anderen", sagt er. "Lektorieren ist eine verdammt gute Übung. Die empfehle ich auch meinen Studenten."

Seit 1982 gibt Doctorow an der New York University Kurse in "Creative Writing". Man hat ihm einen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur eingerichtet, den "E.L. Doctorow-Chair" - kein anderer wird ihn nach ihm wieder besetzen. "Ich bin gerne unter Anfängern", sagt der Autor. "So vergesse ich nicht, wie schwierig das Schreiben ist."

Doctorows Stimme ist leiser geworden. Vor ihm liegt am Abend noch ein Vortrag, den er im Berliner Haus der Kulturen der Welt zum Thema "Notes on the History of Fiction" halten soll. Wird es eines Tages einen Doctorow-Roman über Krieg und Terror unserer Zeit, über den 11. September geben?

"Wahrscheinlich nicht. Weil ich zu langsam bin. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die auf einer Party ein Paar beobachten, nach Hause gehen und sofort anfangen, aus den Szenen einen Roman zu entwerfen."

Und dann lehnt sich dieser große, eindrucksvolle Mann mit kerzengeradem Rücken in seinem Sessel zurück und faltet die Hände im Schoß: "Wissen Sie, warum ich einen solchen Roman nicht schreiben kann? Weil es noch nicht vorbei ist."


"E.L. Doctorow: Der Marsch", Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 22,90 Euro.



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