US-Autor Richard Powers: "Wissen kann unfrei machen"

Für seinen neuen Roman ließ Richard Powers sein Erbgut entschlüsseln, Ergebnis: Der US-Autor hat Anlagen für Alzheimer und Übergewicht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über sein Leben als gläserner Patient. Und warnt davor, persönliches Glück per Gen-Analyse steigern zu wollen.

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Richard Powers: "Zum Trübsinn neige ich eigentlich gar nicht"

SPIEGEL ONLINE: Herr Powers, Sie haben als einer der ersten Menschen Ihr komplettes Erbgut entschlüsseln lassen. Führt der Weg zur Selbsterkenntnis heute durch die Gene?

Richard Powers: Als mir der Vorschlag zu einer Genom-Analyse gemacht wurde, war meine erste Reaktion: Niemals! Man öffnet doch keine Kiste, in der sich nur schlechte Nachrichten befinden können. Aber dann erkannte ich die perfekte Möglichkeit zur Recherche für meinen neuen Roman. Für mich ging es um die Frage: Nehme ich das Thema meines Buches ernst genug, um diesen Selbstversuch zu wagen?

SPIEGEL ONLINE: Ihr Roman handelt von der Suche nach einem Glücks-Gen. Es geht um eine junge Frau, die trotz schwieriger Lebensumstände vor Glück nur so strahlt. Ihre Mitmenschen wollen Thassas Geheimnis ergründen und fragen sich: Trägt sie ein spezielles Glücks-Gen in sich?

SPIEGEL ONLINE: Das mag zunächst so aussehen. Im Verlauf der Handlung mehren sich jedoch die Zweifel, ob es ein solches Gen überhaupt gibt. Es ging mir darum, die naiven und teilweise verrückten Reaktionen einer Gesellschaft zu beschreiben, die sich von der Genetik hellseherische Fähigkeiten verspricht.

SPIEGEL: Wir missverstehen die Gen-Forschung als eine Art Orakel-Kunst?

Powers: Ja, die uralte menschliche Suche nach Propheten korreliert derzeit mit einer Wissenschaft, die rasend schnell voranschreitet. In Kalifornien lassen Eltern ihre Kinder heute schon per Erbgut-Diagnose auf besondere athletische Fähigkeiten testen. Die Kosten dafür sinken schnell. Wahrscheinlich werden wir Neugeborenen ihr entschlüsseltes Genom bald als Präsent zur Geburt überreichen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit der Erbgut-Analyse gemacht?

Powers: Ich bekam die Daten auf einem USB-Stick übergeben, habe sie auf meinen Computer übertragen und kann nun per Mausklick im Internet auf aktuelle Forschungsergebnisse zu einzelnen Gen-Varianten zugreifen. Einige Jahre vor den meisten anderen Menschen habe ich erfahren, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der wir alle gläserne Patienten sind.

SPIEGEL ONLINE: Hielten Ihre Gene besondere Geheimnisse bereit?

Powers: Ich erwartete eigentlich nur schlechte Nachrichten. Mit dieser Vermutung lag ich falsch. Tatsächlich unterscheiden sich die Informationen, die ich bislang erhalten habe, nicht besonders von dem, was ich ohnehin über mich weiß, wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke. Einige Gen-Varianten deuten bei mir auf ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Aber das ahnte ich bereits: Die meisten meiner männlichen Vorfahren sind früh am Herzinfarkt gestorben.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen heute also nicht ängstlicher durchs Leben?

Powers: Eigentlich nicht, im Alltag treibe ich mit meinen Genen eher lustige Spielchen. Das "Neugier"-Gen benutze ich gegenüber meiner Frau etwa als Entschuldigung dafür, dass ich mir jeden Abend ein anderes Dessert wünsche. Aber zum Glück leide ich eben nicht an einer der unheilbaren Krankheiten, die von nur einer Gen-Variante abhängen. Dann wäre ich ernsthaft besorgt gewesen.

SPIEGEL ONLINE: ... und Sie hätten es bereut, den Test gemacht zu haben? Gründet unser Gefühl von Freiheit vielleicht gerade darauf, nicht zu wissen, welche Zukunft das Schicksal für uns bereit hält?

SPIEGEL ONLINE: Ja, Wissen kann unfrei machen. Das ist die Erfahrung, die ich im vergangenen Jahr gemacht habe. Auf einmal wusste ich von elf Gen-Varianten, die mein Risiko an Alzheimer zu erkranken, stark erhöhen. Prompt überlegte ich: Bin ich nicht tatsächlich in letzter Zeit vergesslich gewesen? Funktionierte mein Verstand vor 15 Jahren vielleicht besser? Außerdem weisen bei mir mehrere Gen-Varianten auf einen Hang zum Übergewicht hin.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt bei Ihnen auf den ersten Blick nach einer absurden Prognose.

Powers: Noch überraschender war es für mich zu erfahren, dass ich das so genannte "Depressions-Gen" in mir trage. Zum Trübsinn neige ich eigentlich gar nicht. Aber seitdem ich von dem Gen weiß, denke ich neu über mein Leben nach. Wenn ich mich bedrückt fühle, überlege ich, ob das ein Zeichen von Depression sein könnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlen sich krank, in Momenten, in denen Sie vorher nur traurig gewesen wären?

Powers: Ja, aber zum Glück musste ich nur einige Monate mit dem Depressions-Gen leben. Dann erschien eine neue wissenschaftliche Studie, die zum Ergebnis kam, dass die besagte Gen-Variante gar nichts mit Depressionen zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Lässt Sie diese Erfahrung nicht an der Zuverlässigkeit der Wissenschaft zweifeln?

Powers: Nicht unbedingt. In meinem Erbgut befinden sich etwa 50.000 Gen-Varianten, die in dieser Kombination noch nie untersucht worden waren. Das zeigt, wie wenig wir bislang überhaupt wissen. Für mich war die Analyse nützlich, weil sie mich gelehrt hat, was Vererbung überhaupt bedeutet. Es ist eben nicht so, dass man von einer bestimmten Gen-Variante auf einen Charakterzug schließen kann. Das ist die Geschichte, die mein Buch erzählt.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Roman entwerfen Sie ein erschreckendes Szenario. Die Suche nach dem Glücks-Gen gestaltet sich als eine Art Treibjagd. Dabei wird die beneidenswert fröhliche Thassa zur Verfolgten, um die sich Forscher und Fernsehsender reißen. Führt uns die angestrengte Suche nach dem Glück schließlich ins Unglück?

Powers: Thassas Geheimnis war es ursprünglich, sie selbst zu sein. Das wird ihr zunehmend schwer gemacht. Das Buch erzählt die düstere Geschichte einer Gesellschaft, die Glück mit permanenter Bedürfnis-Befriedigung verwechselt. Wir sind einer Konsum-Kultur verfallen, die uns suggeriert, unser persönliches Glück sei immer weiter steigerbar. Dabei besteht die Gefahr, dass die Wissenschaft zu einer profitorientierten Angelegenheit wird.

SPIEGEL ONLINE: ... die uns immer neue Möglichkeiten zur Veränderung und Verbesserung unserer genetischen Grundausstattung anbietet. Welche neuen ethischen Fragen wirft die Forschung auf?

Powers: Derzeit schreitet die Wissenschaft schneller voran als unser Verständnis dafür, wie wir sie nutzen wollen. Sollen Eltern mithilfe der Technik beispielsweise vor der Geburt Einfluss nehmen auf den Lebensweg ihrer Kinder? Zur Zeit klafft eine gewaltige Lücke zwischen dem technischen Fortschritt und unserer moralischen Reife. Das wird zu kleineren und größeren Katastrophen führen.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben im 20. Jahrhundert schreckliche Erfahrungen mit der Eugenik gemacht. Wappnet uns das für die Zukunft?

Powers: Hoffentlich sind wir vorsichtiger geworden. Aber wir leben in einer Gesellschaft, die fasziniert ist vom Gedanken der steten Verbesserung und Selbst-Optimierung. Wir müssen überlegen, ob wir wollen, dass unser persönliches Glück irgendwann zu einem formbaren Produkt wird.

SPIEGEL ONLINE: Ein Gen oder eine Pille, die uns dauerhaft gute Laune bescherte - das wäre also kein wunderbares Geschenk?

Powers: Wenn es tatsächlich Menschen geben sollte, die einfach von Geburt an glücklich sind, würde das unsere Vorstellung vom Glück radikal verändern. Ich glaube, wir sind dann glücklich, wenn unser Handeln Sinn ergibt, wenn wir eine sinnvolle Lebensgeschichte erzählen können. Wer würde schon permanent und gleichbleibend glücklich sein wollen. Diese Vorstellung ist doch eher beängstigend. Glücksmomente entstehen nur, wenn es zwischendurch auch Traurigkeit gibt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn wir uns ab und zu vom Glück überraschen lassen können?

Powers: Ja, wir streben zwar danach, immer mehr Kontrolle über unser Leben zu gewinnen. Aber wahres Glück schließt auch die Akzeptanz des Geheimnisvollen, des Schicksals mit ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden anderen also nicht zur Entschlüsselung ihres Erbguts raten?

Powers: Nein, derzeit bringt uns die Gen-Diagnostik nicht weiter auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Einige Ergebnisse mögen ähnlich nützlich sein wie ein Cholesterin-Test. Sie könnten als Impuls dienen, ein wenig gesünder zu leben. Aber die Vielzahl von Informationen, die wir gewinnen, verwirren eher als dass sie uns nützen. Die meisten Menschen würden dadurch ängstlicher werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen Ihre Leser auch über die moderne Genetik aufklären. Hätten Sie nicht genauso gut ein Sachbuch schreiben können?

Powers: Nein, ein Roman erzählt vielschichtigere Wahrheiten. Er macht Anteilnahme möglich. Ich möchte, dass meine Leser mit Thassa ebenso mitfühlen wie mit den Wissenschaftlern, die ihr Geheimnis ergründen wollen. Die Literatur liefert keine einfachen Antworten, aber sie stellt die richtigen Fragen.

Das Interview führte Julia Bonstein und Susanne Weingarten


Richard Powers: "Das größere Glück", 432 Seiten, 22,95 Euro, Fischer

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1. Gegen den Tag
BerSie 13.08.2008
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
2. bücher
joachim durrang 13.08.2008
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
3.
kurzundknapp 13.08.2008
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
4.
BerSie 13.08.2008
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
5.
Muffin Man 13.08.2008
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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Zur Person
Richard Powers

Der Schriftsteller Richard Powers, geboren 1957 im US-Bundesstaat Illinois, war schon zu Studienzeiten hin- und hergerissen zwischen Wissenschaft und Kunst. Zunächst studierte er Physik, machte aber einen Magister in Literaturwissenschaften, um dann als Programmierer zu arbeiten. Erst eine Schwarz-Weiß-Fotografie des deutschen Fotografen August Sanders faszinierte ihn so, dass er seinen Job kündigte und mit dem Schreiben anfing. Sein 1985 erschienenes Romandebüt "Three Farmers on Their Way to a Dance", das bislang nicht auf Deutsch erschienen ist, wurde zum Überraschungserfolg. Mit "Das Echo der Erinnerung" wurde Powers 2006 für einen Pulitzer-Preis nominiert. Naturwissenschaften spielen stets eine wichtige Rolle in seinen Romanen, so auch in "Das größere Glück" (Originaltitel: "Generosity: An Enhancement"), das im Oktober 2009 erscheint.


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