US-Autorin Willa Cather Erzählungen aus dem Land der ägyptischen Plagen

Dürre, Hagel, Heuschreckenjahre: Die Helden in Willa Cathers Romanen verschlägt es in ein gebeuteltes Land - die Prärie. Nur ihr Glücksstreben bewahrt sie vor dem Untergang. Mit ihren Büchern hat die Autorin dem amerikanischen Selbstverständnis ein Denkmal gesetzt.

Von Elke Schmitter


Wo die Welt zu Ende geht, beginnen ihre Geschichten. In einer Epoche, da die Wege aller, die etwas werden wollen, in die Städte führen, da gehen ihre, Willa Cathers Helden in die Wüste, in die Prärie, an die Ränder des menschlichen Lebens.

US-Autorin Cather: Die höchsten Prinzipien der Neuen Welt
DPA

US-Autorin Cather: Die höchsten Prinzipien der Neuen Welt

Der Franzose Jean Marie Latour zum Beispiel, am Mittelmeer geboren, Student in Rom, macht sich auf den Weg in die mexikanische Diaspora, um in Hitze und Wildnis Kirchen zu bauen und Gemeinden zu gründen ("Der Tod bittet den Erzbischof", 1927). Die begabte Lucy, die in Chicago das Künstlertum entdeckt, zieht den Obstgarten auf der Familienfarm in Haverford dem städtischen Getriebe vor ("Lucy Gayheart", 1935). Und der Erzähler von "Meine Antonia" (1918) lernt seine Heldin in der Eisenbahn kennen, die vom kultivierten Virginia in die Prärie fährt.

Wo die Welt zu Ende geht, beginnt diese große Geschichte. Wie "Der Tod bittet den Erzbischof" und "Lucy Gayheart" ist sie nun als Neuauflage erschienen. Der Mann, der sie erzählt, ist vollkommen entwurzelt - wie seine Heldin Antonia auch. Er hat seine Eltern verloren, sie ihre Heimat Europa. Als Waise zieht der Junge zu seinen Großeltern, um bei ihnen zu leben, und im selben Zug sitzt ein Mädchen aus Böhmen, nicht viel älter als er, das nur ein paar Worte Englisch spricht: "Wir fahren Black Hawk, Nebraska."

Mit Nachbarschaft und Zufall fängt es an. Beide "fahren Black Hawk, Nebraska", beide wissen nichts von diesem Land, und es gibt auch nicht viel zu sehen: "Das Einzige, was mir an Nebraska auffiel, war, dass es den lieben langen Tag über Nebraska war, immer nur Nebraska." Aber gerade darum ist Nachbarschaft eben viel mehr als ein höfliches Nebeneinander. In einem Land, in dem die Menschen in Erdhöhlen leben, bis sie ein Haus bauen können, sind die Nachbarn Freund oder Feind, Unterhaltung oder Bedrohung, Überlebensretter und Totengräber. Sie sind die Nächsten, die man sich nicht aussuchen kann.

Kolonnen kleiner roter Käfer

Und es sind arme Leute. In nicht wenigen Familien gibt es nur einen Mantel. Die Einwanderer aus Europa sind vagen Verheißungen gefolgt und haben ihre Ersparnisse aus Unkenntnis und falsch plaziertem Misstrauen binnen Wochen verloren. Ein kaputter Spaten ist eine Katastrophe, und die winddurchtoste Stille macht manche verrückt oder depressiv.

Wer nicht empfänglich wird für die Natur, mit der er kämpft, ist in der Prärie verloren. Es sind die Kinder, die deren Schönheit sehen, und die den ungeheuren Raum, dem sie ausgesetzt sind, mit allen Sinnen aufnehmen. Andacht ist nicht in der Kirche. "Die Erde, auf der ich saß, war warm, und warm war die Erde, die ich zwischen den Fingern zerbröckelte. Komische kleine rote Käfer kamen hervor und krabbelten in Kolonnen langsam um mich herum. Sie hatten glänzende zinnoberrote Panzer mit schwarzen Punkten. Ich verhielt mich so still, wie ich nur konnte. Nichts geschah. Ich erwartete nicht, dass etwas geschehen würde. Ich war da, spürte die Sonne, war wie die Kürbisse, und mehr wollte ich gar nicht sein. Ich war vollkommen glücklich."

Cather selbst kam 1893, mit zehn Jahren, in die Prärie. Das Land war "mit allen ägyptischen Plagen gestraft, von Trockenheit ausgedörrt und von Regengüssen durchweicht, mit Hagel geschlagen und von Bränden verzehrt und in den Heuschreckenjahren kahl- und reingefressen wie Knochen, welche die Geier übriglassen."

Austern im Waldorf Astoria

Sie hatte die erste Entwurzelung so erlebt wie ihre Helden: Aus einer rhythmischen, kultivierten Umgebung in ein Land zu geraten, in dem es kaum Bäume gibt, in dem die Sommer schattenlos heiß, die Winter kalt und gnadenlos sind, in dem der Wind unaufhörlich über die Ebene streicht und alles in Bewegung hält, "als wäre das struppige Gras ein locker übergeworfenes Laken, und darunter galoppierten Herden wilder Büffel dahin, dahin...".

Als sie dort ankam, in der riesigen Mitte Amerikas, war sie verstört, und sie brauchte Jahre, um sich an die Leere, the unfurnished room, zu gewöhnen. Vom 23. Lebensjahr an zog sie um in große Städte; Pittsburgh und später New York.

Sie war als Journalistin rege und erfolgreich, als Autorin bald eine celebrity – und alles andere als provinziell. Als Studentin hatte sie Männerkleidung getragen und sich "William" rufen lassen; ein konventionelles Familienleben führte sie nie. Cather wohnte in Greenwich Village, später auf der Park Avenue, sie frequentierte die Oper und aß um Mitternacht Austern im Waldorf Astoria. Sie schätzte Komfort und Geselligkeit. Doch die harte Herrlichkeit der Prärie war der Stoff ihres Lebenswerks.

Vergeude dein Leben nicht

Willa Cather wollte unfurnished novels schreiben, unmöblierte Romane. Details interessierten sie nicht als Beglaubigung, dass etwas "wirklich so war" – das gehörte zum Journalismus. Ihre Literatur geht aufs Elementare: Menschen, Erde, Beziehungen. Sie zielt immer auf etwas, das schwer zu sagen ist und jedenfalls nicht zu beschreiben, wie beispielsweise die Liebe, wie das, was Menschen verbindet und trennt, wie eine Atmosphäre im Haus, in einer Familie, wie eine Erfahrung von Transzendenz. "The thing not named" nannte Cather das. Man kann es mit Sätzen umkreisen, doch benennen lässt es sich nicht.

Die Ambitionen ihrer berühmtesten Figuren sind extrem, sehen aber bescheiden aus: Es geht ihnen nicht um gesellschaftliche Geltung, um Besitz, Macht oder Ruhm; es geht auch kaum um das, was man Vergnügen nennt. Sie suchen das gute alte Seelenheil. Und das kann religiös sein oder pantheistisch, es kann in der Bestimmung zur Fürsorge liegen, zum Dienst an der Kunst oder der Liebe. Es kann die Lust umfassen, sein Grundstoff aber ist ernst: Verfehle deine Bestimmung - so das moralische Credo -, und du vergeudest dein Leben. Auch wer an das ewige Leben glaubt, kann sein irdisches verplempern.

Die höchsten Prinzipien der Neuen Welt, der Glaube an den Einzelnen und das Streben nach Glück, sind hier vereint. Dieser ur-amerikanische Kern ihres Werks ist sicher ein Grund für Willa Cathers Popularität in den USA.

Nussschale der Notwendigkeit

Mit Dankbarkeit verehrt aber wird sie, weil sie eine ganze Ära dem kollektiven Gedächtnis vermachte - ohne sie zu glorifizieren. So betrachtet der Erzbischof Latour in "Der Tod bittet den Erzbischof" die Vertreibung der Navajo-Indianer aus ihrem Stammland als ein "himmelschreiendes Unrecht"; und ihrem Glauben begegnet dieser resolute Missionar mit selbstverständlichem Respekt.

Willa Cather sei eine von denen, sagte Sinclair Lewis bei der Nobelpreisverleihung 1930, die diese Ehrung mehr verdient hätte als er. Allerdings wählte sie Mittel der Kunst, die vor lauter Diskretion und Können beinahe unsichtbar bleiben. Die Scheinschlichtheit ihres Stils - das einfache Vokabular, die melodisch schwingenden Sätze, die Klarheit ihrer Wahrnehmung - ließ sie, wie ihre Themen, weniger "interessant" erscheinen als ihre Zeitgenossen. (Sie schrieb, immerhin, zur selben Zeit wie Djuna Barnes, James Joyce, Getrude Stein.)

Die Avantgarde beschäftigte die 1947 gestorbene Autorin nicht. Für ihren Ehrgeiz, für ihre Suche nach der Essenz lebenslanger Erfahrung - mit Menschen und der Natur, in der Nussschale der Notwendigkeit - war nur von Bedeutung, wie sie schrieb: betörend, hochmusikalisch, scheinbar ohne Aufwand. Ihr Werk gibt Amerika eine Erinnerung, an der es sich messen kann: loyal und würdevoll, barmherzig und zivil.


Willa Cather: "Meine Antonia", Knaus, 320 Seiten, 19,95 Euro
"Der Tod bittet den Erzbischof", Manesse, 352 Seiten, 19,90 Euro
"Lucy Gayheart", Manesse, 352 Seiten, 19,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.