US-Comiczeichner Jason Lutes "Das Hakenkreuz ist in den Köpfen der Menschen"

In seiner noch unvollendeten Comic-Saga "Berlin" verwebt Jason Lutes die Lebenswege unterschiedlicher Charaktere in den Monaten vor der Machtergreifung Hitlers. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Vermeidung von Nazi-Stereotypen und die Herausforderung, als Amerikaner die Wirren der Weimarer Republik akkurat darzustellen.


Comic-Zeichner Lutes (Selbstporträt): "Ich will einfach fertig werden"

Comic-Zeichner Lutes (Selbstporträt): "Ich will einfach fertig werden"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Lutes, durch Ihre Arbeit kennen Sie Berlin wahrscheinlich schon längst besser als viele Berliner.

Jason Lutes: Wenn ich mir Berlin im Kopf vorstelle, sehe ich die Karte der Stadt. Berlin ist für mich ein Stadtplan, ein Geschichtsbuch. Das ist eine sehr intellektualisierte Sichtweise. Erst mein letzter Besuch in Berlin hat mir auch ein Gefühl für die Stadt gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt Ihr großes Interesse an Berlin?

Lutes: Städte haben mich schon immer fasziniert. Orte, an denen Menschen aufeinander treffen, die wachsen und sich entwickeln. Städte bekommen Schichten aus Geschichte. Und obwohl Berlin sich mehr als jede andere Stadt verändert hat, kann man viele Teile der Stadtgeschichte nachvollziehen, in dem man einfach auf den Stadtplan schaut. Die Ost-West-Geschichte, die Teilung, alles das findet sich dort wieder. Trotz all der Veränderungen ist Berlin im Grunde derselbe Ort geblieben.

Szene aus "Berlin": "Ich wollte zwei Charaktere, die die Grundidee des Mediums Comic wiedergeben"

Szene aus "Berlin": "Ich wollte zwei Charaktere, die die Grundidee des Mediums Comic wiedergeben"

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zum ersten Mal über Berlin als Thema für einen Comic nachgedacht?

Lutes: Ich erinnere mich, eine Werbung gesehen zu haben, für ein schmales Buch über Berlin und die zwanziger Jahre. Das war vor zehn Jahren. Ich war damals gerade dabei, meinen ersten großen Comic "Narren" zu beenden und war auf der Suche nach einem neuen Thema. Ich sah diese Anzeige und als nächstes bestellte ich mir einen Haufen Bücher über Berlin. Es war ein Riecher, ein Impuls. Ich wusste nichts über die Stadt. Meine historische Bildung ist sehr dürftig. Natürlich war die Darstellung der Ereignisse in den Büchern viel komplexer als das, was ich mir in meiner Phantasie ausgemalt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell entwickelte sich daraus die Geschichte für "Berlin"?

Lutes: Am Anfang war es eine sehr vage Vorstellung, basierend auf meiner Faszination von Städten. Ich wollte versuchen, die Stadt im Comic zu erkunden. Daraus wurde dann die Idee von einer Künstlerin und einem Journalisten als Hauptcharaktere. Comics sind die Verbindung von Wort und Bild. Ich wollte zwei Charaktere, die diese Grundidee des Mediums Comic wiedergeben.

SPIEGEL ONLINE: "Berlin", dessen erster Band im vergangenen Herbst auf Deutsch erschienen ist, ist als 600 Seiten starke Trilogie geplant. Wie weit haben Sie die Geschichte bereits ausgearbeitet?

Lutes-Werk "Berlin": "Die Stadt im Comic erkunden"

Lutes-Werk "Berlin": "Die Stadt im Comic erkunden"

Lutes: Ich wusste von Anfang an, dass Berlin 24 Kapitel haben würde, die sich wiederum in drei Bücher aufteilen. Die Geschichte wird im Januar 1933 enden. Es gibt eine feste Grundstruktur der Handlung. Ich weiß, was den Hauptcharakteren geschehen wird. Ich habe bestimmte Ereignisse, wie etwa die Mai-Demonstration am Ende von Band eins, die fixe Punkte bilden im Handlungsverlauf. Zwischen diesen Punkten wird improvisiert. Ich versuche, flexibel genug zu sein, um mein eigenes Interesse zu bewahren. Schließlich muss ich das Ganze zeichnen!

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie speziell die späten zwanziger Jahre für die Geschichte gewählt?

Lutes: Es war eine Zeit unglaublicher Möglichkeiten. Die Menschen damals wollten die Welt ganz neu erschaffen. Man wollte mit einen Mal alles verändern. Die damalige Kunst war bahnbrechend. Telefon und Radio - die neue Technik schuf neue Möglichkeiten, die Welt zu betrachten. Eine sehr inspirierende Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Hatten und haben Sie Angst, bei der Schilderung der Berliner Verhältnisse, der Weimarer Republik und dem Beginn der Nazizeit Fehler zu machen?

NS-Propagandist im "Berlin"-Comic: "Ich will zeigen, dass die Nazis auch nur Menschen waren"

NS-Propagandist im "Berlin"-Comic: "Ich will zeigen, dass die Nazis auch nur Menschen waren"

Lutes: Ich bin zufrieden mit dem, was ich geschafft habe. Ich versuche so genau wie möglich zu arbeiten, die Stadt und die Kultur zu verstehen. Aber ich weiß, dass sich Fehler nicht vermeiden lassen. Ich kann nicht zurückgehen und ganze Kapitel neu zeichnen. Sie sind quasi 'aus mir heraus'. Heutzutage würde etwa das erste Kapitel ganz anders aussehen. Ich schaue es mir nicht gerne an. Ich will einfach fertig werden.

SPIEGEL ONLINE: Für die Buchausgabe haben Sie aber einzelne Seiten neu gezeichnet.

Lutes: Ja, aber nicht viele. Mein größter Fehler war die Darstellung der S-Bahn-Station am Alexanderplatz, die komplett falsch war. Ich hatte mich an Fotografien orientiert und die Teile des Bahnhofs, die auf den Fotos nicht sichtbar waren, dazu erfunden. Der Rest waren Kleinigkeiten. Etwa ein Schild in einem Schaufenster mit der Aufschrift "Sommerschlussverkauf" im Frühjahr. Ich hatte einfach nicht überprüft, was das Wort bedeutet. Ich dachte, es sei Teil des betreffenden Geschäfts.

Zeichner Lutes (Signierstunde bei der "Berlin"-Ausstellung im Berliner Kaufhaus Dussmann, 2003): "Ich möchte nicht wirklich Figur in einem meiner Bücher sein"

Zeichner Lutes (Signierstunde bei der "Berlin"-Ausstellung im Berliner Kaufhaus Dussmann, 2003): "Ich möchte nicht wirklich Figur in einem meiner Bücher sein"

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie in "Berlin" von Nazis erzählen, dann sind das nicht die üblichen Schurken, sondern Menschen in Nazi-Uniform. Wieso?

Lutes: Ich halte es für gefährlich, wenn jemand eine Geschichte nur in Stereotypen erzählt. Das nimmt den Figuren die Menschlichkeit. Wie bei den Nazi-Zerrbildern in "Schindlers Liste". Solche Geschichten sagen: Dieser Mensch ist kein Mensch, sondern ein Monster. Aber das stimmt nicht. Ich will zeigen, dass diese Nazis auch nur Menschen waren. Jeder von ihnen hat Entscheidungen in seinem Leben getroffen, die ihn zu dem gemacht haben, was er war. Einer der Gründe, weshalb ich "Schindlers Liste" trotzdem mag, ist Ralph Fiennes als Lagerkommandant. Das war ein komplexes, ängstliches, menschliches Wesen. Fiennes hat einen glaubwürdigen Charakter geschaffen. Das hat auf mich sehr kraftvoll gewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt noch nicht einmal Hakenkreuze in "Berlin" zu sehen.

Lutes: Das Problem mit Hakenkreuzen heutzutage ist die veränderte Bedeutung des Symbols. Als das Hakenkreuz in Gebrauch kam, war es nur ein abstraktes Symbol einer abstrusen politischen Partei. Keiner wusste, was daraus später werden würde. Dass die Nazis später all ihre schrecklichen Taten begingen, veränderte den symbolischen Gehalt des Hakenkreuzes. Damals war es dagegen einfach nur ein irgendein Symbol. Deshalb habe ich die künstlerische Entscheidung getroffen, in "Berlin" keine Hakenkreuze zu zeichnen. Manche Leser schwören trotzdem, dass sie drin sind. Das Hakenkreuz ist in den Köpfen der Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Was Ihre drei Hauptwerke "Narren", "Berlin" und "Herbstfall" verbindet, ist der überall auftauchende Charakter des "einsamen Wolfs". Ein autobiografischer Aspekt?

Lutes: Wahrscheinlich, ja. Kurt Severing in "Berlin" ist sehr nah an mir orientiert. Martha Müller und Kurt sind gewissermaßen zwei Seiten von mir. Auch "Narren" war fast autobiografisch. Es handelt stark von dem, was ich damals gefühlt und durchgemacht habe. Ich war oft allein in meinem Leben. Ich stehe meiner Familie zwar nahe, habe aber keinen häufigen Kontakt zu ihnen. Ich habe immer ein sehr unabhängiges Leben geführt und bin glücklich damit. Das ist also ein autobiografischer Aspekt. Aber ich möchte nicht wirklich Figur in einem meiner Bücher sein.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird "Berlin" abgeschlossen sein?

Lutes: Frühestens 2009. Spätestens 2015. Ich arbeite sehr langsam.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine sehr lange Zeit. Haben Sie keine Angst, dass Sie das Thema bis dahin langweilt?

Lutes: Während des Zeichnens von "Berlin" hat mein Interesse regelmäßig zu- und abgenommen. Aber ich glaube fest, dass ich das Projekt sicher durch alle Komplikationen bringen werde, ohne mich vorher umzubringen.

Interview: Stefan Pannor


Jason Lutes: "Berlin - Steinerne Stadt" ist im Oktober 2003 im Carlsen Verlag (Hamburg) erschienen, 213 Seiten, 14 Euro

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