US-Schriftsteller Paul Auster: "Was ich am meisten fürchte, ist McCains Temperament"

Ein vom Bürgerkrieg zerfressenes Amerika, das beschreibt Paul Auster in seinem neuen Buch "Mann im Dunkel". Mit SPIEGEL ONLINE sprach der US-Schriftsteller über schlaflose Nächte und den unglücklichsten Moment seines Lebens - und erklärt, warum Barack Obama die Wahl noch nicht gewonnen hat.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Auster, in Ihrem neuen Buch geht es um einen alten Mann, der nachts wach liegt und Alpträume von Amerika hat. Schlafen Sie gerade schlecht?

Auster: Ich hatte meine Phasen der Schlaflosigkeit, aber im Moment ist es zum Glück nicht so schlimm. Was ich über diese schlaflosen Nächte herausgefunden habe, ist, dass man in ihnen dazu neigt, Dinge allzu negativ zu sehen. Man durchlebt noch einmal seine sorgenvollsten Momente, aber nicht die Zeit, in der man glücklich war. Man bewertet seine Versäumnisse höher als seine Triumphe, man brütet über der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. Warum das so ist? Keine Ahnung, aber es scheint ein universelles Problem zu sein.

Schriftsteller Auster: "Es geht nur darum, dass Obama schwarz ist. Das ist die alles entscheidende Frage"
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Schriftsteller Auster: "Es geht nur darum, dass Obama schwarz ist. Das ist die alles entscheidende Frage"

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie dann doch mal an Insomnia leiden, was unternehmen Sie dagegen?

Auster: Ich stehe auf, laufe im Haus herum und lasse mich irgendwo nieder, um ein Buch zu lesen. Um ganz ehrlich zu sein: Meistens ende ich vor dem Fernseher, um mir einen Film anzusehen. So versuche ich, mich von dem Gewicht dieser nächtlichen Folter zu befreien.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Romanheld August Brill hat es da nicht so leicht. Er ist nach einem Unfall ans Bett gefesselt und kann nicht einfach im Haus herumtigern.

Auster: Er hat es wirklich nicht leicht! Aber ich habe mir den Unfall nicht ausgedacht, damit Brill im Bett bleiben muss, sondern damit er gezwungen ist, mit seiner Tochter und deren Tochter in einem Haus zu leben. Aber die Frage ist trotzdem sehr interessant, weil sie daran rührt, wie Romane geschrieben werden. Ich selbst habe mich nie als Puppenspieler gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Auster: Ich ziehe keine Fäden, ich höre vielmehr darauf, was die Charaktere mir erzählen. In gewisser Weise kriecht man in ihre Haut - und manchmal verwandelt man sich in sie. Zuerst ist es nur eine vage Sympathie, die man für diese imaginären Figuren empfindet, und dann werden sie plötzlich so real wie Sie oder ich.

SPIEGEL ONLINE: Irgendetwas scheinen Sie diesmal aber falsch gemacht zu haben, denn ausgerechnet die "New York Times", also quasi Ihre Leib- und Magen-Zeitung, verriss "Mann im Dunkel" gleich zweimal.

Auster: Die "Times" war schon eine ganze Weile hinter mir her, besonders Richard Eder, der Rezensent, der mein Buch in der täglichen Ausgabe verrissen hat, hat mich schon seit 20 Jahren auf dem Kieker. Was soll man da machen? Aber ich habe mich sehr über den letzten Absatz amüsiert, in dem er schreibt: "Paul Auster glaubt nicht an die traditionellen Werte fiktionaler Literatur." Das klang für mich fast schon wie eine Attacke in einer politischen Kampagne, als hätte er gemeint: "Paul Auster glaubt nicht an die traditionellen Familienwerte!" Ich tröste mich damit, dass ich in guter Gesellschaft bin: Die "Times" hat jedes Buch von William Faulkner verrissen, jedes Buch von Nabokov.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat die "Times" nicht ganz unrecht, denn in Ihrem neuen Buch gibt es keine lineare Erzählstruktur. Und auch in früheren Büchern haben Sie gerne und oft mit nicht-linearen Narrativen experimentiert.

Auster: Tatsächlich gibt es zwei Arten Romane von mir. Die eine Art ist linear, die andere etwas labyrinthischer, das geht zurück bis zur "New York Trilogie": "Stadt aus Glas", das erste Buch, ist ein Irrgarten, aber "Geister", das zweite Buch, ist sehr geradeaus. So ging es immer weiter, bis ich in dieser ständigen Abwechslung ein Muster erkannte. Es ist wahrscheinlich eine Art psychologischer Rhythmus.

SPIEGEL ONLINE: Mit "Reisen im Skriptorium" und "Mann im Dunkel" haben Sie jetzt aber gleich zwei Labyrinthe hintereinander geschaffen.

Auster: Das stimmt, wobei ich "Mann im Dunkel" eher als eine Art Collage bezeichnen würde. Es besteht aus verschiedenen Elementen, die alle miteinander interagieren. Ich habe versucht, mir vorzustellen, was in dem Geist eines Mannes geschieht, der nachts wach im Bett liegt: Du wälzt dich von einem Gedanken zum anderen, kehrst zurück, springst wieder woanders hin. Und so geht es August Brill in meinem Buch.

SPIEGEL ONLINE: Der erste Teil Ihres neuen Buches ist ungewohnt politisch. Statt die Attacken vom 11. September zu erleben und Krieg im Irak zu führen, gleiten die USA nach der Präsidentschaftswahl 2000 in einen blutigen Bürgerkrieg ab. Das träumt zumindest August Brill. Hätten Sie diese Variante der Realität vorgezogen?

Auster: Schwer zu sagen, in diesem Krieg, den Brill sich ausdenkt, sterben mehr als eine Million Menschen, also lautet die Antwort natürlich erst einmal Nein. Aber was ich mir tatsächlich gewünscht hätte, wäre ein größeres öffentliches Empören über die Entscheidung des Supreme Courts im Jahr 2000, Bush zum Präsidenten zu erklären, nicht Al Gore. Es ist die schlimmste und unehrlichste juristische Entscheidung, die es in Amerika je gegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es Ihnen an diesem schicksalhaften Tag?

Auster: Das war einer der unglücklichsten Momente meines Lebens, ich habe mich genauso elend und verzweifelt gefühlt wie an dem Tag, als mein Vater starb. Ich dachte, ich sehe dabei zu, wie mein Land stirbt. Ich weiß bis heute nicht, warum Amerika damals so passiv war: Gore hatte doch gewonnen! Seit diesem Tag habe ich das schreckliche Gefühl, dass wir nicht mehr in der realen Welt leben. Und dieser Alptraum hat mich dazu inspiriert, August Brill die Geschichte dieses Bürgerkriegs zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen gab es eine weitere Wahl, bei der Bush ohne Zweifel am Procedere für eine zweite Amtszeit gewählt wurde. Haben Sie in den vergangenen Jahren wieder etwas Vertrauen zu den Institutionen gefasst?

Auster: Nein, bisher nicht. Alle wichtigen Ämter und Einrichtungen wurden von Bush und seiner Regierung schwer geschwächt. Das Justizministerium, das Umweltministerium, das Innenministerium und ganz zu schweigen von Fema, der Katastrophenschutzbehörde - es gibt nach acht Jahren republikanischer Regierung einfach zu viele inkompetente Leute auf so vielen wichtigen Posten. Das ist eine echte Katastrophe! Aber zum Glück wird sich das schnell ändern, wenn Barack Obama die Wahl gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie da nicht ein bisschen zu optimistisch? Letztlich ist doch auch Obama ein Politiker, hinter dem Beamten, Berater und Partei-Bürokraten stehen.

Auster: Niemand sagt, dass es keine Korruption und keine Inkompetenz mehr geben wird, wenn die Demokraten die Regierung stellen. Mein Vertrauen in diese Partei ist nicht größer als in die Republikaner. Aber sie haben eine andere Vision davon, was eine Regierung darf. Also besteht Hoffnung, dass der Glaube an ein paar Dinge wiederhergestellt werden kann: Das fängt bei der Einhaltung der Genfer Konventionen an und hört bei der Wiedereinführung von Habeas Corpus und der Schließung von Guantanamo auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind überzeugt, dass Obama gewinnen wird. Was denken Sie über McCain?

Auster: Ich mag McCain überhaupt nicht. Er ist ein gefährlicher Mann und seine politischen Ansichten stoßen mich ab. Aber was ich am meisten fürchte, ist sein unberechenbares Temperament. Er ist schlicht nicht geeignet, Präsident zu werden, denn er wird mit großer Wahrscheinlichkeit sehr impulsive Entscheidungen fällen. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum jemand, der fünf Jahre lang in Kriegsgefangenschaft gefoltert wurde, als Held gilt, der obendrein noch in der Lage sein soll, Präsident zu werden. Das ist ein psychologisches Profil, das man am wenigsten gebrauchen kann auf diesem Posten.

SPIEGEL ONLINE: Obama auf der anderen Seite ist ein politischer Neuling mit wenig Erfahrung.

Auster: Kennedy war auch noch ein Grünschnabel und jünger als Obama, als er Präsident wurde. Wenn man smart ist, lernt man schnell, und ich halte Obama für reichlich smart. Der Druck, der auf ihm lastet ist enorm. Stellen Sie sich vor, Sie sind der erste schwarze Präsidentschaftskandidat, der für eine der großen Parteien antritt: Sie können sich keinen einzigen Fehler erlauben. Obama hat das geschafft, und das ist bemerkenswert. Er hat nicht die Geduld verloren, er hat nichts wirklich Dummes von sich gegeben. Die Selbstdisziplin, die dazu gehört, ist sehr eindrucksvoll. Unter dem Druck dieser Kampagne zeigt er für mich, dass er die mentale Stärke besitzt, um Präsident zu werden. Ich selbst hätte längst den Verstand verloren oder einen Nervenzusammenbruch gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Glaubt man den Umfragen, ist Obama so gut wie gewählt.

Auster: Ja, aber es gibt keine Garantie dafür! Unter normalen Umständen würde ich von einem Erdrutschsieg für die Demokraten ausgehen, nachdem Bush acht Jahre lang das Land in den Ruin getrieben hat. Aber da er schwarz ist, ist es unmöglich zu sagen, was passieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, all die Begeisterung für Obama, die Aufbruchstimmung, die er verbreitet, all das ist am Ende egal?

Auster: Ja, es geht nur darum, dass er schwarz ist. Das ist die alles entscheidende Frage. Das ist der Elefant mitten im Raum, über den niemand sprechen will. Gerade gestern las ich in der Zeitung einen Artikel über Gewerkschafter, die normalerweise immer demokratisch wählen. Aber dieses Mal nicht, hieß es da, weil sie keinen Schwarzen wählen wollen. Das ist nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Warum kann Amerika nicht offen über die Rassenproblematik sprechen?

Auster: Niemand möchte mehr öffentlich als Rassist erkannt werden, das war vor 40 Jahren noch anders, da konnte jemand wie George Wallace antreten und seinen ganzen Wahlkampf auf seinem Rassismus aufbauen. Immerhin haben wir es schon so weit geschafft, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Dank der Debatte um politische Korrektheit hat sich das Land entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Dann muss man sich ja eigentlich nicht sorgen.

Auster: Doch, denn das alles hat dazu geführt, dass es schlicht niemand mehr zugibt, wenn er rassistische Gedanken hat. Und deshalb traue ich den Umfragen bei dieser Wahl kein bisschen. Die Leute sind so konditioniert, nichts Anstößiges zu sagen, dass sie die Polls belügen. Es gibt eine große Masse Wähler, hauptsächlich arme und mittelständische Weiße, die noch unentschieden sind und sich an keine politische Partei gebunden fühlen. Auf die wird es bei dieser Wahl ankommen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir an, Sie haben recht mit Ihren Befürchtungen und McCain gewinnt die Wahl. Was machen Sie dann?

Auster: Wenn die Wahl fair ist, weiß ich nicht, was ich tun werde. Wenn aber erneut betrogen wird, dann gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben raus auf die Straße und protestiere.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Genau
mykafer 30.10.2008
Die Amerikaner werden - so auch meine Befürchtung - keinen Schwarzen zum Präsidenten wählen. Und auch keine Frau. Jedenfalls 2008 noch nicht. Vielleicht in 100 Jahren.
2. Nicht so schwarzseherisch
rohfleischesser 30.10.2008
Zitat von mykaferDie Amerikaner werden - so auch meine Befürchtung - keinen Schwarzen zum Präsidenten wählen. Und auch keine Frau. Jedenfalls 2008 noch nicht. Vielleicht in 100 Jahren.
Ich denke nach 8 Jahren Obama werden sie von schwarzen Präsidenten garnicht mehr genug bekommen können.
3. !
Hank Calloway 30.10.2008
Zitat von mykaferDie Amerikaner werden - so auch meine Befürchtung - keinen Schwarzen zum Präsidenten wählen. Und auch keine Frau. Jedenfalls 2008 noch nicht. Vielleicht in 100 Jahren.
Koennen Sie diese Aussage irgendwie sachlich begruenden? Vor allem vor dem Hintergrund, dass ein Farbiger praktisch schon auf der Ziellinie zum Weissen Haus ist, und selbst, wenn er verliert, ein Frau dann Vizepraesidentin wird. Die Tatsachen widersprechen Ihren "Befuerchtungen".
4. Deutsche Allesbesserwisser?
schwaborigine, 30.10.2008
Mich erstaunt sehr, daß quasi die komplette Presse sich einig zu sein scheint, daß Obama Präsident werden muss. Warum eigentlich? Herr Sarkozy beispielsweise teilt diese Vorschusslorbeeren nicht! http://www.haaretz.com/hasen/spages/1031943.html
5. Befürchtungen
Schlabund, 30.10.2008
Zitat von Hank CallowayKoennen Sie diese Aussage irgendwie sachlich begruenden? Vor allem vor dem Hintergrund, dass ein Farbiger praktisch schon auf der Ziellinie zum Weissen Haus ist, und selbst, wenn er verliert, ein Frau dann Vizepraesidentin wird. Die Tatsachen widersprechen Ihren "Befuerchtungen".
Warten wir es ab, ob die "Tatsachen" den geäuserten Befürchtungen widersprechen. Ich teile die Befürchtungen.
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