Posthumer Roman Und auf dem Minigolfplatz wartet die Traurigkeit

Wenn der Bruder häufiger an den Tod denkt als an Sex: Der Alltagsroman des früheren "Tempo"-Kolumnisten Uwe Kopf erzählt von einem ungleichen Geschwisterpaar. Leider erlebte der Autor die Veröffentlichung nicht mehr.

Minigolfspieler, wohlgemerkt: nicht Miniaturgolf
DPA

Minigolfspieler, wohlgemerkt: nicht Miniaturgolf

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Als alle anderen Journalisten längst ihre Texte per E-Mail verschickten, lieferte Uwe Kopf seine per Fax. Er hatte sie auf der Schreibmaschine getippt, und zwar kein Zeichen zu viel. Darunter stand ein kurzer, handgeschriebener Gruß.

Für den jungen Stadtzeitungsredakteur war das Eintreffen eines solchen Fax eine Freude, denn die Texte, kleine Konzertankündigungen, waren auf den Punkt geschrieben und äußerst unterhaltsam, beim Abtippen in den Computer musste kein Komma verändert werden. Es hieß allerdings in der Redaktion auch, täte man es doch, träfe einen Kopfs Wut. Mancher hatte ein bisschen Angst vor Uwe Kopf, vor Uwe Kopfs Prinzipien und vor der Strenge, mit der er sie anwendete.

Als Uwe Kopf am 9. Januar 2017 in einem Hamburger Krankenhaus starb, verbreitete sich bald schon ein Rundfax bei Facebook, das Uwe Kopf an die Autoren des "Tempo"-Kulturressorts geschickt hatte:

Die Regeln, die er darin aufstellt, sind zeitlos (und, wie die meisten Regeln, nicht immer leicht einzuhalten); sie haben seine damaligen Kollegen beeinflusst, die sie wiederum an andere Journalisten weitergaben. Uwe Kopf war also ein im Kulturjournalismus bedeutsamer Sprachlehrer. Doch taugen seine Regeln auch für Literatur?

Schon vor Kopfs Tod mit 60 Jahren war angekündigt worden, dass der Roman erscheinen solle, den zu schreiben er seit vielen Jahren, mindestens seit 1997, also kurz nach dem Ende des Magazins "Tempo", geplant habe. Wie der Plan dann tatsächlich zum Buch wurde, ist einigermaßen abenteuerlich, sein Agent Stephan Timm berichtete kürzlich in der "Welt am Sonntag" darüber: Kopf schickte Timm kurze Passagen per E-Mail (ja, irgendwann nutzte er doch einen Computer), der baute daraus Kapitel und letztlich ein Buch.

Doch wie auch immer er entstanden sein mag: Es ist gut, dass es diesen Roman gibt. Er erzählt eine Geschichte aus dem Hamburger Nordosten, die Kindheit von Tom und Sören in den Sechziger- und Siebzigerjahren, zweier Brüder im Stadtteil Berne, der geprägt ist von der "SAGA, einem Hamburger Unternehmen, das seine Objekte an Bedürftige vermietet".

Das Ende ist von Anfang an klar

Solche nach Journalistenslang klingenden Passagen sind glücklicherweise selten in "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe", und die alltagskulturellen Zeitmarkierungen der erzählten Ereignisse ("als Otto und seine Ottifanten über Deutschland kamen") sind ein hübsches Stilmittel: "Den vierten Spieltag (mit HSV - Hertha BSC 1:1) erlebte die Oma nicht mehr".

Uwe Kopf: Kein Komma musste verändert werden
Anja Jenkner

Uwe Kopf: Kein Komma musste verändert werden

Von Anfang an ist das Ende der Geschichte klar: Der jüngere der beiden Brüder, Tom, wird sich umbringen, mit 40. Aus seiner Sicht wird hier erzählt, von einer Tristesse, die manchmal an die von Heinz Strunk in seinen Harburg-Büchern erinnert - nur dass Kopfs Humor subtiler ist, die Traurigkeit aber genauso unentrinnbar wirkt, zwischen Hochhäusern und Minigolfplatz.

Aus der tristen Jugend kommt Tom als Mann hervor, der äußerlich an Jesus erinnert, den ähnlich langhaarigen Gitarristen Rory Gallagher bewundert und sich viel zu früh verlobt - und lange jungfräulich bleibt. Zudem erzählt ihm ein Nachbar vom "Tao der Liebe": "Wenn du's genau wissen willst, Tom: Der Verzicht auf Onanie führt letztlich in die Unsterblichkeit". In solchen Momenten durchzieht den Roman die Grundsätzlichkeit der Maximen, wie sie in "Tempo" und anderswo in den Achtzigerjahren immer wieder aufgestellt wurden.

Gitarrist Rory Gallagher: Die Traurigkeit wirkt unentrinnbar
Getty Images

Gitarrist Rory Gallagher: Die Traurigkeit wirkt unentrinnbar

Der Durchschnittsmann denke ungefähr 200-mal täglich an Sex, liest Tom in der Zeitung: Das "mag dann auf mich auch zutreffen, denn ich bin ja wohl der Durchschnitt in Person, aber öfter als 200-mal täglich denke ich an den Tod". So werden im Roman Selbstmordarten abgewogen, auch hier mit Hang zum Werturteil.

Toms Bruder Sören ist da längst ein meinungsstarker Kulturjournalist, seinem Bruder hilft er aus, wenn das Geld, das er als Postsortierer verdient, nicht reicht. Auch bei den Frauen kommt Sören an, und zu den Versuchen des Jüngeren hat er immer wieder klare, manchmal vernichtende Meinungen.

Natürlich lässt sich in der Figur des Sören viel von Uwe Kopf wiederfinden, der als Journalist berühmt war für seine Prominentenporträts, die nicht selten zu Schmähungen wurden und ihm den Ruf eines "Magneten für Gegendarstellungs- und Schadensersatzforderungen" einbrachten. Im Roman seien viele Klarnamen geändert worden, schreibt der Agent Timm, nicht alle sind so leicht rekonstruierbar wie "die berühmteste Feministin des Landes". Beim Namen genannt werden unter anderem Sean Connery und Kopfs Freund und Kollege Marc Fischer.

Fischer ist zu Gast bei Sörens Party im Mai 1997, und dort findet Tom doch noch das Liebesglück. Dass sich Eva, eine angehende Ärztin aus Aachen, für ihn entscheidet, erscheint dem Leser kaum weniger unwahrscheinlich als Tom selbst. Aber es kommt so. Und Toms Liebe teilt sich der Welt mit, indem er stets mit Eva Händchen hält - und sogar sein Jever-Bier-Dogma aufgibt und Prosecco trinkt.

Toms Liebe: Das Jever-Bier-Dogma aufgeben
imago/ Gerhard Leber

Toms Liebe: Das Jever-Bier-Dogma aufgeben

Das missfällt dem älteren Bruder, er findet, Tom mache sich dadurch lächerlich, werde zum "Liebeskasper", wie er in einem Brief schreibt. Der Brief ist einer von mehreren Schritten, die zum Ende der Beziehung zwischen Tom und Eva führen, nach deren Ende schon bald folgt, was die Polizei einen "Bilanzselbstmord" nennen wird.

Ist es zu stark interpretiert, wenn man aus der Stellung, die dieser Brief in dem Roman hat und daraus, was aus ihm folgt, ein wenig Selbstkritik herausliest? An der unnachsichtigen, prinzipienstrengen Haltung, mit der Leute wie Uwe Kopf auftraten? Es ist jedenfalls eine dieser Stellen - zwischen all den Schrulligkeiten und Abschweifungen -, die dem Leser nahe gehen, ihn nicht mehr loslassen, lange nach der Lektüre.

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Uwe Kopf:
Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe

Tempo bei Hoffmann und Campe, 320 Seiten, 22 Euro

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