Stunde-null-Roman von Uwe Timm Sex in den Trümmern des Übermenschen 

Deutschland liegt 1945 in Schutt und Asche, in den Ruinen schlummert der Rassenwahn: Uwe Timm nimmt in "Ikarien" die Geschichte der Eugenik ins Visier. Ein grausamer, ein lustvoller Roman.

US-Jeep im zerstörten Nürnberg 1945
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US-Jeep im zerstörten Nürnberg 1945

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Die einen werfen ein Kaugummi ein, die anderen vermessen Schädel. Amerikanische Lässigkeit gegen deutsches Herrenmenschendenken, das Kauen schlägt das Grauen. Uwe Timm hat mit "Ikarien" einen großen Roman über die ersten Tage nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, ein Buch über das Ende aller germanischen Überlegenheitsfantasien, ein Buch über die schleppende Camel-gegen-Nylons-gegen-Count-Basie-Platten-Tauschmarkt-Demokratisierung der Deutschen durch die Amerikaner.

Timm fährt das ganze Stunde-null-Programm auf, man kennt es aus etlichen anderen Erzählungen, auch aus seinen eigenen, etwa aus seinem erfolgreichsten Buch, "Die Entdeckung der Currywurst". Aber wenn er nun darüber schreibt, wie US-Soldaten die in Silberpapier eingewickelten Plättchen aus ihren Jeeps an die deutschen Kids rausreichen, bekommt das Szenario etwas Magisches. Wäre "Ikarien" ein Film, diese Bildabfolgen liefen in Zeitlupe. Das Kaugummi als Glücksversprechen.

Einmal erklärt ein US-Armee-Angehöriger einem Deutschen den praktischen Vorteil dieser nicht zum Verspeisen gedachten Speisemasse, dieses mehr als dem Genuss dienenden Genussmittels, dieser pikanten kulinarischen Paradoxie: "Die Bewegung der Kaumuskulatur verbessert die Blutversorgung des Kopfes und damit die Sauerstoffzufuhr des Gehirns. Also eine Verbesserung im Denken, und das ganz ohne Zucht und Züchtigung."

Aus dem Wörterbuch der "Herrenrasse"

Schwer zu sagen, wie ernst diese Aussage gemeint ist, es schwingt darin Schrecken und Bitterkeit mit. Michael Hansen, der US-Offizier deutscher Herkunft, der hier spricht, untersucht das Wirken des deutschen Wissenschaftlers Alfred Ploetz. Ploetz, der bereits fünf Jahre vor Kriegsende gestorben ist, war der Wegbereiter der Eugenik in Deutschland, er führte den Begriff "Rassenhygiene" ein, der zentral werden sollte im Selektions- und Mordapparat der Nationalsozialisten.

Gerade erst hat auch Frank Witzel mit "Direkt danach und kurz davor" einen 500-Seiten-Roman über die Zeit unmittelbar nach dem Krieg herausgebracht. Woher die Faszination für diese Zeit des Übergangs, die tausendfach beleuchtet scheint und doch sonderbar unbestimmt bleibt? Im Falle von Timms Herangehensweise ist es das Thema Reproduktionsmedizin: Unter den Nazi-Ruinen liegt der Menschenpark. Es geht um die möglichen verbrecherischen Perversionen steuerbarer Fortpflanzung - die in der Zukunft von immer größerer Bedeutung sein wird. Timm zeigt die gefährlichen Versuchungen und schleichenden Entmenschlichungen, die in dem Stoff angelegt sind.

Auch die amerikanischen Sieger interessieren sich für die Forschung des "Rassenhygienikers" Ploetz. Irgendeine Erkenntnis muss sich doch aus den Menschenversuchen ableiten lassen. US-Offizier Hansen steigt tief hinab in Ploetz' Denken und Vokabular - samt "Brutpflege" und "bewusster Gattenwahl", samt "westarischem Langschädel" und "Aufzucht einer nordischen Rasse". Das ganze Wörterbuch des Herrenmenschen tut sich auf, wissenschaftlich verbrämt. Kaum auszuhalten - hätte Autor Timm nicht eine kluge, doppelbödige Erzählkonstruktion für sein zwangsweise mit Wortungetümen aufgeladenes Werk gefunden.

Uwe Timm
Gunter Gluecklich

Uwe Timm

Er lässt eine Art Stellvertreter Ploetz' in den Dialog mit dem US-Offizier treten, und dieser Stellvertreter ist ein durch und durch anständiger Kerl. Ein Anarchist, ein Dissident, ein Mann der schönen Literatur, der erst in Dachau einsaß und sich die Kriegsjahre im Keller eines Buchladens versteckt hielt, zwischen Werken von Arnold Zweig und Ernst Bloch und all den anderen verbotenen Autoren. Und ausgerechnet dieser kritische, humanistische Geist spricht über den Eugeniker in den wärmsten Worten als "der Freund".

"Gleichheit in Schönheit"

Denn der Anarcho und der Menschenzüchter haben, so sonderbar das klingt, die gleiche ideelle Herkunft. Ende des 19. Jahrhunderts, so erzählt es der alte Mann dem Militär, träumten sie gemeinsam von einer Gesellschaft, die auf Gleichheit beruhen sollte. Dabei orientierten sie sich an dem französischen Sozialrevolutionär Étienne Cabet, der das Modell einer rigoros egalitären Gemeinschaft entwickelte und diese "Ikarien" nannte: "Ein Gedanke, der Ploetz sogleich entflammt hatte, diese Vorstellung einer gerechten und gleichen Gesellschaft, die auch in ihrem Erscheinungsbild harmonisch, also schön war. Die Ungerechtigkeit in der Natur des Einzelnen sei zu korrigieren, also das Gleichmaß der Stellung in der Gesellschaft müsse auch im Antlitz und im Körper zu erreichen sein. Eine Gleichheit in Schönheit."

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Uwe Timm:
Ikarien

Kiepenheuer&Witsch, 512 Seiten; 24 Euro

Mit dieser Idee war Alfred Ploetz nicht allein; Timm lässt ihn mit gleichgesinnten historischen Schöngeistern und Sozialrevolutionären zusammentreffen. Einer von ihnen ist der spätere Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, den Timm in seinem Buch als eitlen Goethe-Lookalike von "der Aufzucht schöner, gesunder, attischer Menschen" nach "griechischem Maß" schwadronieren lässt. Es sind bedrohliche Grenzgänge, die Timm beschreibt: Bohemiens werden zu Biologismusfanatikern, Kommunisten zu Rassisten. Der Rassenwahn lauert überall.

Auch in Amerika. Ploetz reist, der Erste Weltkrieg ist noch fern, in die Vereinigten Staaten, wo sich ikarische Kommunen gebildet hatten. Doch: Kein Neuer Mensch in Sicht in der Neuen Welt. Ploetz ist geradezu schockiert vom physiognomischen Chaos, das er in der amerikanischen Wildnis vorfindet: Überall Köpfe, "die erstaunliche Ohren trugen" und Nasen, "deren Großkolbigkeit ins Auge stach". Für ihn ist deshalb klar: "Es muss eine biologische Revolution geben, die muss die soziale ergänzen!"

Bald spricht er in seinen Schriften von "kontraselektorischer Humanität" - was nichts anderes heißt, als dass es kein Mitleid geben darf mit jenen, bei denen die Menschenzüchter als falsch erachtete Erbanlagen feststellen.

Dem jungen amerikanischen Offizier wird bei seinen Recherchen der ganze Bausatzkatalog des sogenannten Übermenschen präsentiert, während er sich selbst in ein amouröses Abenteuer mit weiblichen Militärangehörigen und deutschen Fräuleins stürzt. Fraternisierung der schönsten Art, blöd nur, dass man ihn direkt nach dem Liebesakt in Gesprächen über "biologische Substanz", "artfremdes Eiweiß" und Schädelvermessungen mithilfe von Senfkörnern aufklärt.

Uwe Timm ist mit "Ikarien" ein Buch gelungen, das von den kranken Gesetzen des Rassenwahns und den eigenen Gesetzen des Begehrens erzählt. Kühl und distanziert, verwundert und manchmal auch ein bisschen euphorisiert. Swing und Whiskey sind immer präsent, wenn der Held dieses großen Stunde-null-Romans Sex in den Trümmern des Übermenschen hat. Zur Behandlung des Katers danach wirft er ein Kaugummi ein.



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