Beziehungen Verbindlichkeit als Abenteuer

Was, wenn doch noch die größere Liebe kommt? Tinder und Co. fördern die Unverbindlichkeit von Beziehungen. Der Journalist Maximilian Probst erklärt, warum wir wieder verlässlicher werden müssen - im Privaten, aber auch im Politischen.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Axel Martens/ Rowohlt
    Maximilian Probst, Jahrgang 1977, ist Journalist. Davor studierte er Germanistik und Philosophie und übersetzte Werke von Paul Virilio oder Slavoj Zizek. Er lebt ganz verbindlich mit Frau und Kindern in Hamburg - auf dem Hof, der seit Generationen in seiner Familie ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Probst, war es schwierig, sich zum Schreiben zu verpflichten?

Maximilian Probst: Ich habe einen Vertrag mit mir selbst gemacht und mir verordnet, regelmäßig zu schreiben. Deswegen ist mein "Plädoyer für eine unzeitgemäße Tugend" auch in Tagebuchform entstanden. So ein Vertrag bringt mehr, als zu glauben, man könne sich durchwurschteln. Ich glaube, so etwas braucht jeder, für alles Mögliche.

SPIEGEL ONLINE: Dabei scheint ja Verbindlichkeit ein wenig aus der Mode gekommen, oder?

Probst: Ja, zum Beispiel wurde es für mich immer aufwendiger, mich mit Freunden zu verabreden. Wir sagten erst: Lass uns am Freitag treffen, dann kam der Freitag und jemand schickte eine SMS, es sei was dazwischengekommen, lass uns Montag ins Auge fassen. Dann kam der Montag mit seinem Stress, also wieder eine Nachricht: Lass uns übermorgen schnacken. Das nahm sehr viel Raum ein. Ich merkte, dass auch ich kein sehr verbindlicher Mensch mehr war. Dabei gibt es Gegenentwicklungen, etwa Jogging-Apps, die einen kontrollieren: War man drei Tage nicht laufen, fragt die App oder meine Social Community, was los ist. Ich wollte wissen, wieso wir uns so verhalten.

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Maximilian Probst:
Verbindlichkeit

Plädoyer für eine unzeitgemäße Tugend

Rowohlt Verlag; 256 Seiten; 19,95 Euro

SPIEGEL ONLINE: Und warum ist das so?

Probst: Den entscheidenden Imperativ hat der Philosoph Heinz von Foerster bereits 1973 aufgestellt. Er sagte: Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird. Und die Technik ermöglicht uns das nun besser als je zuvor. Aber eben mit Folgekosten. Dazu kommt ein Kapitalismus, der auf Flexibilisierung setzt: Die Produktpalette wird immer ausdifferenzierter, unübersichtlicher. Das Projekt, der Job, kann morgen schon beendet sein, Unternehmen lassen sich häufig nicht verbindlich auf ihre Mitarbeiter ein - ich war selbst lange Freiberufler, ich kenne das.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Freiheit, die Wahl zu haben, ist doch unüberbietbar.

Probst: Ja, das Nicht-Festlegen-Wollen war zunächst ein Gewinn, es hat verkrustete Verhältnisse aufgesprengt. Und stimmt, Verbindlichkeit in einem traditionellen Gewand als soziale Norm könnte den Fortschritt abwürgen. Aber dahin will ich nicht zurück.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Probst: Meine These ist, dass die Verbindlichkeit selbst eine Option geworden ist: Nun, da sich jeder frei entscheiden kann, hat sie einen neuen Wert bekommen. Historisch gesehen war sie eine Zwangsveranstaltung. Bis ins 20. Jahrhundert mussten Männer früh heiraten, um zu zeigen, dass sie verlässlich sind. Nur so bekamen sie Kredit und konnten am Geschäftsleben teilnehmen. Es galt als Stärke, sich zu binden. Dieser Fundamentalismus ist heute nicht mehr angemessen. Meine Definition von Verbindlichkeit ist nicht so stark wie Treue. Es geht darum, sich festzulegen, ja. Aber aus einer eigenen Verantwortlichkeit heraus. In der Verbindlichkeit steckt ein hartes Bemühen, das zum Ende hin offen ist. Es gehört also dazu, dass es auch mal nicht klappt - und man hin und wieder die Vergebung von anderen braucht.

SPIEGEL ONLINE: Gerade Liebesdinge werden ja aber unverbindlicher, wie man an Datingplattformen wie OKCupid oder Tinder sieht. Brauchen wir Verlässlichkeit politisch oder privat dringender?

Probst: Das geht Hand in Hand. Die Annahme, Verbindlichkeit müsse vom Einzelnen ausgehen, wäre nur wieder eine neoliberale Idee, die stets das Individuum in Haftung nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Aber was habe ich davon, verlässlich zu sein?

Probst: Man muss sich klarmachen, welche Abenteuer diese Verbindlichkeit mit sich bringt. Im Unverbindlichsein prüft man eine Beziehung dauernd, bewertet sie, fragt sich: Gibt es etwas Besseres? Und steigt wieder aus. Entscheidet man sich für Verbindlichkeit, überlässt man sich dem, was da kommt. Diese Passivität wird völlig unterschätzt in unserer aktivistischen Kultur. Man kann die Dinge doch einfach mal laufen lassen, wie sie sind. Es ist ein Wert an sich, nicht zu wissen, was passiert. Wer das versteht, wird es vielleicht öfter tun.

SPIEGEL ONLINE: Alles laufen lassen? Aber es ist doch ein hohes Gut, nichts als gegeben zu akzeptieren.

Probst: Als erster Schritt ist das richtig. "An allem ist zu zweifeln", nach Hannah Arendt fängt mit diesem Satz von Descartes die Moderne an. Mittlerweile sind wir auf diesem Weg aber in eine derart unübersichtliche Welt geraten, dass wir Angebote brauchen, auf die wir uns verlassen können. In einer komplexen Welt steigt nun einmal der Wunsch nach Einfachheit.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch reine Nostalgie.

Probst: Wir alle, die Politik wie der einzelne, sollten diese Sehnsucht nach Verlässlichkeit ernst nehmen. Und nicht den Populisten überlassen. Das völkische Konzept der AfD scheint ja für viele interessant, weil es feste Identitäten verspricht: ein Deutscher ist ein Deutscher, ein Mann ist ein Mann, dann braucht man sich nicht mehr mit Multikulturalismus und Geschlechter-Dekonstruktion befassen. Die richtige Antwort darauf wäre, Verbindlichkeit im Ökonomischen zu verankern, mit einer Politik, die Berufschancen sowie soziale und ökologische Gerechtigkeit garantiert. Würde man den Bürgern mittels einer Bildungsoffensive dazu noch einen Kompass in die Hand drücken, um in einer komplexen Welt besser navigieren zu können, wäre viel gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt alles sehr schön. Aber Donald Trump etwa scheint aufs Gegenteil aus zu sein. Und auf Verbindlichkeit zu pfeifen.

Probst: Gar nicht - es sieht ja danach aus, dass er seine Wahlkampfversprechen umsetzen wird. Dass einige davon überrascht sind, zeigt für mich, wie sehr die Verbindlichkeit in den letzten Jahren in die Krise geraten ist. Viele konnten sich offenbar nicht mehr vorstellen, dass einer tut, was er sagt.

SPIEGEL ONLINE: Aber was er sagt, ist ja alles andere als verlässlich, Fakten werden zu Fiktionen.

Probst: Trump rüttelt an der Grundannahme, dass die Wirklichkeit einer objektiven Überprüfung zugänglich ist, deren Ergebnisse für alle verbindlich sind. Das ist nicht nur ein Angriff auf den Journalismus, sondern auch auf unser wissenschaftliches Weltbild. Er arbeitet daran, eine alternative Verbindlichkeit durchzusetzen, die auf Machtverhältnissen beruht - und darauf, was er und seine Entourage sagen.

SPIEGEL ONLINE: Was könnten Parteien im anstehenden Bundestagswahlkampf daraus lernen?

Probst: Parteien müssen zeigen, was sie wie erreichen wollen. Sie müssen das harte Bemühen unter Beweis stellen - dabei aber klarmachen, dass sie auch scheitern können. Das ist kein Widerspruch, denn Wahlkampfversprechen sind das überflüssigste, was Demokratie zu bieten hat. Die Vorspiegelung von Sicherheit provoziert immer das Gegenteil, enttäuschte Versprechen beschädigen die Verbindlichkeit. Wir brauchen Verbindlichkeit, was unsere Ziele angeht - so wächst die Gesellschaft zusammen.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
cave100 03.04.2017
1. Meinung
Wieder einer bei SPON der uns sagt wie wir Leben und Denken sollen. Endlich verständlich? JA!
yshitake 03.04.2017
2. Was noch fehlt
Ein Plädoyer dafür, das nicht jeder aus seinem persönlichem Befinden einen Ratgeber für den Rest der Welt machen sollte. Ich hab so das starke Empfinden, die echt alberne "V wie Vendetta"- Persiflage ist noch das gehaltvollste an dem ganzen Buch und würde evtl. sogar kleinere Beträge darauf wetten, das dies der ganze Grund war dieses Werk überhaupt zu produzieren. Wahrscheinlich steht da auf 245 Seiten nur Lorum Ipsum Fülltext und niemand wird es je bemerken.
spon-facebook-10000042488 03.04.2017
3. Maximilian Probst
Lieber Herr Probst, könne sie anstatt für "Uns" nicht einfach für "Sich selbst" Sprechen? Das würde das ganze persönlich und auch etwas spannender machen, aber ich verstehe schon, generation Smartphone ist ungern alleine. Selbst Schuld. Aber komisch: Eine "Studie" sagte doch erst vor kurzem, das die "Millenials" wie "wir" gerne abwertend genannt werden, viel weniger Sex haben, weil wir uns wieder auf konstanten zurück besinnen... steht das nicht irgendwie im widerspruch zu allen anderen "Studien" die sich mit BAuchgefühlen auseinandersetzen?
coyote38 03.04.2017
4. Die Unverbindlichkeit als Folge fehlender Maßstäbe ...
Wenn man "Vaterland" als "komisch" und "Liebe" nur noch als eine "Variante von Harndrang" klassifiziert, dann wird man freilich von der Möglichkeit entbunden, als Amöbe enttarnt zu werden. Setzt man Maßstäbe allerdings wieder ein, dann werden sie - bedauerlicherweise gnadenlos immer zuerst an einem selbst - zur unerbittlichen Messlatte. Die gesellschaftliche und politische Unverbindlichkeit ist eine Folge fehlender Maßstäbe und Werte. Im Moment, da "alles egal ist", wird auch niemand mehr einer Bewertung unterworfen. "Deutscher" ...? Egal ... Grenzen auf. "Partnerschaft" ...? Egal ... "warum kaufen, wenn Leasing doch so einfach ist". "Mann und Frau als Keimzelle des Staates" ...? Egal ... der "besondere Schutz der Ehe" durch das Grundgesetz ist sowieso veraltet ...^^ --- Nein, liebe Leute ... "so" geht's nicht. Allein schon die Tatsache, dass der Autor die Konzepte "Deutscher" und "Mann" als "völkisch" charakterisiert, entlarvt ihn. --- Ich bin ein Mann ... und ich bin Deutscher. Auf der ganzen Welt haben diese Begriffe - allemal wenn sie zusammen verwendet werden - die Konnotation von Verlässlichkeit und Stärke ... nur in Deutschland selbst nicht. Sonderbar. --- Meine letzte Freundin konnte mit meiner meiner finanziellen, menschlichen und charakterlichen Verlässlichkeit nun aber wirklich GAR NICHTS anfangen, sondern hätte es vorgezogen, wenn ich Beruf und soziale Sicherheit aufgegeben hätte, um mit ihr am Ende der Welt ein "alternatives Einsiedler-Leben von der Hand in den Mund" zu beginnen. Gleichzeitig hat sie mir die Ohren vollgeheult, dass sie unbedingt eine Familie gründen und ein Zuhause haben möchte. Schlussendlich hat sie sich von mir getrennt, weil ihr meine Verbindlichkeit nicht als Maßstab oder als "Wert an sich" erschien ... allerdings hat sie jetzt weder ein "Zuhause" noch eine Familie.
edhomme 03.04.2017
5. Verbindlich konservativ
Er ist wieder da: der konservative bis reaktionäre Zeitgeist. Jetzt also nach der politischen Offensive der Angriff auf das Verhalten. Vorschriften getarnt als Forderung "nach mehr Verbindlichkeit". Mit jämmerlichen Argumenten und durchschaubaren Zielen. Von mir ein verbindliches NEIN.
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