Kirche und Sex "Polygamie ist manchmal sinnvoll"

Eine Nonne legt sich mit dem Vatikan an: Im Bestseller "Verdammter Sex" kritisiert die US-Theologin Margaret A. Farley die Kirche. Von Papst Franziskus fordert sie ein Umdenken beim Zölibat und plädiert für die ganz große Paarvielfalt.

Ein Interview von

AP

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie als Theologin ein Buch über Liebe und Sex geschrieben?

Farley: Es war schlicht nötig. Als Theologin und Ethikerin empfinde ich es als meine Verpflichtung, über Dinge zu schreiben, die die Gesellschaft beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Als Ihr Werk auf Englisch erschien, gab es Ärger mit dem Vatikan. Die Glaubenskongregation, die bestimmt, was reine Lehre ist und was nicht, hat Katholiken verboten, das Buch an Schulen und Universitäten zu benutzen.

Zur Person
  • Theiss
    Die renommierte amerikanische Theologin Margaret Farley, Jahrgang 1935, hat ein Buch geschrieben, das den Vatikan erzürnt. Jetzt erscheint es auf Deutsch. In "Verdammter Sex. Für eine neue christliche Sexualmoral" fordert die Katholikin, die bis zu ihrer Pensionierung in Yale gelehrt hat, ein radikales Umdenken in Sachen Homosexualität, Verhütung, Zölibat und Ehescheidung.

Farley: Ich dachte, die stellen mir ein paar Fragen, weil ich ja seit 1959 Nonne der Barmherzigen Schwestern bin. Am Ende sollte ich öffentlich bekunden, dass ich die Sexualmoral, wie die Kirche sie lehrt, voll und ganz anerkenne. Das tat ich nicht. Folglich fällte Rom sein Urteil, dass meine Meinung unkatholisch sei.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass Christen Sex schon früh als Gefahr betrachtet haben. Warum ist die Kirche in Sachen Erotik so restriktiv?

Farley: Als das Christentum entstand, war die stoische Philosophie in Mode. Die Stoiker glaubten, dass die Menschen ihre Emotionen mithilfe der Vernunft ordnen könnten. Gleichzeitig zweifelten sie daran, dass auch sexuelles Verlangen auf diese Weise diszipliniert werden kann. Lust wurde in ihrer Theorie zur Gefahr für das Wohlbefinden des Menschen. Die frühen Christen übernahmen diesen Gedanken, wollten aber den Sex irgendwie ins Reich der Vernunft zurückholen. Deshalb schrieben sie ihm einen positiven, rationalen Zweck zu: Fortpflanzung.

SPIEGEL ONLINE: Konnte man nicht gläubig sein und einfach so Sex haben, ohne Fortpflanzung?

Farley: Nein, Lust behinderte die Betrachtung Gottes. Allerdings dachten nicht alle Theologen negativ. Thomas von Aquin erklärt schon im 13. Jahrhundert, dass Sexualität von Gott komme, dass sie eine Quelle des Guten sei.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt die Bibel zum Thema Sex?

Farley: Leider bieten die Evangelien keine grundsätzliche Erklärung. Manchmal fragen die Jünger Jesus, wie sie sich in dieser oder jener Situation verhalten sollen. Und Jesus antwortet spontan. Für uns Christen gibt es kein vollständiges biblisches Sex-Konzept.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Jünger sich denn verhalten?

Farley: Um Jesus nachzufolgen, ließen sie alles hinter sich, auch ihre Familien. Enthaltsamkeit wurde zu einer wichtigen Idee. Wer keusch ist, kann sich auf Gott konzentrieren und die frohe Botschaft verkünden. Vielleicht wollten die Jünger auch ihre Familien schützen: Christen wurden verfolgt. Als das Christentum Staatsreligion war, nahm die Radikalität nicht unbedingt ab. Um sich ganz Gott hinzugeben, ging man in die Wüste oder gründete in der Einsamkeit Klöster.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als wäre die Flucht vor der Sexualität tief verwurzelt in der katholischen Tradition.

Farley: Nun, die Kirche kann lernen.

SPIEGEL ONLINE: Man hat aber den Eindruck, dass dieser Lernprozess immer sehr lange dauert...

Farley: Die Kirchenführer wollen kein Chaos stiften, das ist auch okay. Allerdings scheinen ihre Sexualgesetze fast in Stein gemeißelt.

SPIEGEL ONLINE: Heterosexuelle Partner sollen als Ehegatten Fortpflanzungssex haben. Homosexuelle Handlungen sind Sünde. Abtreibung ist auch verboten, Kondome sind schwierig, Masturbation ist böse...

Farley: Die Probleme, die aus dieser Sexualmoral entstehen, töten die Kirche. Die Leute nehmen sie als moralische Instanz nicht mehr ernst. Wir verlieren die Menschen in Scharen.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man das ändern?

Farley: Wir müssen den Biologen und Psychologen zuhören und sehen, wie ihre Erkenntnisse mit katholischer Tradition zusammengehen. Was wir nicht tun sollten, ist auf eine Stimme von oben zu warten, die sagt: Lasset euch nicht scheiden! Seid nicht schwul!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie konkrete Verbesserungsvorschläge?

Farley: In meinem Buch erarbeite ich sieben Normen, die Voraussetzung für gerechte Liebe sind: Sex soll einvernehmlich sein und auf Gegenseitigkeit beruhen. Die Partner müssen sich auf Augenhöhe begegnen und dürfen sich nicht verletzen. Die Gesellschaft darf niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminieren. Und: Sex sollte verbindlich sein und die Beziehung fruchtbar.

SPIEGEL ONLINE: Fruchtbar?

Farley: Ich meine das metaphorisch. Aus jeder Beziehung kann eine Frucht, kann ein Gewinn erwachsen, der kein leibliches Kind der Partner sein muss. In manchen Regionen der Welt ist es auch nicht sinnvoll, dauernd Kinder zu zeugen, die dann hungers sterben.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist Gott in Ihren Normen?

Farley: Es sind menschliche Normen. Ich hoffe, dass sie auch Atheisten ansprechen. Sie beziehen sich allerdings schon auf die Zehn Gebote - und auf den Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

SPIEGEL ONLINE: Dieses Gebot kann man auch in einer Vielehe verwirklichen.

Farley: Polygamie ist manchmal sinnvoll. Um Frauen zu schützen, die alleine nicht für ihren Lebensunterhalt aufkommen können zum Beispiel. Christliche Missionare haben ganze Völker zur Monogamie bekehrt. Der Westen war lange Zeit obsessiv fixiert auf die Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind. Sie garantierte gesellschaftliche Stabilität. Doch im Lauf der Geschichte gab es immer schon verschiedene Modelle, und heute ist das auch so. Eine wahre christliche Ehe muss doch nicht aus Mann und Frau bestehen. Zwei Männer adoptieren ein Kind - das ist doch eine Familie. Familie ist, was funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn eine Ehe schiefgeht? Der Mensch soll doch nicht trennen, was Gott verbunden hat?

Farley: Woher wissen wir, was Gott denkt, wenn eine Beziehung zu Ende geht? Selbst die Kirche hat heute kein Problem mehr mit Scheidungen. Bloß Wiederverheiratung ist schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Farley: Weil man in einer zweiten sexuellen Verbindung unrein wird. Wiederverheiratete befinden sich im Status der Todsünde. Gerade dieses theologische Problem beschäftigt den Papst sehr. Er möchte einen Ausweg finden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Franziskus die Sexualmoral der Kirche erneuern kann?

Farley: Er ist offen. Aber wie weit er meint, gehen zu können - da habe ich keine Ahnung. In jedem Fall muss er handeln. Wir verlieren mit dieser Sexualmoral nicht nur Gläubige, sondern auch Priester.

SPIEGEL ONLINE: Wie denken Sie denn über den Zölibat?

Farley: Oh, der muss weg. Sonst haben wir bald nicht mehr genug Priester.

SPIEGEL ONLINE: Und die Berufung von Frauen?

Farley: Muss kommen.

SPIEGEL ONLINE: Jesus hat ja selber keine Frauen geweiht...

Farley: ... soweit ich weiß, hat Jesus Christus überhaupt niemanden geweiht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
beobachter48 26.06.2014
1. Entweder- oder
Das hat Luther schon vor 500 Jahren gewusst. Man kann aber JETZT nicht aus Katholiken die besseren Protestanten machen.
mcmercy 26.06.2014
2.
Letzlich ohnehin alles irrelevant, was der Papst oder irgendeiner der Kollegen sagt. Jeder muss selber entscheiden, von wem er sich was vorschreiben lässt oder nicht. Jeder kann selber die Bibel den Koran oder was auch immer lesen uns sich eine Meinung bilden. Zum Glück muss man ja nicht mehr Latein lernen um die Bibel zu lesen. Obwohl ich Atheist bin empfinde ich es als dir größte aller Gotteslästerungen, dass sich einige Anmaßen den Willen eines Gottes besser zu kennen als andere.
Zaphod 26.06.2014
3. Schein-Katholizismus
Die Regeln der Autorin lesen sich ganz nett und klingen vernünftig. Nur - mit den Glaubenslehren der katholischen Kirche haben sie nichts zu tun. Sie hätten von jedem aufgestellt werden können, insbesondere auch vom Dalei Lama, der ja überlicherweise für unverbindlich-schöne Ansichten bekannt ist. Warum diese Regeln jedoch katholisch sein sollen oder auch nur irgendeinen Bezug zur katholischen Kirche haben, ist schleierhaft. Werden die Regeln aus Enzykliken abgeleitet oder sonstwie in eine Verbindung zur Lehrmeinung gestellt? Oder erhebt die Autorin einfach nur irgendwelche Forderungen an die Kirche, die keinerlei Fundierung innerhalb der tradierten Lehren haben? Die Positionen der katholischen Kirche sind nicht beliebig wandelbar, denn das würde bedeuten, dass die Kirche zu irgendeinem Zeitpunkt nicht die Wahrheit gelehrt hat. Das sollte auch die Autorin wissen!
mk70666 26.06.2014
4.
Zitat von mcmercyLetzlich ohnehin alles irrelevant, was der Papst oder irgendeiner der Kollegen sagt. Jeder muss selber entscheiden, von wem er sich was vorschreiben lässt oder nicht. Jeder kann selber die Bibel den Koran oder was auch immer lesen uns sich eine Meinung bilden. Zum Glück muss man ja nicht mehr Latein lernen um die Bibel zu lesen. Obwohl ich Atheist bin empfinde ich es als dir größte aller Gotteslästerungen, dass sich einige Anmaßen den Willen eines Gottes besser zu kennen als andere.
Im Grunde richtig... aus Sicht unserer relativ liberalen Gesellschaft. Es gibt aber auch Gesellschaften (oder Untereinheiten z.B. Familien) in denen nicht mehr jeder selber entscheiden muss bzw. gar nicht darf.
zynisch 26.06.2014
5.
Zitat von sysopAPEine Nonne legt sich mit dem Vatikan an: Im Bestseller "Verdammter Sex" kritisiert die US-Theologin Margaret A. Farley die Kirche. Von Papst Franziskus fordert sie ein Umdenken beim Zölibat und plädiert für die ganz große Paarvielfalt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/verdammter-sex-nonne-margaret-a-farley-ueber-katholische-sexualmoral-a-977057.html
Ich denke, es handelt sich dabei schlicht um ein sehr effizientes Kontrollinstrument. Die verklemmte Haltung zur Sexualität hat ja beispielsweise aktuell auch im Islam Hochkonjunktur, obgleich dies historisch bei weitem nicht immer so war. Man stellt eine fundamentale Regel auf, bei der man sicher sein kann, dass sich annähernd 100% der Menschen nicht dran halten können und schon hat man weitreichende Kontrolle über sie. DAS ist m.E. der Hauptgrund für die restriktive Haltung der meisten Religionen gegenüber Sexualität.
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