"Verführung des Talents" Die symbolische Schuld der Riefenstahl-Hülse

In einem neuen Buch versucht sich der Filmhistoriker Rainer Rother dem Leben und Werk Leni Riefenstahls zu nähern.

Von Wiebke Brauer


"Die Verführung des Talents" ist die erste deutschsprachige Monografie über Leni Riefenstahl. Das ist angesichts der Tatsache, dass die berüchtigte Regisseurin und Fotografin ein beliebtes Medienthema darstellt, mehr als erstaunlich. Ein Grund dafür mag in der Schwierigkeit liegen, sich in diesem Land dem Phänomen Riefenstahl zu nähern, ohne sich in Schuldzuweisung oder Apologie zu ergehen.

Deswegen liegt es nahe, dass Rainer Rother, Programmleiter des Zeughauskinos im Deutschen Historischen Museum in Berlin, besonderen Wert auf den geschichtlichen Kontext legt. Um Objektivität zu gewährleisten und damit möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, fächert er unter dem gefahrenfreien Raum der Wissenschaftlichkeit das Leben und die Karriere der Leni Riefenstahl auf, vergleicht an Hand von Akten und Dokumenten Aussage mit Aussage, Film mit Film.

Das Ziel des Autors ist es, den "Zusammenhang zwischen symbolischem Feindbild und Karriere" zu beleuchten, welcher, wie er zugibt, "nicht ohne moralische Wertung auskommt." Konkret heißt das: Wie kommt es, dass Leni Riefenstahl die Schuld der Deutschen im Dritten Reich verkörpert wie keine andere Person? Wie kam es zu ihrem kometenhaften Aufstieg? Die sorgfältig belegten Antworten, die der Autor gibt, sind ebenso wahr wie belanglos. Wie zum Beispiel, dass Riefenstahls Erfolg ein Produkt des Zufalls und ihres Willens ist.

Dabei ist selbst die Einfügung in einen geschichtlichen Kontext ein schwieriges Unterfangen. Oft finden sich Wendungen wie "sicher scheint" oder "es ist anzunehmen". Was ist wahr, was ist falsch? Wer gab den Auftrag zum berüchtigten Parteitagsfilm "Triumph des Willens", wie viel hat die Regisseurin von den Gräueln des NS-Regimes gewusst? An Fragen wie diesen versucht sich der Autor unter häufiger Zuhilfenahme einer recht fragwürdigen Quelle: der Memoiren Leni Riefenstahls.

Dass die über 800 Seiten starke und schwerfällig zu lesende Autobiografie keine klaren Antworten liefern kann, ist Rother bewusst, und er zieht daher, neben den bekannten, bisher "unberücksichtigte Dokumente" heran, um den Werdegang und die filmischen Produkte von Leni Riefenstahl zu beleuchten.

Das Aussehen ist wichtiger als das Schicksal der Opfer

Basierend auf der ewiglichen Frage, ob Riefenstahl Dokumentar- oder Spielfilme gedreht habe, betrachtet Rother den Beginn des Filmes "Triumph des Willens", in dem Hitler mit dem Flugzeug in Nürnberg eintrifft. Rother zeigt richtig auf, dass der Anfang kein dokumentarischer, sondern eine Spielfilmsequenz ist. Er unterschlägt aber erstaunlicherweise George Taboris Feststellung, dass genau in dieser Sequenz Hitler, deus ex machina, zu Boden schwebt. Stattdessen kommt der Autor zu dem Schluss, das es sich bei dem Werk der Regisseurin um eine Form der "heroischen Reportage" handelt. Das ist zwar ein neuer Terminus, aber keine neue Erkenntnis, und damit hat sich Rother erfolgreich um eine inhaltliche Wertung gedrückt, in die er sich verstricken könnte.

Auch zum Thema der indizierten Szenen aus "Olympia" bleibt der Filmhistoriker unverfänglich meinungsfrei. Zwar sagt er, dass der Film geschnitten wurde, aber nicht um was, beziehungsweise, um wen. Nur ohne Adolf Hitler darf der Film der breiten Öffentlichkeit gezeigt werden.

Nach 180 Seiten fragt sich der Leser, was er denn nun Neues erfahren hat. Die Willensstärke der Leni Riefenstahl ist hinlänglich bekannt. Die Feststellung, dass sie eine Autorin sei, "der es vor allem darauf ankam, den Film interessant zu machen", ist nicht erhellend. Auch der letzte Satz des Buches ist kein Novum: "Riefenstahl wollte ihr Publikum verführen." Welcher Regisseur will das nicht?

Leni Riefenstahl als Fotografin
DPA

Leni Riefenstahl als Fotografin

Doch findet sich in dem Buch "Die Verführung des Talentes" auch Bemerkenswertes: So beschreibt Rother, wie die Figur Leni Riefenstahl in der Nachkriegszeit zum Spektakel verkommt, in dem es nur noch um ihre symbolische Schuld geht. Viele der über 50 Prozesse, die die Regisseurin um Ruf und Recht führte, geraten zur Posse, das Aussehen der Regisseurin ist wichtiger als das Schicksal der Opfer.

Geschmacklosester Höhepunkt ist der bekannteste Prozess von 1949, in dem es um Sinti ging, die aus einem KZ geholt wurden, um bei Riefenstahls Film "Tiefland" als Komparsen mitzuwirken. Rother zitiert den Theaterkritiker und Essayisten Alfred Polgar, der über den Zivilprozess schrieb: Die Tatsache, "dass jene Statisten, nicht lange nachdem sie noch die Freude gehabt hatten, der Riefenstahlschen Filmkunst zu dienen, in den Gasofen verfrachtet wurden, blieb ein bedeutungsloses Detail."

Rother beschreibt, wie sich die Rolle der Riefenstahl-Hülse bis heute manifestiert hat. So wird die Regisseurin des ewigen Frage-Antwort-Spiels in den Medien beinahe enthoben, da die "Riefenstahl-Figuren" für sie einspringen - als Darstellerin ihrer selbst in Ray Müllers "Die Macht der Bilder", in Thea Dorns Hörspiel "Marleni", in Johann Kresniks Tanztheaterstück "Riefenstahl" und vielleicht bald auch in der Verfilmung ihrer Vita mit Jodie Foster.

Der Autor weil es "grotesk wie vergeblich anmutet, von Riefenstahl etwas Neues über die von ihr verantwortete Propaganda erfahren zu wollen." Auch stellt er fest, dass in allen Gesprächen mit der Regisseurin der "Neuigkeitswert gegen Null tendiere", da auf immer gleiche Fragen praktisch identische Antworten gegeben wurden.

Denn genau auf Grund der Tatsache, dass die nichts begreifende Leni Riefenstahl ein hohles Symbol ist, kann es nicht darum gehen, eine neue Wahrheit über sie herausfinden zu wollen. Die Wahrheit liegt vielmehr im Umgang mit ihrem Phänomen. So schrieb der Autor Georg Seeßlen schon 1994: "Das Geheimnis der Leni Riefenstahl ist, dass sie keines hat."

Rainer Rother: "Leni Riefenstahl - Die Verführung des Talents". Henschel Verlag, Berlin 2000; 240 Seiten; 39,90 Mark.



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