Frankfurter Buchmesse: Ängstliche Verleger und vernachlässigte Autoren

Von Sebastian Hammelehle, Frankfurt

Kulturpessimismus im Frankfurter Hof und ein Hauch von Stardust bei Diogenes. Auf der Frankfurter Buchmesse lesen Schriftsteller nicht nur erotische Passagen aus Romanen, Verleger verraten auch Geheimnisse - etwa wie man schöne Damen und gut gekleidete Herren anlockt.

Frankfurter Buchmesse: Wen man dort trifft
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dapd

Er habe im Frankfurter Bahnhofsviertel auf seinem Heimweg Kaninchen herumhoppeln sehen, erzählt ein Buchmessegast. Sein Gegenüber, offenbar vertraut mit allen Metaphern für das weibliche Geschlecht: "Hasen! Du meinst Hasen. Oder zumindest Bunnys." Nein, es seien Kaninchen gewesen.

Vorbei sind die Tage, als Wilhelm Genazinos unvergessener Romanheld Abschaffel hier noch von Bordell zu Bordell streifen konnte. Und vorbei sind auch jene Tage, als noch geraucht wurde. Das behauptet zumindest Michael Krüger. Der Verleger wird auch von Messegästen, die weder ihn noch seinen Hanser Verlag näher kennen, nur Michel genannt. Krüger droht, sich im kommenden Jahr, dem seines 70. Geburtstags, aus dem aktiven Geschäft auf eine Übervaterrolle zurückzuziehen. Er nutzte deshalb die Gelegenheit zur Messeeröffnung spätnachts im Hotel Frankfurter Hof, um noch einmal eine seiner berühmten kulturpessimistischen Reden vom Stapel zu lassen.

Schützenhilfe erhielt Krüger am Donnerstagabend von Joachim Unseld. Der fast ebenso legenden-umflorte Chef der Frankfurter Verlagsanstalt, lud in seine Villa zum sogenannten Buchmesseabend - traditionell einer der gesellschaftlichen Höhepunkte der Messe. "Wir erleben tektonische Verschiebungen" zitierte Unseld zustimmend den Chef der Buchhandelskette Hugendubel und meinte damit den Umsatzrückgang der Großbuchhandlungen, den Aufstieg von Amazon, vielleicht auch irgendwie das E-Book.

So ganz einleuchtend ist das allerdings nicht: Vor fünf Jahren hatte man sich in der Buchbranche noch über den Vormarsch von Buchhandelsketten wie Thalia beklagt. Auch Unselds Ehrengast, der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, musste zunächst eine Klage loswerden. Kirchhoff las aus seinem Roman "Die Liebe in groben Zügen". Und seinen Vortrag eröffnete er mit einem Seitenhieb darauf, es nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft zu haben.

Tatsächlich ist die Frage, was von Kirchhoffs Werk zu halten sei, auf der Buchmesse allgegenwärtiger als die Diskussion über den Nobelpreisträger Mo Yan. Die Bücher des Literaturnobelpreisträgers sind bislang zumindest auf Deutsch kaum lieferbar und dementsprechend unbekannt. Auch über die Buchpreisträgerin Ursula Krechelwurde wenig geredet, weil kaum jemand ihr umfangreiches Gesamtwerk kennt.

Die deutsche Sehnsucht nach dem Großroman hätte Kirchhoff mit seinem Mammutbuch womöglich besser bedient als Krechel mit "Landgericht" - man kann die Tatsache, dass sie und nicht etwa Kirchhoff ausgezeichnet wurde, eigentlich nur als größtmögliche Absetzbewegung der Jury von Kirchhoff verstehen.

Graue Zeiten und grüne Augen

Rainald Goetz, der mit seinem fulminanten Roman "Johann Holtrop" den anderen großdiskutierten und vom Buchpreis vernachlässigten Titel dieses Herbstes schrieb, war unter den Gästen Unselds. Goetz ließ sich ebenso wie die Jungschriftstellerin Annika Scheffel am Mittwochabend beim Kritikerempfang des Suhrkamp Verlags sehen. Dort las Scheffel aus einem bislang unveröffentlichten Romanmanuskript und stiftete dabei unfreiwillig das meistzitierte, verunglückte Sprachbild der Messe: "rahmspinatgrüne Augen".

Wie man formvollendeter mit derartigen Vergleichen umgeht, zeigte der englische Schriftsteller John Lanchester, dessen grandioser Roman "Kapital" Ende Oktober bei Klett-Cotta erscheint, bei einer Tischrede: "Als ich in den siebziger Jahren nach London kam, war alles grau. Die Stadt war grau, die Kleidung war grau, die Gesichter waren grau. Selbst das Essen war grau." Wie war das mit "Fifty Shades of Grey"?

Ein Buchtitel, auf den, noch viel deutlicher als Lanchester, am Donnerstagabend beim Empfang des Diogenes-Verlags dessen neuer Chef Philipp Keel anspielte. Und ja, auch Keel wirkte irgendwie ein wenig kulturpessimistisch, verpackte das aber mit viel Charme und Ironie. Dass sein Empfang die schönsten Frauen, die am elegantesten gekleideten Herren anlockt, mag ihm dabei geholfen haben. Wenn es eine Gelegenheit gibt, sich auf der Frankfurter Buchmesse, wie in einem Videoclip von Robert Palmer zu fühlen, dann ist das bei Diogenes, inmitten von Starautoren wie Martin Suter, Donna Leon und dem Vertreter des Messe-Gastlands Neuseeland Anthony McCarten.

Ein Diogenes-Autor allerdings war nicht gekommen, obwohl er angekündigt worden war: Jakob Arjouni, in dessen Reihe um den türkischen Ermittler Kayankaya zuletzt der Roman "Bruder Kemal" erschienen ist - ausgerechnet Arjouni, der dem Frankfurter Bahnhofsviertel, das gleich um die Ecke vom Diogenes-Empfang liegt, mit seinen Büchern ein Denkmal gesetzt hat. Er habe alle Messetermine abgesagt, hieß es.

Das kann eigentlich nur daran liegen, dass man auf der Kaiserstraße heutzutage Kaninchen sieht. Und keine Hasen.

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insgesamt 5 Beiträge
brandmeister 13.10.2012
Einige Probleme der Buchbranche heutzutage sind aber auch hausgemacht. Wenn ständig der Markt mit "Me-To"-Büchern (wie jetzt z.B. mit den "Vampir-Schmöckern") zugeschwemmt wird braucht man sich auch nicht [...]
Einige Probleme der Buchbranche heutzutage sind aber auch hausgemacht. Wenn ständig der Markt mit "Me-To"-Büchern (wie jetzt z.B. mit den "Vampir-Schmöckern") zugeschwemmt wird braucht man sich auch nicht wundern, wenn alles "andere" (ich will jetzt nicht von Qualität reden oder darüber diskutieren) hiervon erstickt wird. Wenn Bücher einfach nur lieblos produziert werden (aktuelles Negativbeispiel: die Aufmachung des neuen Terry Pratchett Romans), nur um möglichst Geld zu erwirtschaften darf man sich nicht ärgern, wenn Bücher nur noch als Massenware wahrgenommen werden und es den Lesern egal wird, ob gedrucktes oder virtuelles Exemplar. Das es auch anders geht zeigt hier z.B. der Verlag Hermann Schmidt bei dessen Büchern man gerne etwas mehr bezahlt, da man merkt, das diese Bücher wirklich "mit Liebe zum Buch" hergestellt und nicht nur einfach produziert werden. Leider ist dieser Verlag die Ausnahme in der auf Gewinnmarge optimierten Branche. Ich gehe gerne zu "meinem" Buchhändler in der Kleinstadt. Dessen Kundschaft aus Stammkunden besteht. Der sich auch die Freiheit nimmt mir von manchen Titeln abzuraten, die ich ordern möchte, da er meinen Geschmack kennt. Wo gibt´s das noch? In den meisten Läden ist doch heute das Personal durch Seminare "verkaufsoptimiert". Hat aber nicht mich als Kunden und meine Bedürfnisse im Fokus seiner Bemühungen. Mein Händler hat erst gestern wieder offen gesagt: "Lieber mach ich mal ein Geschäft nicht und der Kunde kommt wieder, da er meine Ehrlichkeit schätzt und zufrieden ist. Als daß er zu einem anderen Händler geht, weil er sich bei mir im nachhinein über den Tisch gezogen fühlt." Dies können keine Ketten und I-Nethändler toppen. Aber auch hier sind die Verlage und Grossisten aufgerufen. Wenn sie den "Großen" mir bessere Konditionen zu Lasten der Kleinhändler einräumen, dürfen sie auch nicht das Buchladensterben beklagen. Und so könnte die Litanei immer weiter gehen. Aber hauptsächlich liegt es an den Verlagen selbst, wie die Ware (jetzt hab ich doch das Wort geschrieben) Buch von den Lesern (=Konsumenten) wahrgenommen wird.
Newspeak 13.10.2012
Oh man, dieser Kulturpessimismus kann einen echt nerven. Was ist falsch daran, wenn einige Bücher Massenware sind und es andere Bücher gibt, die mit höchster Qualität und allen Finessen hergestellt werden? Ich kenne auch keinen [...]
Oh man, dieser Kulturpessimismus kann einen echt nerven. Was ist falsch daran, wenn einige Bücher Massenware sind und es andere Bücher gibt, die mit höchster Qualität und allen Finessen hergestellt werden? Ich kenne auch keinen Buchhändler, der mir jemals einen sinnvollen Tipp gegeben hätte. Zu den Zeiten, als ich noch die meisten Bücher in Buchhandlungen gekauft hatte, wurde man als Kunde entweder als störend empfunden, ignoriert oder mit genauso belangloser Freundlichkeit zugeschüttet, aber danach gefragt, was man für Bücher liest, hat nie jemand. Insofern fühle ich mich durch amazon ganz erheblich besser beraten, da ist der ganze zwischenmenschliche Höflichkeitsquatsch weg und man bekommt halbwegs objektive, weil durch einen Algorithmus herausgefilterte Ratschläge. Und stöbern kann man inzwischen im Netz auch besser, als im Laden. Aber Hauptsache, man macht als Verleger die neuen Medien schlecht und für alles verantwortlich und hält an ewiggestrigen Geschäftsmodellen fest. Und mal ehrlich...wieviele Leute lesen die angebliche literarische Hochkultur? Das sind doch alles Selbstbespiegelungen von Verlegern und Journalisten. Ist Herta Müller eine gute Autorin, weil sie den Nobelpreis bekommen hat. Wer liest die schon? Wer will überhaupt dieses ganze Verkopfte Zeugs? Es muß auch nicht das Gegenteil sein, die hunderste c-Prominentenbiographie, aber ein bißchen publikumsnäher könnte man Schriftsteller eben auch pushen. Davon gibt es jede Menge, auch junge. Aber die werden kaum ernstgenommen. Hauptsache man hat noch einen Ü80 Großschriftsteller im Programm.
wibkes 14.10.2012
Auszug aus Ihrem Kommentar: "Und mal ehrlich...wieviele Leute lesen die angebliche literarische Hochkultur? Das sind doch alles Selbstbespiegelungen von Verlegern und Journalisten. Ist Herta Müller eine gute Autorin, weil sie [...]
Auszug aus Ihrem Kommentar: "Und mal ehrlich...wieviele Leute lesen die angebliche literarische Hochkultur? Das sind doch alles Selbstbespiegelungen von Verlegern und Journalisten. Ist Herta Müller eine gute Autorin, weil sie den Nobelpreis bekommen hat. Wer liest die schon? Wer will überhaupt dieses ganze Verkopfte Zeugs?" Bodo Kirchhoff ist mit seiner Sprache und seinem Thema, der Suche nach Liebe und was ist das überhaupt, sehr nahe an unserer Gesellschaft. Er schreibt nicht verkopft, sondern erschreckend ehrlich, was uns auf dieser Suche nach Liebe vorantreibt, an welche Grenzen wir bereit sind zu gehen oder gerne bereit wären. Das ist keine Selbstbespiegelung, sondern ein Spiegel der Gesellschaft: wieviel Zeit investieren wir heute in eine gute Ehe, wieviel Zeit in ein gutes Buch, das ein ganzes Kilogramm wiegt und den Arm schwer werden läßt, wo doch die elektronische Berieselung viel einfacher ist und in jede Handtasche paßt. Kirchhoff hat ein Thema, eine Kernfrage. Wem das zu anstrengend ist, der sollte gleich bei den o.g. „Me-To“ Schmökern bleiben.
MDen 14.10.2012
Das Problem der Literaturszene von heute ist meiner Meinung nach, dass man weder für die Gegenwart taugliche Konzepte, noch eine Vision für die Zukunft hat. Es ist eine konzeptionslose, rückwärtsgewandte Weltsicht, die inhaltlich [...]
Das Problem der Literaturszene von heute ist meiner Meinung nach, dass man weder für die Gegenwart taugliche Konzepte, noch eine Vision für die Zukunft hat. Es ist eine konzeptionslose, rückwärtsgewandte Weltsicht, die inhaltlich und künstlerisch den regellosen Indiviualismus feiert, um die philosophische und konzeptuelle Leere zu verhüllen. Autoren und Verleger haben keine Antworten auf die Gegenwart, und schon gar keine für die Zukunft.
einzeiler 14.10.2012
Fuer mich als Autor und Selbstverleger war diese Messe eine wichtige erste Erfahrung mit der Branche. Das "eigene" Buch im "Regal" - wenn auch nur Messeregal - war mehr etwas fuer das eigene Ego als ein [...]
Fuer mich als Autor und Selbstverleger war diese Messe eine wichtige erste Erfahrung mit der Branche. Das "eigene" Buch im "Regal" - wenn auch nur Messeregal - war mehr etwas fuer das eigene Ego als ein sinnvolles Angebot. Wieviel Autoren finden ernsthaft den Weg zum Kunden mit dieser Strategie? Ich faende es schoen, wenn sich diese 300 Aussteller kennenlernen koennten, um Ihre Erfahrungen teilen zu koennen und zu Vermarktungsstrategien zu kommen, die allen hilft. Das Schaufenster Messe kann nur ein Anfangspunkt sein. Uebrigens ist das Vorlesen oft nur ein Monolog und kein Dialog. Auch darueber sollten Messemacher mal nachdenken.
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  • Samstag, 13.10.2012 – 16:19 Uhr
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